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Diet Sayler

ausgestelltes Werk:

Sieben Linien

1977
5 Serigrafien, Text von Dietmar Guderian
Nr. 20 von 20 nummerierten und signierten Exemplaren
Herausgeber und Druck: Edition Hoffmann, Friedberg 1983

Mappentext:
die fünf blätter dieser mappe stellen einen ausschnitt aus einer serie dar, in der jedes bild durch abwandlung aus dem unmittelbar vorgegebenen entstanden ist. die wesentlichen konstruktionsregeln gibt sayler vor.
als grundfläche der bilder wählt er ein quadrat. ein quadratisches bildformat trifft man häufig bei konstruktiven bildern an, es ist richtungsneutraler als zum beispiel das rechteckige oder gar das dreieckige format und beeinflußt daher richtungslinien im bild kaum. bei dieser serie spielt das quadratische bildformat jedoch eine wesentliche rolle für die konstruktion im bild: beim quadrat schneiden sich die diagonalen senkrecht (anders als zum beispiel beim rechteck). in der mitte der bilder 1, 4 und 5 liegt daher, bis auf die durch die würfelergebnisse verursachten geringen abweichungen, ebenfalls ein rechter winkel. diet sayler definiert sich für die konstruktion der bilder eine einheit — er nennt sie hier „streifen“ — indem er die seite des quadrates in fünf gleiche teilstrecken zerlegt und im folgenden mit derartigen streifen arbeitet. jedes bild enthält sieben streifen. an den berührungsstellen werden die streifen so aneinandergesetzt, als wäre ein ursprünglich sieben streifen langer stab an verschiedenen stellen eingeschnitten und dann gebrochen worden. die nahtstellen zwischen zwei streifen wirken dadurch jeweils wie „gelenke“. setzte man die sieben streifen alle in der gleichen richtung aneinander, so ergäbe sich, bis auf eine für das auge kaum erkennbare differenz, eine diagonale. die lage der einzelnen streifen weicht nur gering von den diagonalen ab. der künstler hat das maß der abweichung, er nennt sie „aktiven winkelbereich“, auf maximal 15 grad in jeder richtung von vornherein festgelegt. unter welchem der nach dieser konstruktionsvorgabe möglichen winkel der einzelne streifen dann anzusetzen ist, entscheidet der zufall: sayler würfelt und ordnet den würfelergebnissen im voraus bestimmte winkel zu.
nach diesen konstruktionsregeln lassen sich zwar endlich viele, für den menschen jedoch unvorstellbar viele bilder herstellen. der künstler hat, nachdem er die konstruktionsregeln festlegt, auf die entstehung des einzelnen bildes keinen einfluß mehr.
das zweite bild entsteht aus dem ersten. der künstler definiert eine „entwicklungsrichtung“
— in diesem fall grob umschrieben — „von der mitte in die rechte untere ecke“. er nimmt den letzten streifen aus der streifenfolge von seinem platz und fügt ihn an der spitze wieder an. die neigung des streifens wird dabei durch zufall mit hilfe der würfel bestimmt.
das dritte bild entsteht auf die gleiche weise aus dem zweiten, das vierte aus dem dritten, das fünfte aus dem vierten. nachdem der künstler einmal die rahmenbedingungen für die herstellung der bildfolge festgelegt hat, kann er keinen einfluß mehr auf den ablauf und damit auf die entstehenden bilder nehmen. seine künstlerische aktivität — im sinne von kreativität — kann nicht während, sondern nur vor oder nach dem eigentlichen prozeß der bildfolgen-herstellung eingreifen. diese möglichkeiten nützt sayler intensiv, vor dem erzeugen der bildfolge sorgt er durch das aufstellen der rahmenbedingungen dafür, daß die entstehenden bilder in für ihn wesentlichen merkmalen übereinstimmen: der streifenzug setzt sich aus einer ungeraden zahl von einzelstreifen zusammen. gleichgültig was gewürfelt wird, endpunkt und anfangspunkt des ganzen zuges liegen dadurch immer mindestens fast eine streifenlänge voneinander entfernt; die dadurch gegebene dynamik liefert ihm die möglichkeit, eine „entwicklungsrichtung“ zu definieren. wenn der betrachter im geiste die sieben streifen geradlinig aneinandersetzt, passen sie dennoch als diagonale in das quadrat und sprengen den vorgegebenen rahmen nicht. ebenso verhält es sich mit dem erwürfelten streifenzug: es ist nicht zugelassen, daß ein streifen den bildrand berührt oder überquert; dadurch ruht der gesamte zug im inneren des bildes. der winkel zwischen einem streifen und der benachbarten diagonale ist höchstens 15 grad, dadurch erzwingt der künstler, daß trotz des würfelns die hauptrichtungen sich stark an die der beiden diagonalen angleichen und somit dem betrachter eine für ihn überschaubare leserichtung garantieren. der künstler läßt keine überschneidungen zu, die durch würfelergebnisse möglich wären. dadurch wird erreicht, daß stets nur die sieben gleichlangen streifen auftreten. im andern ergäben sich, da das auge des betrachters die entstehenden teilstücke isoliert sähe, mehr als sieben und zusätzlich nicht mehr gleichlange stücke. an den überschneidungsstellen — kreuzungen — wäre die leserichtung nicht eindeutig vorgegeben und dem betrachter überlassen.
die vorgegebene serie läßt sich auch interpretieren als wanderung einer diagonalen entlang der beiden diagonalrichtungen und erhält so ihre optische geschlossenheit. nach der konstruktion einer serie wählt sayler die hier vorgestellte teilserie von fünf aufeinanderfolgenden bildern aus und wirkt somit, nach abschluß des zufallsverfahrens, wieder als künstler-persönlichkeit auf das gesamte kunstwerk ein.
dietmar guderian


Irgendwann hörte ich auf zu würfeln. Die klassischen Wahrscheinlichkeitsexperimente waren mir zu langweilig geworden. Die gängige All-over-Disposition der anonymen Elemente war für mich ein veraltetes, sinnentleertes Muster, das ich schon viel früher aufgab. Die Strategie Harmonie – Rationalität – Universalität ist zur simplen Repetitionsformel herabgesunken.
Zufall ist mehr als formales Spiel. Die reale Macht des Zufalls hat eine existentielle Dimension. Sie berührt sowohl die Frage nach der Vernunft der Natur wie auch die Vorstellung einer Welt nach göttlichem Plan.
Ich wollte einen neuen Weg finden. Zufall sollte unmittelbar, pur und visuell stark ausgeprägt sein. Und das war der Zufall im freien Fall, wie ihn Duchamp und Arp benutzten. Der fundamentale Gegensatz zu Dada besteht in der konstruktiven Konzeption der Basis-Elemente. Die Basis-Elemente entstehen zueinander komplementär, sind rational nachvollziehbar, haben jedoch einen individuellen Charakter und eine unverkennbar expressive Aufladung.
Der Streit zwischen den Bildern in der Moderne ist unproduktiv geworden. Er muß im Bild ausgetragen werden, dann erst macht er Sinn in der aktuellen Diskussion.
Diet Sayler, März 1992

Zur Biografie:
1939 geboren in Temeswar/Timisoara, Rumänien, lebt Diet Sayler heute in Nürnberg und Italien. Ab 1965 entstehen Geometrische Bildräume, Monotypien, später Konkrete Elemente im freien Bildraum. 1968 Mitgliedschaft in der konstruktiven Gruppe Sigma. 1973 emigriert Diet Sayler und übersiedelt nach Nürnberg. Ab 1975 entstehen Serielle Zufalls-Winkelfolgen. 1977 Italien-Aufenthalt. 1980 Aufbau und Leitung der internationalen Ausstellungsreihe „KONKRET“ in Nürnberg. 1986 Wandcollagen, Horizontale Zufallsfolgen, Raumbezogene Installationen in München, Nürnberg und Paris. 1988 Leitung der deutsch-französischen Ausstellung „Konstruktion und Konzeption – Berlin 1988“ in Zürich. 1990 Gastdozentur an der Internationalen Sommerakademie Innsbruck. Seit 1992 Professor an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

 
           
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