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Max Bill

ausgestellte Werke:

16 constallations

16 Lithografien in Mappe
Exemplar Nr. 49 von 125 nummerierten und signierten Exemplaren
Druck: Fernand Mourlot, Paris
Société internationale d’art XXe e siècle paris 1974

Mappentext:
die folge von 16 konstellationen ist eine geschlossene reihe über das thema: drei gleichlange kreislinien: es sind dies: ein kreis
ein halbkreis
ein viertelskreis.
die linien gehen von einem punkt aus, doch um die liniengruppe deutlich zu machen, berühren sich die linien nicht an ihrem ausgangspunkt.
für die konstellation der gruppen gelten folgende einschränkungen:
1) die kreislinie bleibt konstant am gleichen ort
2) die linien schneiden sich nicht
3) wiederholung derselben konstellation als spiegelung ist ausgeschlossen
4) die halb- und viertelskreise sind in einem rechtwinkligen system angeordnet, so dass sich die positionen der drei linien zueinander jeweils um 90° oder ein mehrfaches davon verändern.
die folge ist so zusammengestellt, dass für alle konstellationen die kreislinie als zentrum fest bleibt, währenddem der viertelskreis sich bewegt bis alle möglichen konstellationen durchgeführt sind. dann kommt der halbkreis in eine neue stellung und der viertelskreis dreht sich wieder vom zentrum aus. Dasselbe wiederholt sich ein drittes mal. weitere konstellationen wären spiegelungen dieser 16 möglichkeiten.
das system für das zu grund gelegte thema geht zurück auf ein bild aus dem jahr 1944: drei farbige kreisbögen. dieses war der ausgangspunkt für meine untersuchungen über farbvibrationen an den rändern der farbflächen. 1945 wandelte ich das thema ab und realisierte es als lithografie in >vier gleichlange betonungen<. ein bild mit dem gleichen thema, auf dem jede linie eine andere farbe hat, gehört zu meinen untersuchungen über farbvibrationen kleiner mengen. die vierte linie war in dieser version eine gerade.
1960 nahm ich das thema wieder auf und bereinigte es in der jetzt vorliegenden art. ich zeichnete damals 6 konstellationen als begleitende rote linien im band konkreter poesie von eugen gomringer: >33 konstellationen<. von jenen zeichnungen entsprechen denen in den 16 konstellationen: nummer 3 = XI, 5 = IX, 6 = III. in gespiegelter form sind es die nummern 1 = XIV, 2 = VII, 4 = XIII.
jede der konstellationen ist in einer farbigen kreisfläche so angeordnet, dass die kreislinie in deren zentrum liegt. die farben entsprechen der folge eines 16-teiligen farbkreises. das ermöglicht es die reihe mit jeder beliebigen konstellation zu beginnen, immer wird der farbkreis regelmässig ablaufen. auch ist es möglich das system frei zu interpretieren, so dass farbrhythmen entstehen die einem höheren system angehören als dies die schematische reihe sein kann.
mein freund gualtieri di san lazzaro hatte den wunsch, meinem ersten von ihm herausgegebenen album ein zweites folgen zu lassen. >quinze variations sur un même thème< (paris, éditions des chroniques du jour. 1938, entstanden 1935–1938) bestand zufällig ebenfalls aus 16 tafeln und es war nach damaligen begriffen die erste publikation einer systematischen folge, deren methode im begleitenden text erläutert wurde.
zwischen der konzeption für die variationen und heute liegen 40 jahre der entwicklung.
Max Bill
April 1974

 

 
 

ohne Titel
Siebdruck 1972
Nr. 73 von 125 signierten und nummerierten Exemplaren

strukturgesetze sind ästhetischen argumenten zugänglich, denn sie sind prinzipiell ordnungsgesetze, und schließlich ist kunst = ordnung. kunst ist also weder natur-ersatz, noch individualitäts-ersatz, noch spontaneitäts-ersatz. und dort wo sie als ersatz auftritt, ist sie nur insofern kunst, als sie diesen ersatz ordnet, gestaltet. durch ihren ordnungscharakter rückt die kunst nahe an die strukturgesetze als ordnungsträger...
das bedeutet, daß kunst nur dort und nur dann und nur deshalb entstehen kann, wenn und weil individueller ausdruck und persönliche erfindung sich dem ordnungsprinzip der struktur unterstellen und diesem ordnungsprinzip neue gesetzmäßigkeiten und gestalt-möglichkeiten abgewinnen können.
solche gesetzmäßigkeiten und solche erfindungen im rahmen des persönlichen ausdrucks manifestieren sich als rhythmus. rhythmus verändert die struktur zur gestalt; das heisst, aus der allgemeinen struktur entsteht die spezielle gestalt eines kunstwerkes durch eine rhythmische ordnung.
max bill, struktur als kunst? kunst als struktur? 1965

Zur Biografie:
Geboren 1908 in Winterthur, gestorben 1994 in Berlin. Schweizer Bildhauer, Maler, Architekt, Industriedesigner und Kunsttheoretiker, der entscheidend von den Bauhaus-Ideen einer Einheit aller Künste und einer Funktions- und materialgerechten Form geprägt wurde. 1932 Mitglied der Gruppe Abstraction-Création, 1951-50 Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, deren Gebäude er auch entwarf (1953-55). Er unterstützte Theo van Doesburgs Theorie der Konkreten Kunst in seiner Malerei und Bildhauerei, aber auch in kunsttheoretischen Schriften und indem er Ausstellungen wie „Konkrete Kunst“ (1944 in Basel) organisierte. In „Die mathematische Denkweise in der Kunst unserer Zeit“ (1949) vertrat er eine neue, auf mathematischen Konzepten aufbauende Vorstellung künstlerischer Kreativität. Bill formulierte 1936 im Katalog zur Ausstellung „Zeitprobleme in der Schweizer Malerei und Plastik“ (Kunsthaus Zürich) die Prinzipien der konkreten Kunst: „Konkrete Kunst nennen wir jene Kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigenen Mittel und Gesetzmäßigkeiten – ohne äußerliche Anlehnung an Naturerscheinungen oder deren Transformierung, also nicht durch Abstraktion – entstanden sind.“ Ausgehend von einem Grundmotiv, entwickelte Bill eine Vielfalt von Form- und Farbvarianten auf der Basis einer immer wieder angewendeten ästhetischen Regel. Aus dieser jeweils neu angelegten Entwicklungsmöglichkeit, die vor allem auch die Erforschung von Farbsystemen einbezieht (Schachbrettbilder), erhält die Malerei Bills trotz ihrer formalen Strenge ihre Spannung und Vielseitigkeit. Auch als Plastiker verfolgte Bill die Elementarisierung einiger Grundthemen und deren Entwicklungsmöglichkeit. In den sogenannten Einflächenplastiken ging er von dem in sich zurückkehrenden Möbiusband aus („Unendliche Schleife“, 1935). In seinen Farbobjekten versuchte Bill die Gattungsgrenzen zwischen Malerei und Plastik zu durchbrechen („2 Bildsäulen“, Bauhaus-Archiv, Berlin, 1985). In der Tradition des Konstruktivismus stehend, hat sich Bill auch intensiv mit Umweltgestaltung beschäftigt. Als Architekt engagierte er sich besonders für die Planung und Ausführung der Hochschule für Gestaltung in Ulm (1953-55), der er bis 1957 als Gründungsdirektor vorstand.

Zur Bibliografie (seit 1970):
Max Bense, Argumente für Max Bill, 1958, Max Bill, 1963, Max Bills ästhetische Zustände, 1965, in: Artistik und Engagement, Köln 1970
Margit Staber, Max Bill, St. Gallen 1971
Nueva Forma, Madrid, September 1973 (Spezialnummer über Max Bill)
Eduard Hüttinger, Max Bill, Zürich 1977 (Monografie)
Werner Spies, Kontinuität. Granit-Monolith von Max Bill, Frankfurt 1986
Jakob Bill, Konkret Schweiz heute, 1986
Max Bill, Retrospektive. Skulpturen Gemälde Graphik 1928-1987, Katalog Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Zürich/ Stuttgart 1987, Texte Christoph Vitali, Eduard Hüttinger, Max Bill

Eigene Schriften (Auswahl):
konkrete kunst, in: konkrete kunst, Gesammelte Manifeste, Galerie Press, Hrsg. Margit Staber,
St. Gallen 1966
quinze variations sur un même thème, 16 Lithografien, Paris 1938
die mathematische denkweise in der kunst unserer zeit, in: werk, Nr. 3, Winterthur 1949 struktur als kunst? kunst als struktur?, in: G. Kepes, Structur in art and science, New York 1965

 

 
           
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