

Vanessa Beecroft - Vogue Hommes
Links zu verschiedenen
Künstlern der Ausstellung:
John Baldessari
Vanessa Beecroft
Joseph Beuys
Chuck Close
Nan
Goldin
Sherrie Levine
Richard Long
Pieter Laurens
Mol
Erwin Olaf
Dennis
Oppenheim
Laurie
Simmons
Wolf Vostell
Andy Warhol.com
Andy Warhol.org
Andy Warhol.dk
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Kunst zeigt,
was man nicht sieht
Die Städtische Sammlung Erlangen
– Überblicke II
Zwischen Malerei und Fotografie
16. Oktober – 21. November 2004
Eröffnung: Freitag, 15. Oktober 2004, 18 Uhr
Begrüßung: Dr. Siegfried Balleis, Oberbürgermeister der
Stadt Erlangen
Einführung: Lisa Puyplat, Leiterin der Städtischen Galerie Erlangen
Zur Ausstellung
und zu den Künstlern
Die Städtische Sammlung Erlangen wurde im vergangenen und wird in
diesem Jahr erstmals seit 1981 in jeweils großen Auswahlpräsentationen
wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellungsreihe
wird jährlich fortgesetzt, um einen Gesamtüberblick über
die Bestände zu geben.
„Internationale Kunst in ihren wesentlichen Strömungen ab 1945“
ist seit 1976 Konzept der Sammlung, als Karl
Manfred Fischer, der Kurator dieser Ausstellungsreihe, als Leiter der
Städtischen Galerie seit 1974 auch die Leitung der Sammlung übernahm,
die er bis Ende 2002 innehatte. Schwerpunkt sind seitdem druckgrafische
Mappenwerke, Serien und Einzelwerke, sowie Künstlerbücher und
Multiples von Konkreter Kunst bis zu Informel, Pop Art, Tachismus, Fluxus,
Konzept- und Medienkunst.
„Überblicke I“ im vergangenen Jahr zeigte mit Beispielen
von mehr als 30 Künstlern Konkrete und Konstruktive Kunst aus den
zwanziger Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart. „Überblicke
II – Zwischen Malerei und Fotografie“ präsentiert Arbeiten
aus 40 Jahren im konzeptuellen Dialog zwischen Malerei und Fotografie,
im Austausch, im Wechselspiel, aber auch in der Ergänzung ihrer jeweiligen
medialen Eigenschaften und Inhalte. Dokumentationen von Aktionen und Performances
gehören ebenso dazu wie die Fotografie als Mittel der Konzept-Kunst,
die Inszenierte Fotografie und, in ihrer medialen Verschränkung,
„Kunst mit Fotografie“.
Zu den Künstlern zählen: Marina Abramovic, John Baldessari,
Vanessa Beecroft, Reiner Bergmann, Joseph Beuys, Anna Blume, Bernhard
Johannes Blume, Marinus Boezem, Johannes Brus, Chuck Close, Walter Dahn,
Ger
Dekkers, Jean-Louis Garnell, Nan Goldin, Jack Goldstein, Hetum Gruber,
Richard Hamilton, John Hilliard, Rebecca Horn, Peter Hutchinson, Jürgen
Klauke, Sherrie Levine, Richard Long, Robert Longo, Johan Lorbeer, Gerhard
Merz, Pieter Laurens Mol, Erwin Olaf, Dennis Oppenheim, Giulio Paolini,
Eduardo Paolozzi, Wolfgang Petrovsky, A. R. Penck, Michelangelo Pistoletto,
Sigmar Polke, Marc Quinn, Robert Rauschenberg, Gerhard Richter, Dieter
Roth, Jacqueline Salmon, Laurie Simmons, Walter Tafelmaier, Rosemarie
Trockel, Frank Voigt, Wolf Vostell, Andy
Warhol, Christopher Wool.
Das Motto der Reihe „Kunst zeigt, was man nicht sieht“ ist
dialektisch zu verstehen. Die Arbeit der Performance- und Videokünstlerin
Vanessa Beecroft auf dem diesjährigen Plakat stellt es in Gestalt
eines ungleichen Paares vor dem Hintergrund ungleicher sozialer Bedingungen
in zwar plakativer, gleichwohl nahezu symbolischer Weise dar. In Verbindung
mit dem Thema „Zwischen Malerei und Fotografie“ sei hier jedoch
paradigmatisch ein Satz von Gerhard Richter zitiert, dessen Werk wie kein
anderes in unserer Zeit für die Bedeutung und die Verbindung von
Malerei und Fotografie in der bildenden Kunst steht. In seinen Notizen
schreibt Richter:“... Kunst (...) ist eine besondere Weise unseres
täglichen Umgangs mit Erscheinung, in der wir uns und alles uns Umgebende
erkennen. Kunst ist also die Lust an der Herstellung von Erscheinungen,
die mit denen der Wirklichkeit vergleichbar sind, weil sie mit ihnen mehr
oder weniger Ähnlichkeit haben. Damit ist die Kunst eine Möglichkeit,
alles anders zu denken, die Erscheinung als grundsätzlich unzulänglich
zu erkennen, damit ist sie ein Instrument, eine Methode, das uns Verschlossene,
Unzugängliche ( banale Zukunft genauso wie das grundsätzlich
Unerkennbare, Metaphysische) anzugehen, damit hat die Kunst bildende und
therapeutische, tröstende und aufklärende, forschende und spekulierende
Funktion, damit ist sie nicht nur existenzielle Lust, sondern Utopie.“
Die Fotografie ist wohl das Medium, das die bildende Kunst der Neuzeit
am entscheidendsten verändert hat. Entdeckt in der Zeit des Naturalismus
nicht zuletzt auch als Hilfsmittel zum Malen und Zeichnen, sahen die Maler
die Fotografie gleichwohl zunächst als Gefahr und bedienten sich
ihrer nur heimlich. Die revolutionär neue Ausrichtung der Malerei
um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist freilich diesem Mittel geschuldet,
welches das naturalistische Abbilden der Malerei als Aufgabe ein für
alle Mal abgenommen hatte. Damit unterminierte die Fotografie die traditionellen
bildenden Künste. Der Mediendiskurs und der Umgang mit Bildern im
20. Jahrhundert, die „Modernisierung des Sehens“, wurden von
der Fotografie grundlegend geprägt. Die Malerei zeigte fortan „das,
was man nicht sieht“ oder nur das, was man sieht und nichts anderes.
Die Befreiung der Malerei von ihren naturalistischen Zielrichtungen setzte
unter den Bildenden Künstlern in den Zwanziger Jahren des letzten
Jahrhunderts schließlich aber auch das Potenzial frei, sich der
Fotografie jenseits der Konvention zu bedienen. Sie gestalteten wie Man
Ray oder Christian Schad im Fotogramm das „Malen mit Licht“.
Die Fotocollagen und Fotomontagen, wie sie Hannah Höch, Max Ernst
oder John Heartfield einbrachten, nutzten das Wesen der Fotografie in
seinem Realitätsanspruch als Zitat oder Verweis.
In den siebziger/achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden dann
zeitgleich mit dem Verlust der Bedeutung der konventionellen Fotografie
durch das Fernsehen erstmals auch museale Orte für diese konventionelle
Fotografie, und zugleich wurde das Medium zu einem wesentlichen Bestandteil
der Bildenden Kunst.
Heute gibt es kaum einen Künstler, der sich nicht auch der Fotografie
bedient. Der breite konzeptuelle Dialog und Austausch zwischen der Fotografie
und der Malerei ist selbstverständlich. Dabei, und das gehört
zu den Ironien der Geschichte, nähert sich dank der Digitalisierung
die fotografische Praxis heute wieder den Bedingungen der Malerei.
Und wenn Gerhard Richter um 1960 die Installierung der Neuen Medien zum
Anlass nahm, um den „Tod der Malerei“ zu konstatieren, so
sieht umgekehrt Paul Virilio heute mit der Digitalisierung die „Fotografie
an ihrem Ende“. Proklamationen, die allerdings, beabsichtigt oder
nicht, zugleich den Verweis auf den Beginn von etwas Neuem beinhalten.
In ihrem hundertfünfzig Jahre währenden Dialog übernahm
die Malerei von der Fotografie wesentliche Charakteristika, was Inhalt,
Technik und Form betrifft. Dazu zählen u.a.:
– das Prinzip des Seriellen,
– die Formen der Bild-Erzählung und des Bild-Archivs,
– die Wahrnehmung und Abbildung von Zeit und der Veränderung
des Lichtes,
– die Bedeutung und Herausstellung der Banalität des Alltags
und des Massencharakters in den Möglichkeiten der industriell hergestellten
Reproduktion wie zugleich damit auch der Abnutzung des Bildes.
Und erst im Dialog mit der Fotografie war der Malerei das Spiel mit verschiedenen
Realitäts- und Authentizitätsebenen möglich.
Die künstlerische Fotografie wiederum orientierte sich an
Kriterien des modernen Kunstwerks:
– mit den Tableaux vivants und Stilleben der Inszenierten Fotografie,
– mit der Konzentration auf die formalen Fragen von Licht und Schatten,
– mit der Suche nach den Grenzen der fotografischen Praxis.
Die intensive Auseinandersetzung der Bildenden Kunst mit der Fotografie
begann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und zog sich nicht
nur durch alle herrschenden Kunstrichtungen, sondern ließ auch neue
Richtungen entstehen. Einbezogen sind die Pop-Art, Fluxus, die Story-Art,
der Fotorealismus, alle Formen der bildenden Kunst, die auf Dokumentation
beruhen, Land-Art, Konzept-Kunst, die Inszenierte Fotografie, sowie die
heutigen postmodernen Richtungen mit ihrem Zitatcharakter.
In Amerika war es vor allem Andy Warhol, der die Fotografie aus der einseitigen
Abhängigkeit von der Malerei herausholte und sie im Kanon der Bildenden
Künste emanzipierte. „Mit den nach Fotovorlagen, Zeitschriftenfotos
oder Postern reproduzierten Siebdruck-Bildern ersetzte er die Aura des
Originals durch den Tafelbild-Anspruch der Siebdruckproduktion. Andy Warhol
war der erste Künstler, der am Anfang der sechziger Jahre den westlichen
Industriegesellschaften jene Bilder als Kunst präsentierte, die diese
Gesellschaften seit Jahren über Massenreproduktionen als Wirklichkeitsersatz
konsumierten: Stars, Helden der Leinwand und des Lebens, Außenseiter,
Bildklischees,“ schreibt Michael Schwarz.
Wesentliche Anstöße in Deutschland kamen von Künstlern
wie Gerhard Richter und Sigmar Polke. Ziel war nicht, Fotografie herzustellen,
sondern mit Hilfe der Fotografie Kunst zu produzieren. In der von ihm
behaupteten Krise der Malerei bedeutete es für Gerhard Richter nicht,
mit der Malerei aufzuhören, sondern ihr jegliche Idealität,
im besonderen jede Subjektivität zu nehmen. Hilfsmittel dabei war
ihm das Foto. Denn die Flächenorganisation ist durch ein Foto schon
vorbestimmt und wird nicht vom Subjekt geschaffen. Die Hand wiederholt
mechanisch, ist nicht gestisch-expressiv tätig. Die mechanische Arbeit
des Abmalens schließt alle bewusste Wahl und Entscheidung aus; lässt
dem Intellekt und der kreativen Imagination keinen Platz. „Wenn
ich ein Foto abmale,“ sagt Richter, „ist das bewusste Denken
ausgeschaltet. Ich weiß nicht, was ich tue. Meine Arbeit liegt viel
näher beim Informellen als bei irgendeiner Art von ‚Realismus’.“
Von wesentlichen Richtungen und Künstlern der vergangenen vierzig
Jahre, welche Kunst mit Fotografie, Fotografie mit malerischen Prinzipien,
Malerei mit fotografischen Prinzipien herstellen, zeigt diese Auswahlpräsentation
der Städtischen Sammlung Erlangen Beispiele. Manche dieser Werke
sind in der Zwischenzeit zu Inkunabeln der Gegenwartskunst geworden.
In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass die Städtische
Galerie Erlangen in ihrem Ausstellungsprogramm bereits frühzeitig
und vor den meisten anderen kommunalen und staatlichen Museen und Ausstellungseinrichtungen
diesen Richtungen den entsprechenden Stellenwert einräumte.
Zu den Stilrichtungen
der Ausstellung
Während man bis in die Kunst der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts
hinein noch nach bestimmten Stilrichtungen unterschied, hat man dies heute
weitgehend aufgegeben. Das nachfolgende Gerüst der Stilrichtungen
kann deshalb nur als Hilfskonstrukt gesehen werden. Viele der hier präsentierten
Künstler gehören verschiedenen Richtungen an, und je näher
man der Gegenwart kommt, desto weniger lassen sich die Künstler einer
bestimmten Richtung zuordnen. (Definition der Richtungen u.a. nach dem
Buch „Kunst mit Fotografie“, Frölich & Kaufmann 1983).
Vorläufer
Die konventionelle Fotografie hat ihren Sinn in sich. Sie erzeugt Bilder
um der Bilder willen. lhre Beurteilungskriterien sind fotografische. Die
konzeptionelle Fotografie ist Mittel zum Zweck. Ihre Hervorbringungen
haben lediglich Vermittlungsfunktion und sind ausschließlich nach
künstlerischen bzw. kunsthistorischen Maßstäben zu bewerten.
Kunst mit Fotografie ist die Tatsache, dass die Fotografie ein künstlerisches
Medium sein kann, das von den KünstIern wie andere Medien, wie Malerei,
Zeichnung, Radierung, Lithografie usw. zur Herstellung von Kunstwerken
benutzt wird.
Erst die rasante Entwicklung der Kunst hin zu jenem Nullpunkt, der durch
die Ready mades von Marcel Duchamp markiert wird und der gleichzeitig
einen entscheidenden Neubeginn bedeutet, machte es möglich, die Fotografie
als eigenständiges künstlerisches Medium zu verwenden. Konnte
bis dahin bildende Kunst nach allgemeiner Übereinkunft nur hergestellt
werden mit Hilfe von Plastik und Malerei – wobei andere Medien wie
Zeichnung oder Grafik als Unter- oder Nebenerscheinungen der Malerei angesehen
wurden – machten die Geste Duchamps und die Ereignisse, die sich
im Umfeld der Dada-Bewegung abspielten, den Weg frei für eine multimediale
Kunstausübung.
Der künstlerische Zugriff auf das neue Medium manifestiert sich in
den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts im wesentlichen in neuen Kunstformen.
Da wäre zunächst auf Fotocollage und Fotomontage hinzuweisen,
die erstmals im Berliner Dadaismus ins Zentrum der künstlerischen
Aktivität rücken.
Dabei wurde die Fotografie als Reproduktion des Wirklichen und für
das Tatsächliche selbst genommen.
Die Funktion der Fotografie als Zitat ist deswegen ein wichtiges Merkmal
der Erscheinungsformen Fotocollage und
-montage. Fotografien in Fotocollagen und -montagen tauchen nahezu ausschließlich
in gedruckter Form auf.
Die zweite Kunstform, die aus der Beschäftigung der Künstler
mit Fotografie in den zwanziger Jahren erwuchs, ist das Fotogramm. Für
Moholy-Nagy ist es eine wichtige Möglichkeit, sein Hauptproblem,
nämlich das „Malen mit Licht“, zu lösen.
Beide Erscheinungsformen, sowohl die Fotocollage bzw. die Fotomontage
als auch das Fotogramm, sind Ausfluss neuer künstlerischer Problemstellungen.
In beiden FäIlen ist die Fotografie nicht Selbstzweck, sondern ein
Mittel, künstlerische Aufgaben zu lösen.
lnteressanterweise ist jedoch die Kamera-Fotografie bei jenem ersten konzeptionellen
Zugriff auf das Medium noch ausgespart.
Die zweite Periode der konzeptionellen Fotografie beginnt erst ausgangs
der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts.
Pop-Art
„Die Rückgewinnung des Gegenstandes durch Pop-Art“, schreibt
Max lmdahl, „geschieht nicht im Sinne des Naturalismus. Nicht die
Thematisierung der Wirklichkeit, wohl aber die Thematisierung ihrer durch
plakative, fotografische, drucktechnische oder publizistische Reproduktion
bedingten Auslegung (Interpretation), nämlich die in den Massenmedien
erscheinende Spiegelung der Wirklichkeit ist der Gegenstand und die eigentliche
Wirklichkeit des Bildes ...“
Das Interesse der Pop-Artisten richtet sich also nicht auf den Gegenstand,
sondern auf sein Abbild. Nicht Realität wird untersucht, sondern
„Fakten aus zweiter Hand“. Die Künstler reagieren damit
auf das Phänomen, dass die moderne Massengesellschaft so sehr durch
die von Werbung und Massenmedien vermittelte Wirklichkeit beeinflusst
wird, dass die Realität selbst dahinter verschwindet. Die Realität
wird ersetzt durch das Bild von der Realität, ursprüngliche
Erfahrungen durch solche „aus zweiter Hand“. Das Medium wird
zur Botschaft. „Träger“ dieser Entfremdung ist im Grunde
jedoch die Fotografie. Ihre Fähigkeit, Wirklichkeit abzubilden, und
die ihr innewohnende Eigenschaft der Vervielfältigung, verstärkt
durch moderne Reproduktionstechniken, haben ein Bild von der Welt geschaffen,
hinter dem die Welt selbst zurücktritt. Ihr Einfluss bei der Übermittlung
von Werbung, Mode, Politik, Bildung, Wissenschaft und Technik –
kurz: auf alle Bereiche des modernen menschlichen Zusammenlebens –
ist beherrschend, insbesondere, wenn man bedenkt, dass Medien wie Film
und Fernsehen nur durch Fotografie möglich sind, sich nur aus ihr
heraus entwickelt haben.
Künstler der Ausstellung: Richard Hamilton, Eduardo Paolozzi, Robert
Rauschenberg, Dieter Roth, Andy Warhol
Fluxus, Happening, Performances
Wenn gesagt wurde, das zentrale Anliegen der Pop-Art sei die Herausstellung
des Alltäglichen, und auch, die schöpferische Geste des Informel
werde in ihr ersetzt durch eine neue Sachinterpretation, so steht sie
damit nicht allein. Künstler wie Allan Kaprow, der 1959 in New York,
oder Wolf Vostell und Robert Filliou, die ein Jahr später in Europa
begannen, Ergebnisabläufe zu inszenieren, die mit Happening oder
Fluxus bezeichnet wurden, hatten Ähnliches im Sinn. Nur waren ihre
Intentionen sehr viel weitergehend und radikaler. Die Pop-Artisten hatten
nie die Absicht, die Kunst selbst in Frage zu stellen, die Veranstalter
von Happenings und Fluxus-Ereignissen propagierten dagegen die reine Anti-Kunst.
Dabei wird auch die übliche Distanz zwischen Künstler und Zuschauer
aufgehoben.
Da Kunst mit Leben gleichgesetzt wird, wird in den Vorführungen und
Ereignissen lediglich Banales, Alltägliches inszeniert und vorgestellt.
Dies und die Entkleidung von Künstler und Kunstwerk von altem Heroischen,
Entrückten, Auratischen erzeugt beim Zuschauer einen Schock, der
ihn über anfängliche Ratlosigkeit und Ablehnung zu neuen Einsichten
führen soll. Wichtiger Programmpunkt bei diesem Vorgehen ist die
Durchdringung und Verschränkung der verschiedenen Medien.
Es sollte nicht etwas Herkömmliches entstehen, nichts zum Anfassen,
Ansehen, Genießen, und schon gar nichts für das Museum.
Dennoch ergeben sich sogenannte „Fall outs“, ein Begriff,
den Wolf Vostell 1964 geprägt haben will. „Das sind Objekte,
die beim Happening oder bei Fluxuskonzerten übrigbleiben.“
Derartige „Relikte“ oder „Ikonen“ sind jedoch
ledigIich Abfallprodukte (ausgenommen vielleicht diejenigen von Joseph
Beuys, der den Anspruch erhebt, in jeder seiner Manifestationen selbst
anwesend zu sein), das legitime Bedürfnis nach Dokumentation erfüllen
sie nicht. Jedoch: „In den Aktionen wird gewissermaßen ‚Tatsachenmaterial’
erzeugt, beziehungsweise auf Tatsachen abgezielt“, schreibt Ursula
Peters. „Entsprechend sind sie – ebenso wie die Tatsachen
des Alltags, zum Beispiel wie ein Staatsbesuch, ein Fußballspiel,
ein Autounfall, eine Gartenparty – durch die Fotografie fixierbar.
So waren auch die meisten Fotografen bei diesen von Künstlern ausgelösten
Ereignissen mit dabei. Was von den Aktionen übriggeblieben ist, sind
größtenteils Fotografien. Diese Fotos bestimmen heute maßgeblich
die Vorstellung mit, die man sich im nachhinein von solchen Aktionen macht.“
So betritt die Fotografie zum zweiten Male – dieses Mal jedoch erstmals
und endlich in ihrer Ausprägung als Kamera-Fotografie – die
Bühne der zeitgenössischen Kunst. Vorläufig erfüllt
sie jedoch lediglich eine einfache Dokumentationsaufgabe, die durchaus
mit konventionellen Mitteln zu lösen war. Daran ändert auch
nichts, dass sich aus der Menge der namenlosen Presse- und Schnappschussfotografen
sehr bald einige hervorhoben, die es als ihre Aufgabe betrachteten, den
Ablauf der Geschehnisse, seine Höhe- und Kulminationspunkte besonders
einfühlsam mit der Kamera festzuhalten.
Ist es so das Verdienst der Pop-Art, ganz grundsätzlich auf das Dilemma
Fotografie und Wirklichkeit aufmerksam gemacht zu haben, indem sie die
Fotografie als Zitat benutzt, so bringen Happening und Fluxus die Erkenntnis
ein, dass fotografische Bilder selbst Materialien für autonome Kunstwerke
sein können, indem sie auf die Zeugnisse vorangegangener Kunstausübung
zurückgreifen. Letzteres ist jedoch nur durch Kamera-Fotografie möglich.
Künstler der Ausstellung: Marina Abramovic, Reiner Bergmann, Joseph
Beuys, Johan Lorbeer, Wolf Vostell
Konzept-Kunst, Land-Art, Story-Art
Sol Le Witt zieht in seinen programmatischen 35 „Sätzen über
konzeptuelle Kunst“ von 1969 das Fazit: „Ideen allein können
Kunstwerke sein, sie sind Teil einer Entwicklung, die irgendwann einmal
Form finden mag. Nicht alle Ideen müssen physisch verwirklicht werden“
und: „Zu jedem Kunstwerk, das physisch verwirklicht wird, gibt es
viele unausgeführte Variationen“ und endIich: „Ein Kunstwerk
lässt sich als Verbindung zwischen dem Geist des Künstlers und
dem des Betrachters verstehen...“, um nur drei dieser Sätze
zu zitieren. Diese Definition unterscheidet die Konzept-Kunst von allen
bisherigen Erscheinungsformen der Kunst. Sie verzichtet endgültig
auf alle konkreten Realisationsformen, wie sie Duchamp mit seinen Ready-mades,
Mondrian mit seinen Konstruktionen, die Pop-Art mit ihren Realitätszitaten,
die Happening- und Fluxuskünstler mit ihren Ereignissen, die Post
painterly abstraction mit ihren Formen und die Minimal-Artisten mit ihren
seriellen Produkten noch benötigen.
In ihrer reinsten Ausprägung wird Kunst so zu einem Nachdenken über
Kunst.
Wenn ein Kunstwerk als „Verbindung zwischen dem Geist des Künstlers
und dem des Betrachters“ verstanden wird, um noch einmal SoI Le
Witt zu zitieren, so bedarf es mindestens geeigneter Transportmittel,
um diese Verbindung herzustellen. Diese sind neben Texten, Skizzen, Zeichnungen,
Plänen, Landkarten, Zertifikaten und ähnlichem insbesondere
in der Fotografie zu sehen.
Dabei ist die Arbeit selbst nicht das eigentliche Werk, sie stellt lediglich
ein „System von Dokumentation“ dar, das auf das dahinter stehende
Konzept, welches „jenseits jeder direkten Wahrnehmungserfahrung“
liegt, verweist. Die dazu gebrauchten Vermittlungsmedien, zu denen auch
die Fotografie gehört, haben also nur Verweischarakter. Dabei ist
der Begriff „Dokumentation“, anders zu verstehen, als wie
er für die Fotografie bei Happenings und Fluxus entwickelt wurde.
Dort wurden mit Hilfe der Fotografie stattgefundene Ereignisse dokumentiert.
In der Konzept-Kunst wird die Fotografie unter anderen Medien zum „Verständnis
des Werkes“ gebraucht, als ein Hinweis darauf, wie es realisiert
werden könnte, oder gar nur als Hilfestellung für die gedankliche
Arbeit, die notwendig ist, um die jeweilige Idee im Kopf des Rezipienten
nachvollziehbar zu machen.
Damit sind die drei Eingänge, durch die das Medium Fotografie in
die Kunst unserer Tage hereingekommen ist, markiert. Der Pop-Art ist das
große Verdienst zuzurechnen, dass sie den Zitatcharakter des Mediums
wiederentdeckt hat. Sie hat ins Bewusstsein erhoben, dass Wirklichkeit
und ihr fotografisches Abbild zwei verschiedene Dinge sind. Happening
und Fluxus haben, ausgehend von der Fotografie als einer Möglichkeit
zur Dokumentation, das fotografische Bild als solches entdeckt, als ein
Mittel, es direkt und unmittelbar zur Herstellung von Kunstwerken zu verwenden.
Die Konzept-Kunst macht sich diese beiden Erkenntnisse zunutze und geht
über sie hinaus. Sie benutzt die Fotografie als Transportmittel von
Ideen, als Träger von Information, als Verweis auf etwas, was außerhalb
ihrer selbst liegt. Kommt das neuentdeckte künstlerische Medium in
seiner Funktion als Zitat noch ohne die Kamera aus, so ist es in seiner
Funktion als Dokumentation und Verweis nur als Kamera-Fotografie denkbar.
Unter dem Titel „Story Art“ stellte der New Yorker Galerist
John Gibson im April 1973 Arbeiten von John Baldessari, Jean Le Gac, Peter
Hutchinson, BiIl Beckley, Roger Welch, David Askevold, William Wegman
und anderen Künstlern vor. Mit Story-Art oder auch Narrative-Art
werden „Text-Foto-Synthesen“ oder „Text-Foto-Kombinationen“
bezeichnet. Die Story-Art ist ohne die vorausgegangene Denk- und Vermittlungsleistung
der Konzept-Kunst nicht vorstellbar.
Die Text-Photo-Kombinationen behalten ihre Verweisfunktion zwar bei, inhaltlich
und formal stellen sie jedoch eine bedeutsame Weiterentwicklung dar. Waren
sie in der Konzept-Kunst reine Anweisungen, wie eine Idee zu begreifen
und gegebenenfalls auszuführen sei, wobei die Fotografie mehr den
Part einer visuellen Unterstützung spielte, so sind sie jetzt Träger
von Geschichten, wobei Fotografie und Text grundsätzlich gleiche
Wichtigkeit zugemessen wird. War die Sprache der Texte – ihrer Aufgabenstellung
gemäß – dort kühl, emotionslos und fast wissenschaftlich,
so ist sie hier persönlich, auf den Verfasser bezogen und hat erzählerische
Funktion. Die Texte sind jedoch nach wie vor nicht literarisch, die Fotografien
nicht „fotografisch“. Ihre Verfasser und Hersteller sind,
wie in der Konzept-Kunst, keine Schriftsteller und keine Fotografen, sondern
bildende Künstler. Niemals wird der Leser, sondern immer nur der
Betrachter angesprochen.
Das wirklich Neue jedoch ist das besondere Abhängigkeitsverhältnis
von Fotografie und Text, die Tatsache, dass nur beide Medien zusammen
die Grundlage für das Verständnis der Arbeiten liefern können.
Künstler der Ausstellung: Marinus Boezem, Ger Dekkers, Hetum Gruber,
Peter Hutchinson, Gerhard Merz, Dennis Oppenheim, Gerhard Richter, Richard
Long
Fotorealismus
Er entstand Ende der 60er Jahre als Reaktion auf Pop-Art und Konzeptkunst.
Charakteristisch ist eine reproduzierende, fotografische Genauigkeit,
die auch scheinbar unwichtige Details in hyperrealistischer Weise wiedergibt.
Seine Wurzeln hat der Fotorealismus vor allem in der amerikanischen Malerei
und Skulptur. Maler wie Chuck Close oder Bildhauer wie George Segal und
Edward Kienholz propagierten einen neuen Realismus, der sich in seinem
künstlerischen Ausdruck an der naturalistischen Wiedergabe einer
Fotografie orientieren sollte. In Europa tritt der Fotorealismus besonders
seit der documenta 5 (1972) in Erscheinung, die unter dem Titel „Befragung
der Realität – Bildwelten heute“ den Umgang mit der Realität
in der Kunst diskutierte. Zu den Themen des Fotorealismus gehören
häufig banale Alltagsbegebenheiten wie der Blick auf Straßenzüge,
Landschaften oder Schaufensterfassaden. Dabei geht es um die Frage nach
der illusionistischen Abbildung von Wirklichkeit und deren Verhältnis
zur Wahrnehmung des Betrachters.
Künstler in der Ausstellung: Chuck Close, Jack Goldstein, Robert
Longo, Gerhard Richter
Arte povera
Die Richtung war eine Form der Objektkunst, die einige junge Künstler
in Italien, besonders in Rom und in Turin, in der zweiten Hälte der
1960er Jahre entwickelten. Sie will mit der Verwendung karger Materialien
wie Erde, Holz, Stroh, Schnur, Filz, aber etwa auch Neonröhren die
poetische Komplexität und kreative Ausstrahlungskraft dieser Dinge
nutzen, um auf „vergessene“ Zusammenhänge zu verweisen.
Die Arte povera überschneidet sich mit der Minimalart und der Konzept-Kunst,
betont aber die Wirkung ihrer Werke auf den Menschen.
Künstler der Ausstellung: Giulio Paolini, Michelangelo Pistoletto
Medienanalyse
Die Kunst der sechziger Jahre stellt sich als eine unbekümmerte,
vorurteilslose Inbesitznahme neuer Möglichkeiten dar. Dabei handelte
es sich nicht um die Ablösung alter, gewissermaßen verbrauchter
Medien durch neue, sondern im Grunde um eine Neuformulierung dessen, was
unter Kunst zu verstehen sei. An die Stelle des Bildes, das bestimmten
ästhetischen Kategorien unterworfen war, innerhalb derer sich der
Künstler äußern konnte, trat die Intention des Künstlers,
der sich der verschiedensten Medien und Medienkombinationen bediente,
um das auszudrücken, was er wollte.
Die Aufmerksamkeit der Künstler richtete sich daher immer mehr auf
den Vorgang des „Machens“, wobei jegliche „Materialgerechtigkeit“
hinter eine möglichst unmittelbare „Kommunikationsgerechtigkeit“
zurücktrat.
Unter diesem – und nur unter diesem – Aspekt ist zu begreifen,
dass Anfang der siebziger Jahre eine intensive Untersuchung der Medien
ganz allgemein einsetzt.
Die Tatsache, dass die Fotografie selbst zum Gegenstand eingehender Untersuchungen
durch die Kunst wird, ist daher unter diesem Blickwinkel zu sehen.
John Hilliard beispielsweise baut nach einer kurzen Anfangsperiode ein
konsequent fotografisches Werk auf, das zwar die verschiedensten Inhalte
transportiert, formal jedoch in aufeinanderfolgende Werkgruppen eingeteilt
werden kann, die mit fotografischen Begriffen überschrieben werden
können.
Das Formenvokabular entwickelt sich dabei streng auf der Grundlage der
jeweils verwendeten fotografischen Technik. Dass Inhalt und Form perfekt
zusammenfallen, macht die Arbeiten dieses Künstlers so faszinierend.
Künstler der Ausstellung: John Hilliard
Inszenierte Fotografie
Zunächst sei auf einen Vorgang aufmerksam gemacht, den man mit Verselbständigung
der Kamera-Fotografie bezeichnen könnte. Er ist hauptsächlich
in der Nachfolge von Happening und Fluxus festzustellen, also innerhalb
der Kunstrichtungen, die man mit Prozesskunst, Aktionskunst, Body Art,
Performance usw. bezeichnet. Die fotografischen Dokumente, die von einem
Happening oder Fluxus-Ereignis übrig blieben, führten nicht
nur zur Weiterverarbeitung des fotografischen Bildes in nachgeordneten,
selbständigen Kunstwerken, sondern riefen auch von ihrem Herstellungsprozess
her das Interesse der Künstler wach. Geschehnisse werden also nur
zu dem Zweck inszeniert, um sie fotografisch festhalten zu können.
Für die Inszenierte Fotografie insgesamt gilt, dass sie eine mehr
oder weniger sorgfältig aufgebaute Szene augenblickIich festhält.
Probleme entstehen dabei nicht, denn schließlich ist Schnelligkeit
eine der ersten Eigenschaften des Mediums. Im Bereich der bildenden Kunst
ist die Fotografie das einzige Medium, das eine derart rasche Fixierung
von Wirklichkeit erlaubt. Während die Eigenschaft für eher beiläufig
arrangierte Erfindungen geringe Bedeutung besitzt, wären Arbeiten
wie die von Jürgen Klauke oder Vanessa Beecroft ohne diese Qualität
nicht denkbar. Zumindest bei den Personenstücken, bei den Inszenierungen
mit lebenden Personen also, lassen sich Aufbau, Standort und Haltung nicht
lange konservieren; jede Wiederholung der Szene ist mühsam und würde
jeweils andere Ergebnisse zur Folge haben. Natürlich ist die Schnappschuss-Qualität
der Fotografie nur eine technische Voraussetzung zur Herstellung von Bildern.
Wichtiger für die Definition der Reproduktion ist die Form-Inhalt-Relation
der Inszenierungen – allerdings immer in Bezug zum Ergebnis, also
zum fotografischen Bild. Im Grunde kann die Inszenierte Fotografie als
eine Fortsetzung der lebenden Bilder des 18. Jahrhunderts beschrieben
werden, Gegenstände und Personen werden so auf einer Bühne aufgebaut,
dass die Szene einen Sinn ergibt. Das ist mit einem Bild nicht immer leicht.
Nicht von ungefähr arbeiten die Künstler der Inszenierten Fotografie
deshalb oft in Bildfolgen, wenigstens entwickeln sie ihre Geschichte als
Diptychon oder durch Bilder im Bild. Nur, Künstler sind keine Theaterregisseure,
sie denken nicht in Bildern, die mit dem (Bühnen)Raum korrespondieren,
sie denken als bildende Künstler in fotografischen Bildern. Gerade
jene, die sehr kalkuliert vorgehen, wie Klauke oder Hilliard, berechnen
die Wirkung des inszenierten Bildes immer in Bezug auf sein fotografisches
Abbild.
Künstler der Ausstellung: Vanessa Beecroft, Anna und Johannes Bernhard
Blume, Jean-Louis Garnell, John Hilliard, Rebekka Horn, Jürgen Klauke,
Pieter Laurens Mol, Erwin Olaf, Marc Quinn
Bilderzählung
Ein hervorstechendes Merkmal der modernen Kunst mit Fotografie ist die
Verwendung von mehreren Einzelbildern im fertigen Werk. Die „Absage
an das EinzeIbiId“ ist dabei sicher eine Folge des Erkennens der
schon erwähnten „fotografischen Realität“, also
der Eigenständigkeit und Eigenwertigkeit des fotografischen Bildes
im inhaltlichen und formalen Sinn. „Wir haben uns in einer Wirklichkeit,
die mehr und mehr dargestellte Wirklichkeit wird“, schreibt
Manfred Schmalriede, „an Bilder so gewöhnt, dass wir den direkten
Objektbezug des Einzelbildes nicht mehr ausschließlich und entscheidend
ansehen. Mehr denn je beziehen wir Bilder auf eine mögliche Welt
... Erst ein zweiter oder dritter Objektbezug in einem zweiten oder dritten
Foto bietet die Möglichkeit des Vergleichs und kann der Beginn sein,
aus Gesehenem, von einem bestimmten Interesse ausgehend, Einsichten abzuleiten.“
Die Künstler arrangieren Sequenzen, Sukzessionen, Reihen oder andere
vielteilige Arbeiten zu mehr oder weniger unregelmäßigen Blöcken,
für die in der Regel eine Hängeanweisung mitgeliefert wird.
In dieser Präsentationsform manifestiert sich am deutlichsten das
Selbstbewusstsein einer Fotografie, die lange als Sekundärdisziplin
und Zulieferer für die Hochkunst diskriminiert worden ist. Jetzt
füllt sie als (zusammengesetzes) Bild ganze Ausstellungswände.
Unterstützt wird dieses Selbstbewusstsein durch die zunehmende Verwendung
der Farbfotografie.
Künstler der Ausstellung: John Baldessari, Anna und Bernhard Johannes
Blume, Jean-Louis Garnell, Nan Goldin, Jürgen Klauke, Jacqueline
Salmon
Fotografie und Malerei, Malerei mit Fotografie
Einige Künstler wie Johannes Brus und Walter Tafelmaier verbinden
auf je unterschiedliche Weise Malerei mit Fotografie. „Es wäre
mir wichtig, noch auf den ‚Bildcharakter’ einzugehen, auf
den ich oft angesprochen werde. Ich sehe meine Fotos nicht als Surrogat
für Bilder an. Zu den Mitteln, durch die Fotografie entsteht, gehören
neben der Belichtung des Negativs und des Fotopapiers sehr wesentlich
das Entwickeln und Fixieren ... Kratzer im Negativ, Kleckse von Entwickler
oder Fixierbad und bei größeren Fotoarbeiten die sichtbaren
(gestischen) Spuren des Entwickelns und Fixierens mit dem Schwamm. Alle
diese Einwirkungen sind deutlich auf der Fläche und bilden mit der
speziellen gegenständlichen Gegebenheit des Fotos eine Einheit. Die
dann entstehende Helligkeit, Dunkelheit, Farbigkeit, Kontraste usw. sind
sowohl auf der Fläche organisiert als euch gegenständlich erfahrbar.
Ein wenn auch mit anderen Mitteln verfolgtes aber mit der Malerei vergleichbares
Prinzip.“ Johannes Brus’ Arbeiten entstehen nach einer Methode,
die „dem Profi (gemeint ist der professionelle Fotograf) die Haare
zu Berge stehen lassen“. Kein anderer Fotokünstler malträtiert
sein Material so wie Johannes Brus.
Auch Walter Tafelmaier bearbeitet die Fotografie durch Kolorierung und
ÜbermaIung. Während Brus sich aber durch die Art der Herstellung
der Fotos als ein Künstler erweist, der wie John Hilliard einerseits
die Möglichkeiten und Grenzen (also die Bedingungen) des Mediums
untersucht und für sich auslotet, indem er wie ein Alchimist mit
chemischen Substanzen hantiert, einer Emulsionsschicht Farbe entlockt
und die Negative auf große Formate bringt, ordnet Walter Tafelmaier
das Foto ganz dem malerischen Duktus unter.
Die Art, wie die beiden Dresdner Künstler Wolfgang Petrovsky und
Frank Voigt die Fotografie in ihre gemalten und gezeichneten Bilder montieren,
nimmt Elemente der Pop-Art, aber auch der kritischen Kunst eines Wolf
Vostell auf und führt sie weiter in die kritische Kunst der damaligen
Gegenwart einer DDR kurz vor dem Mauerfall. Und
Christopher Wool schließlich bindet Schrift in vielfacher Reproduktion
in seine Malerei mit ein.
Künstler der Ausstellung: Johannes Brus, Wolfgang Petrovsky, Walter
Tafelmaier, Frank Voigt, Christopher Wool
Postmoderne/Medienkunst
Viele der heutigen Künstler lassen sich in ihrem Werk nur mehr schwer
kategorisieren. Handelt es sich im Werk von Vanessa Beecroft um Performances
oder um „Living Sculptures“ oder geht es nicht vielmehr um
eine moderne Form von Porträtmalerei, um psychologisch aufgeladene
Stillleben mit lebendigen Sujets. Das Werk von Sherrie Levine spiegelt
das postmoderne Bewusstsein wieder, in einer Zeit zu arbeiten, in der
die epochalen Eigenschaften der modernen Kunst bereits den Charakter vollendeter
Tatsachen haben. Die Entstehung der kanonischen Meisterwerke erlebte Levine
nicht mehr als Teilnehmerin, sondern nur noch als Beobachterin. Im Zentrum
ihres Interesses: Der Fetisch- und Warencharakter von Kunstobjekten, die
Frage nach dem Verhältnis zwischen Original und Originalität,
Unikat und Serie. Laurie Simmons arbeitet mit Inszenierter Fotografie
und Installationen, um tradierte Rollenmuster der Warengesellschaft zu
thematisieren. „Appropriation Art“ nennt man diese Art der
kritischen Aneignung bereits existierender hoch- und massenkultureller
Bilder. Rosemarie Trockel thematisiert in ihren Arbeiten Wahrnehmen und
Erkennen, Erinnern und Erfahren mit den verschiedensten Medien und unterschiedlicher
Thematik. Gerhard Merz schließlich nutzt in seinen seriellen Arbeiten
das Foto als historischen Verweis und Raum-Dokumentation.
Künstler der Ausstellung: Vanessa Beecroft, Sherrie Levine, Gerhard
Merz, Laurie Simmons, Rosemarie Trockel
Verwendete Literatur u. a.:
- Kunst mit Fotografie, Frölich & Kaufmann 1983
- Kunstforum „Malerei nach dem Ende der Malerei“, 1995
- Dumont’s Künstlerlexikon, Köln 1997
- Prestel Lexikon, Kunst und Künstler im 20. Jahrhundert, 1999
- Künstler, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, fortlaufend
- Kataloge zu den Künstlern und ihren Werken
- Kunstforum „Das Ende der Fotografie“, 2004
Städtische Galerie Erlangen
Palais Stutterheim
Marktplatz 1, 91054 Erlangen
Tel. 0 91 31/86 25 33 und 86 27 35, Fax 86 21 17
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr
Öffnungszeiten media.art.zentrum ab 22. Oktober: Fr 10–18,
Sa/So 10–17 Uhr
Führungen: sonntags 15 Uhr
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