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Horizons
7 Siebdrucke
Text von Max Imdahl
Nr. 75 von 140 nummerierten und signierten Exemplaren
Druck: Atelier Silium, Paris
Éditions Denise René Paris 1974
Mappentext:
Die Bilder Fruhtrunks sind Ausdruck einer vielfältig dynamischen.
die Wirklichkeit als Kräftespiel vorstellenden Grundanschauung. Sie
sind optische Provokationen, welche die Adaptationsfähigkeit des
Auges geringfügig überfordern und das Sehen aktivieren mit dem
Effekt, als bestünden die jeweiligen Bildstrukturen nicht stabil
und faktisch ein für allemal sondern im fortwährenden Prozeß
ihrer Negation und Konstitution.
Dieser besondere Eindruck einer vom Auge selbst immer aufs
neue aufgeladenen und nicht zur Ruhe kommenden Aktivität resultiert
vor allem aus den Energien der Farbe. Die Farben sind eingesetzt nach
Maßgabe ihres Energiepotentials, nicht im Hinblick auf ihre Schönheit.
Und zwar ist zumeist differenziert nach beherrschenden und nach begleitenden
Farben. Die beherrschenden Farben treten in der Form von Farbbahnen oder
Vektoren auf, sie exponieren die individuellen, den Farben selbst innewohnenden
Ausdruckskräfte und bestimmen in oft heftig kontrastierender Alternation
die rhythmische Makrostruktur des Bildes. Die begleitenden Farben bleiben
dagegen auf immer schmale, wenngleich verschieden bemessene Randzonen
beschränkt und bewirken besondere Farbinteraktionen. Als Folge dieser
Interaktionen werden die beherrschenden Farben noch intensiviert oder
wie immer im Spielraum ihres Selbstseins optisch modifiziert, dagegen
können gerade die Begleitfarben ihre Identität verlieren. Gerade
die Begleitfarben sind weniger optische Selbstwerte als vielmehr Funktionswerte
einer optischen Irritation: Sie bauen sich ab und verändern sich
sozusagen in die optische Irritation hinein, die sie selbst bedingen.
Bild II enthält schmalste grüne und rote Randlinien,
die sowohl das Schwarz und das Weiß verschieden modulieren als auch
die das Bildganze beherrschende Schwarz-Weiß-Spannung in eine permanente
optische Vibration versetzen. Im mittleren Bereich von Bild 1 bewirkt
das rändernde Blau zusammen mit Gelb und Schwarz eine Interaktion.
welche eine das faktische Farbmaß übersteigende Lichtsensation
erzeugt: Das Blau wandelt sich in Weiß und hellt zugleich das Gelb
weiß auf, so daß die Grenzen zwischen Blau und Gelb fluktuieren.
Nach den seitlichen Bildrändern hin tritt das Blau dagegen verbreitert
auf, es gewinnt, während es immer noch in jeweils unbestimmbarer
Erstreckung das angrenzende Gelb in Weiß und das angrenzende Schwarz
in Blau treibt, an Identität und Intensität.
Nach den seitlichen Bildrändern hin ist das Blau nicht
nurmehr ein funktionaler Wert der optischen Irritation sondern ebenso
der substantielle Wert eines in sich selbst multivalenten rhythmischen
Systems, denn es bleibt hier in der Schwebe, ob Blau Schwarz oder Schwarz
Blau zum Grunde hat oder beide gemeinsam Gelb. In Bild III strahlt das
ohnehin aggressive dominierende Rot vermöge des beiderseits rändernden
Blau wie zwischen Hitzezonen auf, in denen die Farbgrenzen sich gleichermaßen
zu verzehren wie auch zu bilden scheinen. Bild Vl enthält links von
Grün noch eigens mit schmalem Schwarz abgesetzte Weißlinien.
die dem Auge rot erscheinen gemäß dem Anspruch des Auges auf
Farbenkomplementarität: Nicht eine faktische, sondern eine vom Auge
erst produzierte Farbe tritt in die Funktion der optischen Irritation,
indem sie die Grenze des Grün entmaterialisiert und schwingen läßt.
Zuweilen aber hat Fruhtrunk auch auf die Irritation durch rändernde,
faktische oder vom Auge erst produzierte Begleitfarben gänzlich verzichtet,
So sind in Bild VII die immer (vergleichsweise) schmalen Ebenen in Rot
die eigentlichen Hebungen des rhythmischen Systems, und zwar führt
das Rot auf jeder Ebene zu einem heftigen optischen Wechsel von Hell-
und Dunkelintensitäten. Die faktisch gegebenen, nach Grün tendierenden
Zonen erfüllen den Anspruch auf farbige Komplementarität, sie
kommen darin dem Bedürfnis des Auges zuvor und belassen zugleich
dem Weiß seine Nichtigkeit: Nur durch das Rot ist das Auge provoziert
und überfordert wie durch überhelles Licht.
Die Irritationen, von denen die Rede war, sind physiologisch
bedingt durch das Reagieren des Auges. In den Bildern Fruhtrunks ist diese
lrritation eine optische Vitalisierung, keineswegs aber eine optische
Zerstörung des physikalischen Bildbestandes. Hierin beruht ein entscheidender
Unterschied zur Optical Art, insofern man diese als eine totale Überbeanspruchung
des Auges versteht und damit als eine Irritation, welche das Faktum des
Bildes gänzlich destruiert. Die Bilder Fruhtrunks sind dagegen so
angelegt, daß bei aller physiologischen Irritation die Makrostruktur
des Bildes als der faktisch gegebene Bezugsrahmen präsent und bewußt
bleibt und gerade als das so sich Behauptende in eine beständige
Spannung zur lrritation tritt. Dabei ist die gegen die physiologische
Irritation sich durchhaltende und immer erneuernde Makrostruktur ihrerseits
ein Ausdruck von Dynamismus: Sie ist in sich selbst multivalent und beansprucht
(wenn man behelfsweise so unterscheiden darf) weniger die physiologische
als vielmehr die intellektuelle Perzeption. Sensationen der Mehrdeutigkeit,
die vor allem die intellektuelle Perzeption provozieren, sind charakteristisch
für die Bildvorstellungen Fruhtrunks, sie ereignen sich aber stets
in Ebenen und sind niemals durch linearperspektivische Umspringeffekte
bedingt. Die besondere Komplexität der Bilder Fruhtrunks besteht
darin, daß Strukturen der physiologischen und der intellektuellen
Irritation interferieren.
Die Beanspruchung der intellektuellen Perzeption wurde schon
andeutungsweise mit der Koexistenz von (breiterem) Blau, Schwarz und Gelb
in Bild 1 angesprochen, welche verschiedene und miteinander gleichwertig
konkurrierende Zuordnungssysteme zuläßt.
Bild II ist ausgezeichnet durch einen Figur-Grund-Austausch
mit der Konsequenz, daß (um hier abgekürzt zu formulieren)
sowohl die schwarzen Elemente eine rhythmische Abfolge figurieren, zu
der sich die weißen Elemente als Intervalle verhalten, daß
umgekehrt aber auch die weißen eine rhythmische Abfolge bilden,
deren Intervalle die schwarzen sind. Im räumlichen Verständnis
dieses Figur-Grund-Austausches bleibt unentscheidbar, ob das schwarze
rhythmische System das weiße oder dieses jenes überlagert und
wie - endlich oder unendlich - weit das Überlagerte hinter das Überlagernde
zurückweicht oder wie nahe das Überlagernde nach vorn dringt,
wobei, um es zu wiederholen, das Überlagernde immer zugleich auch
das Überlagerte ist. Als Ganzes wird das Bild zu einer die Wahrnehmungsfähigkeit
beanspruchenden und anspannenden Provokation, insofern die schwarzen und
weißen Systeme in ihrer jeweiligen Doppelbedeutung als das Fundierende
und als das Fundierte in gleicher und gemeinschaftlicher Aktualität
begegnen. Das Bild wird zum Ausdruck einer Permanenz, die bis zum Stillstand
sich behindernde rhythmische Strukturen in sich aufgehoben enthält.
Fruhtrunk spricht von domestizierter Energie. Man könnte vielleicht
an Kleist‘s grandiose Definition des Gewölbes denken, nach
der ein Gewölbe nur deswegen hält. weil seine Steine zugleich
stürzen wollen.
Sieht man in Bild IV von den vor allem physiologisch irritierenden
blauen Randzonen ab, so gibt es einen beherrschenden grünen, beiderseits
von Weiß begleiteten Hauptstrom und daneben verschiedene grüne
und schwarze Bahnen, von denen je zwei von gleicher Breite sind. Zu den
gleich breiten und insofern koordinierten grünen Bahnen verhält
sich der weiß geränderte Hauptstrom exzentrisch, jedoch ist
gerade diese Exzentrizität die Bedingung für die gleiche Breite
der schwarzen Bahnen und deren Koordination. Es handelt sich um eine komplexe
Struktur, welche durch die Exzentrizität des Hauptstromes einerseits
diesen selbst hierarchisch herausstellt, andererseits aber das ganze Bildfeld
thematisierende Zuordnungssysteme erschafft.
Und läßt man auch in Bild VI die schmalen Ränderungen
außer Betracht, so grenzt (in der Folge von links unten nach rechts
oben) Grün einmal an Schwarz, einmal an Schwarz und Weiß und
einmal an Schwarz und Schwarz, so grenzt Schwarz einmal an Grün und
Grün, einmal an Weiß und Weiß, einmal an Weiß und
Schwarz einmal an Schwarz, so grenzt Weiß einmal an Grün und
Schwarz und einmal Schwarz und Schwarz: Die Struktur des Bildes läßt
sich sowohl als pluralistisch wie auch als monistisch bezeichnen. Sie
ist pluralistisch, wenn man die Vielheit der grünen, schwarzen und
weißen Farbströme als die mehrfache Wiederkehr jeweils autonomer
Werte hervorhebt, und sie ist monistisch, wenn man beachtet, daß
das Bildganze dieses eine und einmalige Gesamtsystem ist, welches die
grünen, schwarzen und weißen Vektoren unter immer wieder verschiedenen,
nie wiederkehrenden Bedingungen wiederkehren läßt. Die Farben
sind jeweils identisch, jedoch gibt es keine Wiederholungen in der Benachbarung
dieser identischen Farben. Aber es besteht auch Mehrdeutigkeit innerhalb
der Farbenidentität selbst, zum Beispiel innerhalb des identischen
Schwarz, das inmitten von Weiß substantieller erscheint als in den
breiteren Zonen beiderseits, wo es versinkt und auch ein meditatives Sich-Versenken
des Beschauers ermöglicht.
Schließlich erscheint in Bild V das beherrschende
Rot nicht mehr als Strom sondern als Feld, nämlich in der Qualität
der Fülle, in die sich das Sehen vertieft und zu der sich die begleitenden
Farbbahnen akzidentiell verhalten.
Auf die Irritation durch farbige Randlinien ist weitgehend verzichtet.
Aber auch hier kann das Auge weder die faktische Homogenität des
Rot noch den faktischen Ort und die strenge Begrenzung der seitlichen
Bahnen endgültig realisieren, es erfährt vielmehr, gerade auch
bei anhaltendem Hinsehen, das Ganze in beständig flackernder Bewegung,
die es selbst erzeugt. Auch hier erschafft die Spannung zwischen exaktester
Bildfaktizität und perzeptueller Erregung Energie.
Ist dieser Dynamismus der Inhalt oder die Botschaft der
Bilder Fruhtrunks, so bilden die Bilder ihren Inhalt nicht ab, sondern
initiieren ihn als Ereignis. Er ist ein Gegenstand der Reflexion, indem
er nicht betrachtet sondern vollzogen wird.
Max Imdahl
Zur Biografie:
Günter Fruhtrunk, geboren 1923 München, gestorben 1982 in seinem
Atelier in der Akademie der Bildenden Künste München. Maler,
Grafiker, Vertreter der Konkreten Malerei. 1940/41 Studium der Architektur.
1945-50 Akademie München, danach in Paris Arbeit in den Ateliers
von Fernand Léger (1952) und Jean von Arp (1955). 1967-82 Professor
an der Kunstakademie München. 1968 Teilnahme an der Documenta IV,
Kassel und an der 34. Biennale in Venedig.
Bereits im Frühwerk wurde anschaulich, wie Fruhtrunk die Grenzen
der in Paris propagierten Geometrischen Abstraktion zu überschreiten
suchte und seine dynamische Spielart der Konkreten Malerei entwickelte.
In der Auseinandersetzung mit dem Suprematismus zeigte sich, wie sehr
Fruhtrunk an der Dynamisierung und Destabilisierung des Bildraums interessiert
war. Auch Robert Delaunays „peinture pur“ wurde aufgegriffen,
um Bilder in intensiver Farbigkeit und konstruktivistischem Bildaufbau
zu schaffen. In der Folge fand Fruhtrunk sein Thema, Rhythmus und Licht.
Beides wurde aus einer überlegten Anordnung von Streifenstrukturen,
vertikal und später diagonal gerichtet, durch eine das Sehen ständig
herausfordernde Reizkonstellation von Simultankontrastüberflutungen
hergestellt. Das Spätwerk zeichnet sich nach jahrelanger kompositioneller
und maltechnischer Askese wieder durch größere malerische Freiheit
und neuartige, „toxische“ Farbkontraste aus.
Die Vektoren, Farbbahnen und deren Richtungen sind in ihren
jeweiligen Intensitäten, Erstreckungen und dynamischen Wechselwirkungen
nicht Elemente, sondern Momente der Bildtotalität, welche selbst
als das Kommunikationsprodukt der ihr innewohnenden Kräfte zutage
tritt. In diesem Verständnis ist das Bild „Aufruhr“ –
nach den Worten des Malers – „gegen absolutistische Grundformen
wie Quadrat und Kreis als unverbrüchliche Grundbausteine einer Welt“
und damit eine Überwindung „vorschriftsmäßiger Gesinnung
industriegesellschaftsbedingter Normenbildung“. Das Bild ist das
Modell einer solchen Befreiung aus vorschriftsmäßigen Mechanismen,
indem es eine Erfahrung von Ursprünglichkeit, das heißt ein
Erlebnis der „unmittelbarkeit der erfahrungskraft selbst“
vermittelt. Aber wiederum herrscht Interferenz, die wohl wichtigste Interferenz
in der Kunst Fruhtrunks: Es ist die Interferenz und Simultaneität
von Ursprünglichkeit und Systematik. Vom Bild als dem Zeugnis einer
bloß subjektiven oder gar anarchischen Exaltation kann unter keinem
Aspekt die Rede sein.
Max Imdahl, 1978
Zur Bibliografie (ab 1970):
Maurice Besset, in: Katalog Musée d'Art Moderne de la Ville de
Paris und Katalog Galerie Denise René-Hans Mayer, Krefeld 1970
J. A. Thwaites, in: Katalog Galerie St. Johann, Saarbrücken 1970
Juliane Roh, Kunst der 60er Jahre in Deutschland, München 1971
Eugen Gomringer, Max Imdahl, Gabriele Sterner, FRUHTRUNK, Starnberg 1978
Max Imdahl zu Günter Fruhtrunk, Vortrag am 8. Januar in der Akademie
der Bildenden Künste, München, in: Neue Kunst in München,
Heft Nr. 16, 1983
Eigene Schriften:
Fruhtrunk, Meier-Denninghoff, Kalinowski, Institut Allemand, Paris, März
1966
Katalog Kestner-Gesellschaft, Hannover 1969
Katalog Galerie Stangl, München 1971
Katalog Galerie Bossin, Berlin 1976
Ethische Begründung für „Quiet Room“ New York:
UNO (unveröff.) 1978 Hommage à Barnett Newman. Statement,
Berlin 1981
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