

Erläuterungen zu den ausgestellten Künstlern:
Josef Albers
Max Bill
Erich Buchholz
Antonio Calderara
Walter Dexel
César Domela
Eberhard Fiebig
Günther Förg
Günter Fruhtrunk
Winfred Gaul
Rupprecht Geiger
Hermann Glöckner
Jean Gorin
Camille Graeser
Peter Halley
Rudolf Jahns
Julije Knifer
Imi Knoebel
Richard Paul Lohse
Eduard Micus
Wolfgang Nestler
Blinky Palermo
Georg Karl Pfahler
Diet Sayler
Leon Polk Smith

media.art.zentrum I

media.art.zentrum II
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Kunst zeigt,
was man nicht sieht
Die Städtische Sammlung Erlangen – Überblicke I
19. Oktober –
23. November 2003
Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr
Ausstellungseröffnung: Sonntag, 19. Oktober 2003,
11 Uhr
Begrüßung: Dr. Siegfried Balleis, Oberbürgermeister der
Stadt Erlangen,
und Dr. Dieter Rossmeissl, Kulturreferent der Stadt Erlangen
Einführung: Lisa Puyplat, Leiterin Städtische Galerie Erlangen
Zur Städtischen Sammlung Erlangen
Die Städtische Sammlung umfasst derzeit einen Bestand
von rund 4.500 Werken zur „Internationalen Kunst ab 1945“.
Hinzu kommen Werke von Künstlern aus der Region und die Sammlungen
„Heinrich Kirchner, das plastische Werk“ und „Oskar
Koller, das druckgrafische Werk“. In der Zusammenschau bildet die
Städtische Sammlung mit der bedeutenden Graphischen Sammlung der
Erlanger Universitätsbibliothek, deren Sammlungsschwerpunkte zwischen
dem 15. und 17. und dem 19. und frühen 20. Jahrhundert liegen, einen
umfassenden Überblick über die grafische Kunst der Neuzeit.
Die Städtische Sammlung Erlangen besteht seit 1966. Zunächst
war bis 1974 der Fotograf, Bildhauer und Grafiker Helmut Lederer mit dem
Aufbau einer Sammlung beauftragt. In diesen Jahren erwarb er im Wesentlichen
grafische Einzelblätter und punktuell Kleinplastiken, deren Bestand
1976, als Karl Manfred Fischer als Leiter der Städtischen Galerie
auch Leiter der Sammlung wurde, bei rund 300 Arbeiten lag. Den Schwerpunkt
der Sammlung stellen seitdem als ein wesentliches und eigenständiges
Moment der Gegenwartskunst druckgrafische Mappenwerke, Serien, Künstlerbücher
und Multiples, Fotografien, Werke der Neuen Medien von Protagonisten und
Exponenten der deutschen und internationalen Kunstszene dar, sowie Medien
der visuellen Kommunikation wie der Popularkultur. Seit 2003 ist Lisa
Puyplat Leiterin der Städtischen Sammlung.
Der Gesamtbestand der Städtischen Sammlung ist magaziniert. Seit
25 Jahren jedoch ist die Errichtung eines Kunstmuseums für die Stadt
in der Diskussion. Bereits 1977 wurde auf die Notwendigkeit von permanenten
Schauräumen für die Städtische Sammlung hingewiesen. Karl
Manfred Fischer legte 1985 ein Diskussionspapier zur Konzeption und Planung
eines städtischen Kunstmuseums vor. Eine Fortschreibung dieser Konzeptidee
für ein Museum für Kunst und Neue Medien wurde 1992 zwar im
Kultur- und Freizeitausschuss einstimmig beschlossen mit dem Auftrag einer
Weiterbearbeitung, Haushaltsmittel wurden dafür aber nicht bereitgestellt.
Mit der 1999 in Aussicht gestellten und inzwischen vollzogenen Schenkung
des so genannten Museumswinkels durch die Siemens AG ergaben sich neue
Perspektiven. Als Grundlage hierfür wurde zunächst eine von
Karl Manfred Fischer und Lisa Puyplat erarbeitete Ideenskizze für
ein „Zentrum für Kunst, Kultur und Kommunikation“ vorgelegt,
die auch die Städtische Sammlung berücksichtigte. Das 2002 durch
das Kulturreferat der Stadt Erlangen abgewandelte Konzept für den
„Museumswinkel“ zur Durchführung eines Architektenwettbewerbes
sieht nun drei Säulen vor: Medizin und Gesundheit, Kunst und Kultur
mit der Städtischen Sammlung, sowie Wissenschaft.
Zu den Tendenzen und Künstlern der Städtischen
Sammlung zählen im Wesentlichen:
Informel und Tachismus und Nachfolger
Karl Bohrmann, Peter Brüning, Carl Buchheister, Adolf Frohner, Hans
Fronius Lucebert, Karl
Otto Götz, Giorgio Griffa, Hans Hartung, Gerhard Hoehme, Hans Platschek,
Bernard Schultze, Emil Schumacher, Walter Stöhrer, Antonio Tàpies,
Fred Thieler, Hann Trier, Günter Uecker,
Emilio Vedova, Fritz Winter
Konstruktivismus und Konkrete Kunst
Josef Albers, Carlo Alfano, Max Bill, Erich Buchholz, Antonio Calderara,
Walter Dexel, Helmut Dirnaicher, César Domela, Piero Dorazio, Ulrich
Erben, Günter Fruhtrunk, Winfred Gaul, Rupprecht Geiger, Karl Gerstner,
Raimund Girke, Hermann Glöckner, Jean Gorin, Camille Graeser, Rudolf
Jahns, Julije Knifer, Thomas Lenk, Richard Paul Lohse, Almir Mavignier,
François Morellet, Jan van Munster, Lew Nusberg, Georg Karl Pfahler,
Otto Piene, Lothar Quinte, James Reineking, Diet Sayler, Jan Schonhooven,
Heinrich Siepmann, Leon Polk Smith.
Pop-Art
Keith Haring, Robert Indiana, Allen Jones, Eduardo Paolozzi, Andy Warhol
Minimal-Art, Land-Art, Konzept-Kunst, Konzept-Malerei, Postmiminalismus
Robert Barry, Marcel Broodthaers, Christo, Hanne Darboven, Dan Flavin,
Günther Förg, Jan Hafström, Peter Halley, Donald Judd,
Fritz Klemm, Imi Knoebel, Joseph Kosuth, Jannis Konnellis, Barry Le Va,
Sol LeWitt, Gerhard Merz, Robert Morris, Matt Mullican, Dennis Oppenheim,
Blinky Palermo, Robert Rauschenberg, James Reineking, Fred Sandback, Alf
Schuler, Frank Stella, Arthur Dieter Trantenroth, Richard Tuttle, Timm
Ullrichs, Franz Erhard Walther
Arte Povera
Mario Merz, Giulio Paolini, Gilberto Zorio
Medien-Kunst, Fotokunst, Fotografie
John Baldessari, Bernhard Johannes Blume, Marius Boezem, Johannes
Brus, Ger Dekkers, Günther Förg, Jean Louis Garnell, Jochen
Gerz, Jack Goldstein, Hetum Gruber, Richard Hamilton, Robert Häusser,
John Hilliard, Rut Himmelsbach, Peter Hutchinson, Jürgen Klauke,
Ute Klophaus, André Kirchner, Sherrie Levine, Robert Longo, Christiane
Möbus, Pieter Laurens Mol, Erwin Olaf, Sigmar Polke, Gerhard Richter,
Joseph Gallus Rittenberg, Haus-Rucker-Co, Thomas Ruff, Jacqueline Salmon,
Laurie Simmons, Hermann de Vries
Kritische Kunst, realistische Kunst
Peter Ackermann, Dieter Asmus, Uwe Bremer, Vlassis Canniaris, Renato
Guttuso, Alfred Hrdlicka, Horst Jansen, Peter Nagel, Wolf Vostell. Druckgrafik
von Künstlern aus sechs ehemals sozialistischen Ländern: Bulgarien,
Polen, UDSSR, Tschechoslowakei, Ungarn, Vietnam.
Neue Malerei, Neue Subjektivität
Georg Baselitz, Michael Buthe, Abraham David Christian, Martin Disler,
Gotthard Graubner, Per Kirkeby, Dieter Krüll, Markus Lüpertz,
Josef Felix Müller, A. R. Penck, Mimmo Paladino, Arnulf Rainer, Rütjer
Rühle, Salomé, Cy Twombly
Objekt-Kunst, Fluxus und Nachfolger
Joseph Beuys, Henning Christiansen, Robert Filliou, Arthur Köpke,
Oswald Oberhuber, Dieter Roth, Reiner Ruthenbeck, Ben Vautier
Kleinplastik, Objekte, Multiples und Bildhausgrafik
Horst Antes, Bodo Baumgarten, Joseph Beuys, Franz Bernhard, Miguel
Berrocal, Emil Cimiotti, Klaus Peter Dencker, Eberhard Fiebig, Hermann
Glöckner, Erich Hauser, Fritz Koenig, Alf Lechner, Wilhelm Loth,
Ewald Mataré, Eduard Micus, François Morellet, Richard Mühlemeier,
Wolfgang Nestler, Norbert Radermacher, Fritz Reuter, Günther F. Ries,
Hans Rucker, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Konrad Balder Schäuffelen,
Alf Schuler, Rolf Szymanski, Arthur Dieter Trantenroth, Helmut Lederer
Künstlerbücher, Kunst und Literatur, Wortkunst
Daniel Buren, John Cage, Klaus Peter Dencker, Hans Peter Feldmann,
Pierre Garnier, Rupprecht Geiger, Ludwig Gosewitz, Moritz Götze,
Jörg Immendorff, Jiri Kolar, Helge Leiberg, Giulio Paolino, Josua
Reichert, Valerie Scherstjanoi, Emmett Williams, Robert Wilson. Künstlerbücher
in der Verbindung von Kunst und Literatur u. a.: Thomas Ranft/Ernst Jandl;
Guntram Vesper/Hartwig Ebersbach; Gerhard Falkner/Peter Kampehl/Bernhard
Prinz/Horst Münch/A. R. Penck.
Künstler regional/lokal
Peter Angermann, Gerhard Baumgärtel, Reiner Bergmann, Bernd Böhner,
Toni Burghart, Kevin Coyne, Günter Dollhopf, Egon Eppich, Walter
Förster, Otto Grau, Udo Kaller, Bernd Klötzer, Werner Knaupp,
Helmut Lederer, Johan Lorbeer, Erich Malter, Herbert Martius, Georg Pöhlein,
Rainer Pöhlitz, Michael Matthias Prechtl, Max Söllner, Ernst
Weil, Walter Zimmermann
Die Sammlung „Heinrich Kirchner, das plastische Werk“
Das Lebenswerk des Bildhauers. Dazu zählen die Großplastiken
im Burgberggarten und an anderen Orten der Stadt, sowie Kleinplastiken
aus dem Nachlass.
Die Sammlung „Oskar Koller, das druckgrafische Werk“
Das druckgrafische Werk des Malers, das bereits in wesentlichen Teilen
erworben werden konnte. In diesem Zusammenhang hat die Städtische
Galerie/Städtische Sammlung Erlangen ein Œuvre-Verzeichnis des
Druckgrafischen Werkes Oskar Kollers, das seine Arbeiten von 1950 bis
1995 umfasst, in einer zweibändigen Ausgabe herausgegeben.
Zur Ausstellung und zu den Werken
Die ersten Neuerwerbungen der Städtischen Sammlung
wurden 1968, 1969 und 1972 im Palais Stutterheim präsentiert. 1981
wurden eine Auswahl aus den Neuerwerbungen von 1976–1981 unter dem
Titel „28 x Kunst“ in der Städtischen Galerie präsentiert.
Erstmals seit 1981 wird die Städtische Sammlung Erlangen jetzt wieder
der Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist die erste Ausstellung einer
Reihe von fünf Präsentationen, die jährlich fortgesetzt
wird, um einen Gesamtüberblick über die Bestände der Sammlung
zu geben.
„Kunst zeigt, was man nicht sieht“, der Titel dieser ersten
Ausstellung, ist in Verbindung mit dem Bild des Plakates, einer Arbeit
des Fotokünstlers John Hilliard, dialektisch zu verstehen, liegt
doch für die konstruktiv-konkreten Künstler der Wert der Kunst
gerade in ihrer Autonomie. Das Bild weise auf nichts als sich selbst.
Dieser Zirkel freilich, der sich nicht schließen kann, ist nicht
zuletzt bei Günther Förg aufgebrochen im Titel seiner hier präsentierten
Serie „Das Auge hört“.
„Überblicke I“ konzentriert sich auf Konkrete, Konstruktive
und Analytische Kunst, bis hin zu Farbfeld und Neuer Abstraktion, mit
druckgrafischen Mappenwerken von Josef Albers, Max Bill, Erich Buchholz,
Antonio Calderara, Walter Dexel, César Domela, Günther Förg,
Günter Fruhtrunk, Winfred Gaul, Rupprecht Geiger, Camille Graeser,
Hermann Glöckner, Jean Gorin, Peter Halley, Rudolf Jahns, Julije
Knifer, Imi Knoebel, Richard Paul Lohse, Blinky Palermo, Leon Polk Smith,
Diet Sayler. Dazu werden einige Kleinplastiken und Objekte von Hermann
Glöckner, Eberhard Fiebig, Eduard Micus, Wolfgang Nestler und Leon
Polk Smith gezeigt.
Die in „Überblicke I“ präsentierten Arbeiten umfassen
eine weite Zeitspanne: Von den 20er bzw. 60er Jahren bis hin zur unmittelbaren
Gegenwart. Dabei ist dieser hier präsentierte Komplex eine erste
Auswahl aus diesem Bereich.
Neben der Radierung und der Lithographie ist der Siebdruck die von den
Künstlern dieser Ausstellung bevorzugte Technik. Das Phänomen
der in den 70er Jahren außergewöhnlichen quantitativen Ausweitung
des druckgrafischen Schaffens hatte seinen Grund auch darin, weil die
Künstler jener Zeit im Siebdruck ein zunehmend genutztes druckgrafisches
Verfahren fanden, das ihren künstlerischen Vorstellungen auf vielfältige
Weise entgegenkam. Es garantierte unter anderem präzise Linien, scharf
umgrenzte Flächen und gleichmäßige Farbfelder und wahrte
dabei, anders als beispielsweise Radierung oder Lithografie, eine handschriftliche
Neutralität, die für jene Künstler besonders anziehend
war, die eine auf geometrischen Formen basierende Bildgestalt anstrebten.
So wurde der Siebdruck gerade auch für jene Künstler, welche
die in dieser Ausstellung präsentierten Richtungen vertreten, vergleichbar
dem Holzschnitt im Expressionismus, ein der Malerei zumindest gleichrangiges
und entsprechend häufig genutztes Ausdrucksmittel.
Die Vorläufer der Konkreten und Konstruktivistischen Kunst bildeten
Künstler, die in den Revolutionsjahren nach dem Ersten Weltkrieg
wirkten, um die Russen Kasimir Malewitsch und El Lissitzky, die Niederländer
Theo van Doesburg und Piet Mondrian bis hin zur deutschen Bauhausbewegung
um Josef Albers. Sie entwickelten den bis heute für diese Richtung
maßgeblichen Gegenentwurf zu den Bildvorstellungen ihrer Zeit, zum
Kubismus und Expressionismus und auch zur Abstraktion. Den als individualistisch,
emotional und illustrativ bezeichneten Sehweisen setzten sie eine objektive,
konstruierte Bildwirklichkeit entgegen. Nichts im Bild sollte an etwas
außerhalb des Kunstwerks Existierendes erinnern. Ziel war, mittels
messbarer Beziehungen von Flächen und Farben aus sich selbst definierbare
Objekte herzustellen. Die geometrischen Grundformen und physiologischen
Gesetzmäßigkeiten der Farben, welche Vorstellungen von räumlicher
Nähe und Ferne zuließen, waren tragende Elemente. Wesentlich
war dabei auch das serielle Prinzip, etwa die wiederholte Verwandlung
eines Motivs durch veränderte Farbgebung bei unveränderter Grundgestalt.
Die hier präsentierte Werk-Auswahl beleuchtet auch das Selbstreferentielle
dieser Kunstrichtungen, die Beschäftigung mit den Gesetzmäßigkeiten
von Farben, Formen, Flächen und Räumen.
Leben und Werk der ausgestellten Künstler verdeutlichen die intensive
Auseinandersetzung mit konstruktiven Positionen in Rückgriffen und
Weiterentwicklungen gleichermaßen. Im Bewusstsein der Relativität
von Zeitspanne und den sie übergreifenden künstlerischen Positionen
verzichtet die Präsentation auf eine konsequente Chronologie, setzt
vielmehr auf das Überlappen von Stilen und Tendenzen, auf die Gleichzeitigkeit
des Unterschiedlichen, auf die Spannung des Dialektischen, auf die Ähnlichkeit
des Anderen.
Die geometrische oder abstrakte Form kann, wie bei Walter Dexel, die Autonomie
der Kunst als Befreiung von ihrer Abbildungsfunktion postulieren und damit
als revolutionärer Akt gelten. Sie kann, wie bei Antonio Calderara
oder Rupprecht Geiger, landschaftliche Bezüge bisweilen noch ahnen
lassen, und gerade deshalb als unerhörte Weiterführung des Bild-Genres
bis zu seiner Auflösung gelten, und sie kann schließlich, wie
bei Peter Halley, zum gesellschaftlichen Symbol werden.
Zum Konzept der Ausstellung
Der erste Raum der Großen Galerie führt mit drei
unterschiedlichen Künstlerpositionen aus unterschiedlichen Zeiten
in die Thematik der Ausstellung ein: Walter Dexels Werk „Mappe 1“
wurde noch in den Zwanziger Jahren (1926–1930) angelegt und entstand
unter dem Eindruck des russischen Suprematismus, wenngleich es erst 1968
gedruckt wurde, der Deutsch-Amerikaner Josef Albers, der „Übervater“
aller Konkreten, entwickelte seine exemplarische Serie „Homage to
the Square“ ab 1949. Sie wurde quasi zu einem Leitmotiv konkreter
Kunst. Die 1970 entstandenen „Prototypen“ des früh gestorbenen
Blinky Palermo, der für eine ganze Künstlergeneration Leitbild
und Kultfigur war, belegen, wie der Rheinländer seine Kunst in elementarer
Weise aus den Beziehungen der Farben zueinander, zum Bildträger und
zum Raum entwickelte.
Der anschließende Weg durch die Ausstellung wird durch drei künstlerische
Verdichtungen markiert und strukturiert. Der mit aufregenden Retrospektiven
erst in jüngerer Zeit neu entdeckte Günter Fruhtrunk, der eine
eigenwillige, dynamische und den Bildraum destabilisierende Spielart der
konkreten Malerei entwickelte, ist im zweiten Raum mit zwei exemplarischen
Mappenwerken von 1971 und 1974 vertreten. Der letzte Doppelraum der Großen
Galerie gehört Rupprecht Geiger, dem Nestor der deutschen Abstrakten,
der auf die reine Strahlkraft der Farbe setzt. „Metapher Zahl“
heißt sein 20 Blätter umfassendes großes Mappenwerk von
1985. Ergänzend sind eine rare schwarzweiße Serie Radierungen
von 1961 und im media.art.zentrum vier große Siebdrucke zu sehen.
Mit drei Mappenwerken schließlich und einem Multiple, darunter die
zehnblättrige Werkübersicht 1946-1986 füllt Amerikas wichtigster
Konkreter, der Indianer Leon Polk Smith, die Kleine Galerie aus.
Dazwischen gruppieren sich kontrapunktisch und aufeinander bezogen die
Klassiker Erich Buchholz, Rudolf Jahns, César Domela und Jean Gorin
neben den Schweizer Konkreten Max Bill, Richard Paul Lohse und Camille
Graeser, sowie den Einzelgängern, dem Italiener Antonio Calderara,
dem Dresdener Hermann Glöckner in der Städtischen Galerie, dem
Rheinländer Winfred Gaul und dem Schwaben Georg Karl Pfahler im media.art.zentrum.
Den zeitgenössischen Konstruktivisten Diet Sayler und Julije Knifer
sind schließlich jene Künstler einer jüngeren Generation,
Günther Förg, Imi Knoebel gegenübergestellt, welche in
der Auseinandersetzung mit den historischen Positionen die konstruktive
Thematik erweitert und auf eine neue Ebene gestellt haben, in dem sie
in ihrem Gesamtwerk das konstruktive Element in den Raum und in die Realität
geführt haben. Der Amerikaner Peter Halley schließlich versteht
seine geometrische Malerei in Umkehrung des konstruktivistischen Ansatzes
als Neokonzeptualismus oder „Neo-Geo“.
Zu den Stilrichtungen der Ausstellung
Elementare, analytische, essentielle Malerei:
Richtungen der Malerei, die sich vor allem in den 60er und 70er Jahren
im Kontext der international verbreiteten minimalistischen und konzeptuellen
Kunst entwickelten. Im bewussten Gegensatz zu den lyrischen, emotionalen,
symbolischen und metaphysischen Ansprüchen der abstrakten Malerei
konzentrierten sich diese Richtungen auf die nüchterne, selbstkritische,
rationale Analyse und konzeptuelle Gestaltung der elementaren, formalen
und materiellen Grundlagen der Malerei (Farbe, Bildträger, Komposition,
Struktur). Dabei entstanden vorwiegend monochrome Bilder, die dem Betrachter
ein hohes Maß an geduldiger, sensibler Wahrnehmung abverlangten.
Die elementare Malerei wurde auch systematische, fundamentale, geplante
oder analytische Malerei genannt. Essentielle Malerei ist der Begriff
für eine Malerei, die sich auf die Essenz von Malerei, d. h. auf
die Farbe, beschränkt. Sie wird in bestimmten vom Künstler gewählten
Kontexten, wie Farbrhythmus, Farbtextur, Farbräumlichkeit, Farblicht
usw. untersucht.
Konkrete Kunst: Ein seit Mitte der 20er Jahre verwendeter
Begriff für eine Kunsthaltung, die sich in strenger Abgrenzung zur
„abstrakten Kunst“ definiert. Bezeichnet eine antifigurative
und gegenstandslose Malerei; aber statt subjektiv-emotional, spirituell
und irrational aufgeladener, freier und zufälliger Formen steht hier
ein völlig rationales, objektiv-kontrolliertes, wissenschaftliches
und oft mathematisches Verfahren der Bilderzeugung im Vordergrund. Linie,
Farbe, geometrische Form und Oberflächenstruktur werden nicht als
abstrahierende Zeichen zur bildhaften Wiedergabe einer Naturempfindung
gebraucht, sondern sind konkretes Mittel zur Herstellung genau durchdachter
und konstruierter Bilder. Diese sind daher als rein visuelle Strukturen
einer vorgegebenen Logik und nicht als Ausdruck subjektiver Gefühle
zu begreifen. Der Begriff ist nicht auf jede Art geometrischer Abstraktion
anwendbar.
Die Bezeichnung Konkrete Kunst wurde erstmalig 1924 von Theo van Doesburg
geprägt. Er ist 1930 maßgeblich an Manifest und Gründung
der Gruppe ,Art Concret’ beteiligt, die sich aus Vertretern verschiedener
Kunstströmungen (Konstruktivismus, De Stijl, Bauhaus, Cercle et Carré)
zusammensetzte. In Frankreich wurden die Ideen in Abstraction-Création
weiterverfolgt und später im Salon des Réalités Nouvelles
reaktiviert. Pendants in Italien (das 1948 gegründete Movimento Arte
Concreta) und in der Schweiz, wo Max Bill 1944 in Basel die internationale
Ausstellung ,Konkrete Kunst’ organisierte und die Zeitschrift ,abstrakt/konkret’
gründete. 1960 Retrospektive ,Konkrete Kunst – 50 Jahre Entwicklung’
in Zürich. Die Konkrete Kunst übte großen Einfluss aus,
z. B. auf amerikanische Künstler; in Deutschland und der Schweiz
u. a. auf Rupprecht Geiger und Richard Paul Lohse.
Konstruktivismus: Als spezifische Prägung der abstrakten
Kunst entwickelte sich der Konstruktivismus um 1913, beeinflusst vom Kubismus
(v. a. von kubistischen Assemblagen Picassos) und vom Futurismus, zunächst
in Russland (Suprematismus) und den Niederlanden (De Stijl), dessen Einfluss
sich von dort auf Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und Deutschland
(Bauhaus) ausbreitete. Der Konstruktivismus will die Kunst von emotionalen
Interpretationen der Wirklichkeit und individuellen Zufälligkeiten
befreien und statt dessen abstrakte Gesetzmäßigkeiten (Korrelationen
von Elementen, innere Strukturen, Spannungen und Kräfte im Raum)
sichtbar machen. Er will sich so einem absoluten Wert nähern, vom
„Ballast der gegenständlichen Welt befreit“, zur „absolut
reinen Form“ (Malewitsch) und zum Spiegel „universeller Harmonie“
(Mondrian) werden. Das bildnerische Vokabular des Konstruktivismus sind
geo- und stereometrische Primärformen sowie architektonische und
technoide Elemente. Die Farbskalen sind reduziert und illusionistisch.
Die verschiedenen Spielarten konstruktiver Bildgestaltung erschließen
sich meist nur über das theoretische Konzept des Künstlers.
Dem romantischen Bild des visionären Künstlers setzt der Konstruktivismus
den rational arbeitenden Gestalter entgegen, dem traditionellen Stilbegriff
die Ökonomie des Entwurfs und der individualistischen bürgerlichen
Ästhetik eine zweckdienliche, normative Kollektivkunst. Mit der Aufhebung
der Gattungsgrenzen, dem Einbezug von Ton, Film und Technik erstrebt er
eine Symbiose von Kunst, Wissenschaft, Design und Architektur im Dienste
einer veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Mit dem Schwarzen Quadrat auf weißem Grund schuf Malewitsch
1913 die Grundlage für die stark philosophisch ausgerichtete Spielart,
den Suprematismus. Dagegen stehen die pragmatischeren Varianten von Wladimir
Tatlin, Alexander Rodtschenko, Naum Gabo und Antoine Pevsner. Durch El
Lissitzky gelangten deren Ideen nach Westeuropa und wirkten prägend
auf die De Stijl-Bewegung, die Hannoveraner Konstruktivisten (Vordemberge-Gildewart)
und das Bauhaus (László Moholy-Nagy). Konstruktivistische
Ideen waren grundlegend für die Konkrete Kunst,
Kinetische Kunst, Minimal Art und Colour Field Painting.
Neo-Geo: Kurzform für "Neue Geometrie".
Nach der Phase der expressionistischen, figurativen Malerei der Neuen
Wilden bezeichnet Neo-Geo seit Mitte der 80er Jahre eine Haltung der sogenannten
postmodernen Malerei, die sich auf eine eher ruhigere, gegenstandslose,
formalistische und geometrische Bildsprache mit deutlichen Bezügen
zur Geschichte der abstrakten Kunst rückbesinnen will. Dieser Begriff
vereinigt im Pluralismus und Eklektizismus der Postmoderne jedoch nur
sehr grob eine Vielzahl verschieden arbeitender und denkender Künstler,
zu denen
u. a. auch Günther Förg und Imi Knoebel gezählt werden.
Er überschneidet sich z. T. mit Begriffen wie "Zweite Moderne"
und "Neue Abstraktion", die von Heinrich Klotz 1994 eingeführt
wurden.
Zur Methode des Seriellen
Die Mappenwerke, die für die druckgrafische Kunst
in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg so entscheidend wurden, und die
auch im Zentrum der Städtischen Sammlung Erlangen stehen, umfassen
im wesentlichen Zyklen, Sequenzen und Serien.
Seit Claude Monets „Heuhaufen“ wurde in Serie zu arbeiten
eine grundlegende Methode der Kunst des 20. Jahrhunderts. Dabei gibt es
unterschiedliche Methoden und Konzepte. Einer der Gründe ist sicher
die Konfrontation mit der industriellen Massenproduktion, die systematische
Bestandserfassung, aber auch philosophische Überlegungen zur Frage
des Ganzen und seiner Teile, des Individuellen und des Kollektivs, der
Wahrnehmung des Raumes und der Zeit.
Den Unterschied zwischen Zahlen, Sequenzen und Serien hat Uwe M. Schneede,
auch wenn es eine allgemeingültige Definition letztlich nicht gibt,
zusammengefasst: „Der Zyklus hat einen Anfang und ein Ende, so dass
er einen Kreislauf anzeigt; die Sequenz veranschaulicht – vor allem
in der Fotografie – einen linear verlaufenden Vorgang oder eine
Entwicklung zuweilen erzählerischer Natur; die Serie indes besteht
aus gleichwertigen Elementen mit vorherrschenden Motiv- und Formkonstanten,
in deren Rahmen Varianten durchgespielt werden. Es wird nichts erzählt,
es gibt keinen Anfang und kein Ende. Die Serie ist, um es mit einem Begriff
der Kunst aus dem späteren 20. Jahrhundert zu sagen, konzeptueller
Natur... Womöglich ist die Serie eine symbolische Form für die
Kunst des 20. Jahrhunderts über alle Bewegungen und Stile hinweg.“
Denn die Serie bestimmt, vom vorgefertigten Bauelement bis zur Fernsehserie,
unseren Alltag.
Tatsächlich wurde die Einsicht in die Möglichkeiten einer freien
Malerei und die Erkenntnis von der Eigenständigkeit des Bildes nicht
zuletzt von der Serienpraxis Monets stimuliert.
Die Serie widerspricht im Sinne Walter Benjamins der Idee vom Kunstwerk
in seiner Einmaligkeit, der Aura des Einzelwerks.
Das Grundmuster der Serie ist die Wiederholung. Das Grundmuster des Zyklus
ist die Handlung. Das Grundmuster des aus der Musik übernommenen
„Themas mit Variationen“ ist die Variation.
Die Serie ist grundsätzlich ein offenes Prinzip, gehalten etwa durch
eine Zahl oder durch die Entscheidung des Künstlers. Sie ist –
anders als der Zyklus – teilbar. Dem Arbeiten in Serie liegt die
Erfahrung des Bildes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
zugrunde.
In der Systematisierung, durch die sich der Künstler des 20. Jahrhunderts
selbst Grenzen setzt, um subjektive Aspekte des Schaffens auf ein Minimum
zu reduzieren, ist die Aufmerksamkeit auf einzelne Qualitäten der
Kunst gerichtet. Mit Konstanten wie etwa dem Alberschen Quadrat, wird
eine unerschöpfliche Vielfalt veranschaulicht. In der Serie liegt
jedoch auch die Möglichkeit, die Wahrnehmung zu schärfen und
die Wertungen zu differenzieren und zu präzisieren.
Die Serie wehrt sich per se gegen zu viel Innerlichkeit, Individualismus
und Expressivität. Sie symbolisiert einen immer gleichen Rhythmus,
in dem der oder das Einzelne relativiert ist, zugleich damit auf Beständigkeit
und ein Ewiges verweisend.
Serielles Arbeiten liegt zwischen Ordnung und Obsession. „Serie
meint zum einen die genau festgelegte Formel, die dem künstlerischen
Schaffen zugrunde gelegt wird, die es bindet, einschnürt, in Fesseln
legt – zum anderen die Leidenschaft, mit der sich ein Künstler
einer Aufgabe in allen ihren Facetten und Nuancen annimmt, die ihn zwingt,
etwas wieder und wieder in Angriff zu nehmen, und sich der Einzigartigkeit
der Aufgabe Mal ums Mal zu ergeben.“
(Christoph Heinrich)
Leitung: Lisa Puyplat
Kurator der Ausstellung: Karl Manfred Fischer
Redaktion/Texte: Lisa Puyplat
Verwendete Literatur u. a.:
- Dumont’s Künstlerlexikon, Köln 1997
- Prestel Lexikon, Kunst und Künstler im 20. Jahrhundert, 1999
- Künstler, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, fortlaufend
- Monets Vermächtnis, Serie-Ordnung und Obsession, Hatje Cantz 2001
- Kataloge zu den Künstlern und ihren Werken
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