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Rudolf Jahns

ausgestelltes Werk:

Mappe mit 6 Entwürfen von 1928

6 Serigrafien, Schwarz / Rötel auf geprägtem Feld
Mit Plakat und Faksimiletext von Rudolf Jahns
Theoretischer Text von Walter Vitt
Nr. 89 von 100 nummerierten und signierten Exemplaren
Druck und Herausgeber: Edition Hoffmann, Friedberg 1976

Mappentext:
Der Konstruktivist Rudolf Jahns
Zu einer Mappe mit sechs Siebdrucken nach Originalen von 1927 und 1928.

Rudolf Jahns‘ erste abstrakte Arbeiten entstanden im Jahre 1919, - in einer Zeit, die man sich mit all ihren Nachkriegswirren, mit ihrer politischen Unordnung und in ihrer kulturellen Stunde-Null-Situation ins Bewußtsein rufen muß, um das geistige Feld zu begreifen, aus dem heraus der damals 23jährige diese einfachen, geordneten, harmonischen Zeichnungen entwarf. Der Gegensatz könnte nicht größer sein! Es scheint so, als habe sich hier eine sensible Natur ganz auf ihr lnneres zurückgezogen, um Schutz vor der aus den Angeln gehobenen Wirklichkeit zu suchen. Diese Kohle-auf-Papier-Arbeiten von 1919, meist „Statisch-Dynamisch“ betitelt, diese zarten und sparsamen Liniengefüge aus Geraden und Bögen tauschen in ruhiger Gelassenheit Stille und Bewegung miteinander aus, gründen eine Welt schöner Ausgewogenheit. Die spürbare Nähe zu Kandinsky, auch zur japanischen Zeichenhaftigkeit, wird dann bald abgelöst und von De Stijl und Suprematismus überlagert; so geraten die abstrakten Zeichen im Übergang zum Jahre 1920 geometrischer: schwarze Quadrate, Rechtecke, Linien werden in ein konstruktivistisches Ordnungsgefüge zueinander gebracht; in anderen Zeichnungen trägt eine kräftige Senkrecht-Waagerecht-Linien-Struktur die bildnerische Harmonie.
Danach scheint es, als habe den jungen Jahns der eigene Mut zu solch kühnen abstrakten und konstruktivistischen Exerzitien im Stich gelassen. Von 1920 bis 1923 holt er den Kubismus nach, und zwar „in dem Gefühl, sich noch mit der dritten Dimension in der Fläche auseinandersetzen zu müssen“, wie er im Gespräch sagt. In einer 1922/23 entstandenen Serie behutsamer Bleistiftzeichnungen erscheint die menschliche Figur in kubistischer Auflösung nahezu transparent. Dazwischen entstehen auch wieder abstrahierte Landschaftsdarstellungen: ebenso zart wie die kubistischen Akte und noch japanischer orientiert als die Zeichnungen aus den 1919er Anfängen.
Jahns‘ selbständiger Standort im Konstruktivismus wird 1924 erreicht, fünf Jahre nach den ersten tastenden Versuchen mit den geometrischen Grundelementen. Jahns hätte sich diesen Weg zur Selbständigkeit einfacher machen können; es spricht für sein solides und ehrliches Arbeiten (ein Arbeiten, das stets der inneren Substanz folgte), daß er die Erfindungen der frühen Konstruktivisten nicht schnell und kritiklos übernahm, sondern zunächst geduldig ihre Tauglichkeit für sein eigenes Naturell überprüfte. Daher wohl das anfängliche Schwanken zwischen konstruktivistischen und mehr lyrischen Abstraktionen, deshalb auch die nachgeholte Auseinandersetzung mit dem Kubismus, darum die nie aufgegebenen Landschafts-Assoziationeri.
Jahns‘ selbständiger Standort im Konstruktivismus wird 1924 erreicht, fünf Jahre nach den ersten tastenden Versuchen mit den geometrischen 0 rundelementen. Jahns hätte sich diesen Weg zur Selbständigkeit einfacher machen können; es spricht für sein soli-des und ehrliches Arbeiten (ein Arbeiten, das stets der inneren Substanz folgte), daß er die Erfindungen der frühen Konstruktivisten nicht schnell und kritiklos übernahm, sondern zunächst geduldig ihre Tauglichkeit für sein eigenes Naturell überprüfte. Daher wohl das anfängliche Schwanken zwischen konstruktivistischen und mehr lyrischen Abstraktionen, deshalb auch die nachgeholte Auseinandersetzung mit dem Kubismus, darum die nie aufgegebenen Landschafts-Assoziationen.
Die selbständige Position von 1924 ist auch nicht der Standort eines orthodoxen Konstruktivisten, für den ein Kreis nichts anderes als ein Kreis ist und für den eine Farbe keinen symbolischen Wert hat, sondern ausschließlich auf sich selbst verweist, auf ihre Ausdehnung, ihre Formbegrenzung und ihre Zuordnung zu anderen Formen und Farben. Für Jahns gibt es im Gegensatz dazu auch im konstruktivistischen Bild Querverbindungen zu außerbildnerischen Wirklichkeiten. Ein konstruktivistisches Bildgefüge kann für ihn durchaus zur Verständnishilfe für einen Gedanken, einen Begriff, eine Vorstellung werden: die kräftige, geschlossene Figur zum Beispiel als Zeichen des Kraftvollen, die offene, zartgegliederte Form als Umschreibung des Lyrischen usw. Eine außerordentliche Bedeutung stellt sich bei den Bildern von Jahns auch im Zusammenklingen von Farbe und Musik her: „Wenn ich Musik höre, sehe ich Farben“, sagt Jahns: hohe Töne als lichtes Blau beispielsweise, tiefe, körperhafte Töne stellen für ihn die Erdfarben dar, die mittleren Tonlagen mag er sich als Englisch Rot oder Zinnober denken.
Unorthodox ist Jahns‘ Konstruktivismus auch insofern, als in vielen seiner Bilder auch nach Abschluß der kubistischen Periode die menschliche Figur Bestandteil des kompositorischen Geflechts bleibt, Ebenso behalten die konstruktivistischen Kompositionen oft ihre Erinnerung an Landschaft. Ein besonderes Merkmal der Arbeiten nach 1924 sind die lyrische Grundstimmung dieser Bilder, ihre sehr zurückgenommene Farbigkeit und die gebrechliche Balance der oft vielen kleinen und kleinsten Formen. Eine solche Vielzahl der einzelnen Bild-Glieder ist bei anderen Konstruktivisten der 20er Jahre nur selten festzustellen. Rund 60 Kompositionsteile sind es zum Beispiel in dem 1924 entstandenen querformatigen Öl-auf-Pappe-Bild „Akte im Raum“; in einem anderen, hochformatigen Öl-Bild gleichen Titels und aus dem selben Jahr fügte Jahns sogar rund 90 einzelne Bildformen zusammen.
Angesichts dieser sensiblen, bis in allerkleinste Verästelungen fragil ausgewogenen Bildwelt mag es zunächst befremdlich erscheinen, wenn man die sechs Arbeiten dieser Mappe durchblättert und auf diese kräftigen, dunklen Zeichen stößt. Die Erklärung für einen solchen Kontrapunkt mag wiederum im Wesen des Künstlers begründet liegen. Jahns sagt von diesen 1927 und 1928 entstandenen Arbeiten, er habe damals den Drang verspürt, sich in Gegensatz zum eigenen, mehr lyrischen Naturell zu stellen, und eindrucksvolle, wuchtige Figuren gestalten wollen. Diese sehr grafischen Arbeiten mit weitgehendem Verzicht auf Farbe und dem schwarzen Band als Gestaltungsmittel greifen formal gesehen — ihrer Entstehungszeit weit voraus. Es gibt aus diesen Jahren bei Jahns sogar Blätter mit vollständig symmetrischem Aufbau, ein Schritt, der die damals propagierte Harmonie der ausschließlich asymmetrischen Balance überwandt und von Jahns heute mit der Bemerkung kommentiert wird, die Symmetrie gehöre zum Verständnis seines Wesens; ein Hinweis, der wiederum belegt wie stark die unorthodoxe und selbständige Orientierung des Künstlers im konstruktivistischen Zeitstrom aus seinem Wesen heraus gedeutet werden kann.
Die meisten dieser Grafiken von 1927/28 zeichnete Jahns auf der Grundlage eines quadratischen Rastergefüges — auch dies ein Vorgreifen auf erst später ausgereifte Erfahrungen der konstruktiven Künstler. Für Jahns bleibt jedoch auch im Rastergefüge die Komposition noch dem schöpferischen Eingriff unterworfen. Er bricht aus dieser Rasterordnung aus, wenn dies seinem Harmonie-Denken entspricht. Die systematische Exaktheit gilt ihm nur soweit, wie es für die Grundstruktur des Bildes notwendig erscheint: das Abweichen ist für ihn dort essentiell, wo das „Wesenhafte“ einer Komposition es erfordert.
Jahns‘ frühe konstruktivistische Phase versiegt 1928, bedingt durch eine persönliche Krise, eine Krise, die ihre Ursachen außerhalb seiner künstlerischen Existenz hatte. Aber die enge Verknüpfung bei Jahns zwischen seiner Kunst und seiner menschlichen Natur lähmte den ganzen Menschen. Das ist wesensbestimmend für diesen Künstler. Ein expressionistischer Maler hätte sich in dieser Lage möglicherweise malend aus der Krise befreit. Für den Konstruktivisten Jahns gab es keinen Ausweg: er sah sich außerstande, ohne innere Balance harmonisch gefügte Bilder zu malen. Das Malverbot Hitlers kam dann fünf Jahre später.
Walter Vitt
Köln, im September 1976

Zur Biografie:
Rudolf Jahns ist 1896 in Wolfenbüttel geboren, gestorben 1983.
1919 im Anschluss an den 1. Weltkrieg Studium. Ausstellung in der Galerie der „Sturm“ Berlin. Ab 1927 Freundschaft mit Kurt Schwitters. Mitbegründer der Gruppe „Die Abstrakten Hannovers“. 1933 erhielt er Mal- und Ausstellungsverbot. Ab 1947 Ausstellungen in Holzminden.

Rudolf Jahns Arbeit wurde durch das Malverbot im Nationalsozialismus sehr beeinträchtigt, und es lähmte ihn noch Jahre nach Beendigung des Krieges. Umso wichtiger wurde sein Spätwerk, und besonders bekannt wurden die Japan-Aqua-Zeichnungen, die den Gesamteindruck seines Werks entscheidend prägen. Sie stammen größtenteils aus dem Jahr 1962. Jahns hat sich selbst dazu geäußert: „Zuerst ist die Fläche da, der Plan, auf dem Linien ihren Tanz, ihr Miteinander, ihr Ineinander erleben. Sie sind da wie die Linien der Natur. Die Horizontale, die Ruhe, die Vertikale, ihr Gegensatz. Alle in der einfachsten Form sind in der Lage, miteinander zu spielen, Leben zu schaffen. Die Einfälle zu den Zeichnungen sind spontaner Natur, sie entstehen mitunter beim Setzen des ersten Striches, beim Auftauchen eines Begriffs wie Dynamik – Ruhe – Waage – Spannung – Lust – nach oben – Tanz – Luft über Dächern...“
Eugen Gomringer

Bibliografie:

  • Werner Schumann, Rudolf Jahns, Monographie, Göttingen 1967
  • Katalog ‚die abstrakten hannover“, Galerie Bargera Köln 1975
  • Katalog Rudolf Jahns, Gemälde und Zeichnungen 1919—1928,
  • Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster 1976
 
           
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