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TwoFourTwo – eine Künstlergruppe aus Nikosia

5. Juni – 17. Juli 2005
Eröffnung Sonntag, 5. Juni, 11 Uhr

Begrüßung:
Dr. Dieter Rossmeissl, Referent für Kultur, Jugend und Freizeit der Stadt Erlangen;
Lisa Puyplat, Leiterin der Städtischen Galerie Erlangen
Einführung in das Gesamtprojekt:
„Zypern – Blick zurück nach vorn“, Prof. Heinz A. Richter, Historiker, Universität Mannheim
Vortrag:
„Zypern: Kunst zwischen den Kulturen“, Dr. Andreas Pittler, Schriftsteller (Wieser Verlag), Politikwissenschaftler, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, österreichisches Parlament, Wien

Zur Ausstellung
Die Städtische Galerie Erlangen präsentiert im Rahmen des Großraumprojektes „Eurovisionen“ in einer Eigenproduktion eine junge Künstler-Gruppe aus Zyperns Hauptstadt Nikosia.
Mit Video-Installationen, Objekten und Fotos spiegeln die jungen Zyprioten ihre Gesellschaft und ihr Land wider, immer noch zerrissen von den Machtansprüchen der Politik.
Der Architekt Constantinos Kounnis und der Designer Costas Mantzalos machen bildende Kunst an der Schnittstelle von Architektur, Design, Mode und Literatur. Die Ausstellung in den Räumen der Städtischen Galerie wurde von ihnen zu einer „Gesamt-Installation“ gestaltet.
Die Ausstellung setzt die Reihe der Städtischen Galerie mit aktueller Medienkunst fort. Die beiden Künstler formierten sich 1996 zur Gruppe 242. Große Einzelausstellungen hatten sie zuletzt außer in Nikosia in Melbourne, Australien und in Amsterdam. Teilnahmen u.a. an den „Rencontres Internationales“ in Paris/Berlin.

Zu den Arbeiten
(von Artemis Eleftheriadou)
Im letzten Jahrhundert sind die Grenzen zwischen den Kunstsparten fließender geworden. Die Grenzverläufe haben sich verschoben, um neuen Ideen Raum zu geben. Eine neue Plattform in der gegenwärtigen Kunstszene präsentiert Arbeiten, die von einer Mischung der Disziplinen wie Design, Architektur, Mode oder bildende Kunst ausgehen.
Die Gruppe 242 versucht diese neuen Grenzen auszuloten. Beide Partner, Costas Mantzalos und Constantinos Kounnis, ein Designer und ein Architekt, untersuchen ihre Erfahrungen, um eine neue Sprache zu entwickeln, die sie dem Betrachter vermitteln. Es war ihre kreative Verschiedenheit, die den Ausschlag zu dieser Gruppenarbeit gab. Ihre gemeinsame Arbeit ist nicht das, was man landläufig unter Kunst versteht, sondern strebt einen eigenständigen Platz an.
Die oft skulpturalen Fotoarbeiten von 242 scheinen zwischen verschiedenen Polen zu fluktuieren, um einem privaten Kosmos Raum zu geben. Ein fließendes Zusammenspiel ergibt sich zwischen den verschiedenen Sprachen im Prozess der Erforschung: zwischen Privatem und Öffentlichem, Sexualität und Identität, Eitelkeit und Begierde. Aus der Notwendigkeit, solchen Themen Ausdruck zu geben, entwickeln sich persönliche Erzählungen, ausgedrückt in einerseits geheimnisvollen, andererseits aber auch ironisch gemeinten Bildern. Dabei findet eine permanente Überprüfung der Beziehungen zwischen verschiedenen Körpern unter erotischen Vorzeichen statt.
Die Arbeiten fordern den Betrachter heraus, die Oberflächen zu ergründen, oder diese als „Design“ zu betrachten, so wie man etwa die Körperdarstellungen in der Werbung betrachtet. Hier findet eine Vermischung statt mit jenen künstlichen Identitäten, wie sie von der Mode und vom Marketing diktiert werden, und mit den Fragen des persönlichen Verhältnisses zum eigenen oder fremden Körper: Mein Körper gehört mir nicht mehr und auch nicht sein sexuelles Verhalten oder seine Identität. Zwischen Überraschungseffekten und Stereotypen setzt sich die Arbeit von 242 mit dem Einfluss des Öffentlichen auf das Private auseinander.
Die Reihe von Lichtkästen in der Ausstellung deuten Werbung an, wie man sie z.B. in Bussen, in Schaufenstern oder in Bahnhöfen sieht. Die Zurschaustellung von intimen, überdimensionierten Körperteilen ist dabei nicht zufällig. Die Sprache der Künstler führt zur Mythologie des Körpers, zu Tabus und seiner Intimität.
Sie weist auch auf das im Banalen Verborgene hin. In den Fotos sind Augen, Ohren und Haut symbolisch aufgeladen, gleichsam in der Erkenntnis des emotionalen Dialogs zwischen Körper und Öffentlichkeit. Ein Bereich, der geprägt ist durch besondere ästhetische Akzente und soziale Verhaltenskonventionen.
Die Lichtkästen sind aus Aluminium konstruiert und mit Lichtanschlüssen versehen, die einen endlosen Spiegeleffekt erzeugen. Solche Lichtanschlüsse findet man auch in Büros etwa zum Lichtdämmen. Diese Elemente erscheinen hier verfremdet und in ihrer Größe modifiziert und sind so ein integraler Teil der Arbeit. Reflektierte Bildfragmente, gleichsam zu einem Gewebe geformt, bilden buchstäblich die visuelle Tiefe. Dieses visuelle Spiel weist dem Betrachter seinen Platz sowohl innerhalb wie außerhalb der Arbeit zu, schwankend zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Die Motive wirken suggestiv durch ihre Authentizität wie ihre Künstlichkeit. Zwischen farbiger Hochglanzwerbung und harten Schwarz-Weiß-Nahaufnahmen findet sich eine sensible Qualität des Dokumentarischen. Die fotografische Manipulation ist ebenso vertraut wie eigenartig, durch die Art und Weise der Verfremdung und der visuellen Abstraktion.
Darüber hinaus entdeckt man eine subtile Zweideutigkeit angesichts dieser Körper und ihrer leuchtenden Transzendenz. Sind dies Industrie-Kästen oder luxuriöse Werbevitrinen? Sind es Ausdrucksformen von privaten Wahrnehmungen, die den Betrachter überwältigen durch ihre Größe und die zugleich damit die Beachtung herausfordern? Der Körper ist hier Schlachtfeld zwischen privaten Erfahrungen und politischen Interessen. Beides prägt sich seiner Oberfläche ein. Die Motive der Verführung, der Eitelkeit und des Schmerzes messen sich an der permanenten sozialen und persönlichen Kritik. Und zeigen einen letztlich humanen Aspekt auf.
Es ist vielleicht die Stärke von 242, dass sie industrielle Materialien verwendet, hochperfektioniert und ohne persönliche Handschrift. Doch zugleich haben ihre Arbeiten Tiefe, sind expressiv wie emotional zugleich und erzeugen Spannung. Die Nutzung industrieller Materialien formen Elemente, die häufig mit dem architektonischen Vokabular der Räume zusammenwirken.
Die Ausstellung sollte als ein Ganzes verstanden werden und als eine Summe von Teilen einer großen Installation. Die Arbeiten folgen den Tendenzen der späten 80er Jahre der Rückkehr zum Körper einerseits und des Minimalismus im Spiel mit der industriellen Produktion andererseits. Das Verhältnis zwischen den Lichtkästen formt sich zu einer Installation aus Licht, die die Räume verändert und mit ihnen gemeinsam agiert. Von der Installation wird der Betrachter erfasst und sie verändert zugleich seine Wahrnehmung.
Die Videoarbeit „Solvent“, 2001, wurde entwickelt, als beide Künstler sich nicht am selben Ort befanden. Ihre Kommunikation ging über die Nutzung von Internet und Telefon, was zugleich eine mehrfache Beschränkung zur Folge hatte. Entsprechend wurde das Physische als das Fehlende gesehen. Die Art dieser Kommunikation wurde Thema dieser Videoarbeit. Es ist eine Chronologie mit kodierten Nachrichten durch entmaterialisierte Schemen.
Obwohl die Identität der Partner verdeckt bleibt, blickt die Arbeit in die intimen Sphären und deren Erfahrungen. Nicht die Individuen stehen im Mittelpunkt der Arbeit, sondern ihr Interagieren.
Der Gebrauch der Sprache, die Definition des Selbst, der menschlichen Gegenwärtigkeit und ihrer Manipulation zeigt sich als Funktion der geistigen Verfassung. Die Arbeit ist eine Antwort auf die physische Abwesenheit, wie sie durch Cyberspace und Telefon bewirkt wird. Der Betrachter betritt das Imaginäre, das Private, das Geheime und wird Voyeur einer intimen Konversation. Der Text wirkt auf einer doppelten Ebene, durch Text und Erkenntnis. Beim Lesen erkennt man Spuren der intimen Aspekte der eigenen Identität, wie sie sich in privaten Interaktivitäten und Verhältnissen ausdrückt. Ergänzt sind Fotos der Künstler als Antwort auf ihre physische Abwesenheit. Die Schnappschüsse stammen von Bahnhöfen, Flughäfen und Fotoboxen.
Lichtkästen und Video erzeugen zusammen einen Dialog der Abwesenheit und Anwesenheit, der die Mechanismen der künstlerischen Prozesse der Gruppe 242 erforscht. Beide sollten als Ganzes gesehen werden, um metaphorisch und real die physischen und mechanischen Aspekte der körperlichen und mentalen Vorgänge bei Anwesenheit und Abwesenheit zu erfahren.
„Die Party”, 2005, ist eine Installation, die aus verschiedenen Lichtkästen um ein Zentrum gebildet ist. Das leuchtend helle, weiße Licht ist mit Gelb versetzt, so einen abrupten Wechsel erzeugend. Auf einer Tanzfläche sieht man lächelnde Menschen. Die Bilder sind Fotos von Partys, veranstaltet von 242 anlässlich privater Anlässe. Aber sie sind zugleich als Teil der Arbeit gedacht. Die Menschen gehören zum Alltag von 242.
Auch im weiteren Teil der Schau erzählen die Fotoarbeiten private Geschichten. Die Freunde und Bekannten von 242 wissen von der fast zeremoniellen Art des Umgangs von 242 mit den Menschen in ihrer Umgebung. Diese kleinen Zeremonien werden durch Rituale gestützt, Treffen (coded dates), z. B. der Mittwochs-Club, dienen dazu, in der Teilung eine gemeinsame Sprache zu finden, getragen von dem Wunsch nach Ordnung. Dies sind keine Prozesse, wie sie etwa nur von 242 praktiziert werden, sondern sie haben die Funktion von charakteristischen sozialen Kontakten. Auf diese Weise können Objekte und Menschen zu Mittlern werden für die Gestaltung unserer physischen und mentalen Wahrnehmungsvorgänge.
Durch eine Serie von ausgewählten Motiven versucht 242 die Verbindungen aufzuzeigen, die das bewusste und unbewusste soziale Universum des Menschen bildet. Die Fotos von Objekten oder Gesichtern weisen dabei nur auf einen Teil ihrer Bedeutung.
Die „Fotosammlung“ rückt Details aneinander, die das Leben der Künstler beeinflussten. Die vielen Möglichkeiten, Objekte und Menschen in spiritueller wie mentaler Form zu transformieren, sind dabei verführerisch. Anders als ein gewöhnliches „Fotoalbum“ vereint diese Sammlung eine Serie von zufälligen Bezügen und Ereignissen, Hinweise auf uneingestandene Wünsche, zerbrochene Freundschaften, Verhältnisse von Macht und Zwang. 242 spielt damit Katz und Maus, fordert Absurdes, Zufälliges und Unmögliches heraus. In einer spielerischen, und „perversen“ Weise zugleich diktiert sie ihre Kontrolle über die Welt und unterstreicht die Ironie, die allem Alltag zugrunde liegt. 242 lächelt bedeutungsvoll über die komplexe Natur der menschlichen Interaktionen.
Dieser Teil der Schau ist Resultat eines Versuchs, die Verhältnisse zu sondieren. Das Puzzle von Fotos ist in einer Form zusammengestellt, als wolle man Ordnung aus dem Chaos gestalten.
Mit der Beobachtung eines Sammlers, der seine Stücke zusammensetzt, platziert 242 methodisch und genau die Bilder zu einem Netz. 242 stellt ihre eigenen Porträts zusammen, sucht gewählte Stücke aus. Jean Baudrillard erklärt in seiner Schrift “Das System des Sammelns”, wie alle Objekte, die besessen werden, dem gleichen abstrakten Vorgang angehören und an gleichwertigen Verbindungen teilnehmen, sofern diese sich rückwirkend auf das Subjekt beziehen. Dadurch konstituieren sie sich selbst als System auf der Grundlage, auf welcher das Subjekt versucht, seine Welt zusammenzusetzen, seinen persönlichen Mikrokosmos.
Im Prozess der Agglomeration von semantischen Objekten oder Subjekten konstituieren wir unsere Identität durch ein fragmentiertes Ganzes.
Dieses System der Organisation funktioniert auf der Grundlage des Privaten und Intimen, seine Natur entwickelt sich jenseits bewusster Funktionen.
Die spirituellen Diagramme bilden den Weg, über den wir uns selbst definieren, wenn wir verschlossen oder zu kraftlos zum Widerstand sind. Verführerisch, quälend und notwendig, entwickeln unsichtbare Netzwerke Elemente, durch die unser soziales Zusammenwirken durch praktikable Möglichkeiten definiert wird. Trotz ihrer Unfassbarkeit werden die Netzwerke immer mächtiger. Eigenartigerweise erscheinen sie konkreter als jedes physische Verhältnis.

Hinweis:
Donnerstag, 16. Juni, 20 Uhr, media.art.zentrum, Helmstraße 1
Ehrenmord oder alltäglicher Rassismus –
Film und Theater um Othello und seine heutigen Brüder

von und mit Herbert Heinzelmann


 

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Städtische Galerie Erlangen
Palais Stutterheim
Marktplatz 1, 91054 Erlangen
Tel. 0 91 31/86 25 33 und 86 27 35, Fax 86 21 17
Öffnungszeiten: Di-Fr 10-18, Sa/So 10-17 Uhr

EUROVISIONENFührungen: sonntags, 15 Uhr

 
   

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