
J .G. Rittenberg

Heiner Müller

Günter Grass

Fitzgerald Kusz

Mayröcker & Jandl
Bernhard
Minetti

Helmut Qualtinger

Einar Schleef

Werner Schwab

Martin Sperr

Georg Ringsgwandl

Christoph Schlingensief

Volkerr Schlöndorff
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Joseph
Gallus Rittenberg – 50 Fotobilder
„Kunst zeigt, was man nicht sieht“ war das übergreifende
Motto der bisherigen drei Auswahl-Präsentationen der Städtischen
Sammlung
Erlangen. Motto der Präsentation in der Großen Galerie könnte
in Abwandlung davon sein „Fotografie zeigt mehr, als man sieht“.
Anders als die bisherigen Präsentationen, die wichtige Künstlerpositionen
und Kunstrichtungen in den Mittelpunkt stellten, wird hier das Werk eines
einzelnen Künstlers vorgestellt: 50 Arbeiten des Fotokünstlers
Joseph Gallus Rittenberg, die zu den wesentlichen seines fotografischen
Gesamtwerkes zählen. Begleitet von 14 Aphorismen des Fotokünstlers.
Die Städtische Galerie Erlangen hatte 1993 die erste große
Retrospektive von Joseph Gallus
Rittenberg zusammen mit dem Künstler erarbeitet und präsentiert.
Die ausgestellten großformatigen Arbeiten wurden damals von Karl
Manfred Fischer, der auch diese Ausstellung kuratiert hat, für die
Städtische Sammlung erworben und anschließend in mehreren Städten,
so auch an der Volksbühne Berlin gezeigt. In dieser Präsentation
sind sie durch eine Reihe von neueren Arbeiten ergänzt.
Der Österreicher Joseph Gallus Rittenberg nennt seine Arbeiten „Fotobilder“.
Er hat viele Größen der deutschen Literatur-, Theater-, Film-
und Kabarettlandschaft fotografiert und seine Porträts zu Psychogrammen
verdichtet. Diese Psychogramme kennt man aus den Feuilletons der überregionalen
Zeitungen, vor allem aus der „Zeit“ und „Theater heute“.
Vehement unterscheidet sich dabei Rittenbergs Vorgehensweise von der seiner
Kollegen. Bereits im Vorfeld beschäftigt er sich intensiv mit dem
Werk des zu Porträtierenden. Das Bild, sagt er, müsse aus dem
Oeuvre kommen. Dabei ist er nicht nur ein Fotograf, wie der Journalist
Helmut Schödel schreibt, sondern vor allem ein Visionär. Mit
seiner radikalen Ästhetik der ungewöhnlichen Perspektiven und
Bildausschnitte, die allen fotografischen Konventionen und Normen widerspricht,
sind ihm Porträts geglückt, die zu weit über den Tag gültigen
Metaphern geworden sind.
Foto-Experte Michael Koetzle charakterisiert den Fotografen: „Joseph
Gallus Rittenberg zählt zu jenen Künstlern, deren Werk sich
kaum auf einen knappen Nenner bringen lässt. Rittenberg hat gemalt,
gezeichnet, Bühnenbilder sowie mit großem, auch internationalem
Erfolg Plattencovers und Filmplakate entworfen. Seit 1980 arbeitet er
vorzugsweise mit der Kamera. Unter Vorbehalt könnte man Rittenberg
folglich als Fotografen bezeichnen, wenngleich er sich in wesentlichen
Punkten von seinen fotografierenden Kollegen unterscheidet. Etwa im sparsamen
Gebrauch des Mediums. Rittenberg denkt häufiger über Bilder
und das Bildermachen nach, als dass er den Auslöser betätigt.
Rittenbergs Bilder irritieren und faszinieren zugleich. Im Kunst- und
Kulturbetrieb stößt sein Oeuvre auf schroffe Ablehnung und
helle Begeisterung.
An Rittenberg scheiden sich die Geister. 1948 in Linz (Österreich)
geboren, hat Rittenberg in Salzburg (Mozarteum), Wien (Akademie für
Angewandte Künste) und schließlich München (Filmhochschule)
studiert. Proportions- und Farbenlehre waren u. a. die Schwerpunkte seiner
künstlerischen Ausbildung: Fächer, die ohne Frage die Basis
für Rittenbergs ausgeprägtes Formgefühl gelegt und ihn
letztlich befähigt haben, das zu schaffen, wovon berühmtere
Kollegen reden: Er hat eine eigene, unverwechselbare Bildsprache entwickelt.
Dass diese mittlerweile von vielen imitiert und (erfolgreich) praktiziert
wird, gibt dem heute in München lebenden Joseph Gallus Rittenberg
spät, doch immerhin recht. ,Fotobilder’ nennt Rittenberg selbst
seine fotografischen Arbeiten und setzt sich damit ganz bewusst vom rein
illustrativen Pressefoto ab. Wenn Rittenberg seine Figuren an den äußersten
Rand rückt, Ihre Gesichter in tiefes Dunkel taucht oder die Köpfe
mutig anschneidet, dann sind dies – mit anderen Worten – keine
formalen Spielereien. Es ist vielmehr der Versuch, Charakter, geistige
Haltung, Stimmung oder Befindlichkeit zu visualisieren. Rittenbergs Porträts
bleiben nicht an der Oberfläche. Unübersehbar besitzen seine
Bilder eine psychoanalytische Dimension: Wolfgang Koeppen blickt über
den Schreibtisch weg aus dem Fenster in eine weiße Leere. Seit Jahren
hat er nicht mehr publiziert. Rittenberg liefert den Bildkommentar zum
Schweigen des großen Romanciers.
Alle Aufnahmen sind im Format Doppel DIN A0 präsentiert. Dass Rittenbergs
Arbeiten in diesem für Fotografien seiner Art ungewöhnlichen,
gefährlichen Format nicht verlieren, sondern im Gegenteil an Dichte,
an Atmosphäre, an Wirkung gewinnen, unterstreicht einmal mehr ihre
außergewöhnliche, herausragende Qualität.“
Rittenberg erzählt mit seinen Bildern nicht nur Geschichten, er kann
von seinen Bildern, wie sie entstanden, auch Geschichten erzählen,
nicht zuletzt, weil er sich auf die Personen, die er ablichtet, intensivst
einlässt.
Er erzählt von dem wie abwesenden Dichter
Thomas Bernhard nach einer von Studenten verhinderten Lesung in einem
Wiener Caféhaus, von Werner Schwab, den er entlang einem Bauzaun
an einer für Passanten verbotenen Straßenbaustelle in Wien
laufen ließ, behangen mit einer Decke aus schwer entflammbarem Material,
die dennoch lichterloh brannte, und deren Flammen den Dramatiker fast
ergriffen hätten, wenn er sie nicht im letzten Augenblick abgeworfen
hätte.
Er erzählt von dem betrunkenen Martin Sperr, der auf einer Jux-Modenschau
in einem Münchner Lokal als Braut über den Laufsteg schritt
und dem in der Pause so schlecht war, dass er zu dem Fotografen nur noch
sagen konnte: „Mach schnell, sonst fall ich um.“ Zum zweiten
Sperr-Bild erzählt er, dieser habe damals die Hauptrolle in dem Stück
„Münchner Freiheit“ gespielt, einen gnadenlosen Kapitalisten.
Kurz vor der Hauptprobe lichtete Rittenberg ihn ab als orthodoxen Juden
in einem Kachelbad einen Fisch taufend. Für Rittenberg ist das Bild
auch symbolisch für den israelisch-arabischen Konflikt.
Er erzählt von Elfriede Jelinek, die er 2005 nach ihrem Nobelpreis
ablichtete und die geduldig auf seine über mehrere Tage langsam wachsenden
Bildvorstellungen einging. Das Geld, das er auf dem Sofa schichtete, hatte
er selbst bei sich. Die Idee zum Raben hatte er, als er ein Dessousgeschäft
sah, das mit ausgestopften Raben dekoriert war. Es war ein Auftragswerk
für die „Weltwoche“. Entstanden ist das Bild im Münchner
Prinzregententheater.
Und er berichtet von Einar Schleef, den er in Wien vor dem Probenbeginn
zu Elfriede Jelineks „Sportstück“ fotografierte. Er hatte
immer geglaubt, dass man diesem großen Mann alle Steine aus dem
Weg räume. Doch dieser war, als er ihn traf, menschlich enttäuscht
über die Umstände, unter denen die Proben begannen. Das Gebäude
im Hintergrund ist übrigens ein Gefängnis.
Das Foto von Heiner Müller, dem deutschen Groß-Dramatiker,
entstand vor dem Frankfurter Schauspielhaus. Für die ‚Seance’
hatte Rittenberg verbotenerweise den Kanaldeckel gelüftet. Der notorisch
unpünktliche Müller kam auf die Minute pünktlich und ging
wortlos auf den Inszenierungsvorschlag ein.
“Die Deutschen brauchen wieder Mut zum Selbstzweifel“ –
dieses Grass-Wort veranlasste Rittenberg, den Dichter neben eine Mülltonne
zu postieren mit einem „Mittelweg“ und „Ost-Gestrüpp“
und viel symbolischem Gehalt in der umgebenden Landschaft. Der „Spiegel“
freilich, der dies Foto bestellt hatte, missachtete die Symbolik und schnitt
rigoros den rechten Rand ab.
Rittenberg erzählt von Helmut Dietl, dem für ihn neben Fassbinder
herausragenden deutschen Filmregisseur der Gegenwart, den er in seiner
Wohnung als „König von trauriger Gestalt“ ablichtete
und dem er sagte: „Wenn mein Foto die Wahrheit sagt, dann wirst
du den Oscar, auch wenn du nominiert bist, nicht bekommen.“ Rittenberg
hatte recht.
Wie ein Leitmotiv zieht sich durch Rittenbergs Schaffen die Suche nach
dem wahren Gesicht, nach der wahren Größe des Menschen. So
entblößt er ihn, indem er ihn verkleidet, so setzt er die Stars
ganz klein in die Kulturpaläste oder unter einen gewaltigen Himmel,
so blicken sie bisweilen in die Schwärze der Verzweiflung, aber manchmal
auch aus ihr heraus.
Der Journalist Helmut Schödel schrieb über den Foto-Künstler:
„In den anderen Umständen seiner Bilder werden unsere eigenen
sichtbar. Diese Photos sind melancholische Gleichnisse. Nichts ist gestellt
und gestylt. Aus dem Umgang mit dem Teleobjektiv hat er eine Schnitt-Technik
entwickelt, die er als ‚Teleschnitt’ bezeichnet. Sie betont
den bildwichtigen Teil eines Photos und holt es uns auf diese Weise näher
heran. ‚Gegen die Bilderflut können wir nichts tun’,
sagt Rittenberg, ‚aber vielleicht können wir in den Bildern
das Bild wiederentdecken.’ Wenn man in diesem Land noch Augen hat,
müsste man Rittenberg entdecken.“
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Günter Förg

Jochen Gerz
Georg Herold

Emilio Vedova |
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„Welche Verführung zu
schenken“ – Schenkung aus der Sammlung Karl Manfred Fischer
Anlässlich seines 70. Geburtstages im April diesen Jahres machte
Karl Manfred Fischer, von 1974 bis 2002 Leiter der Städtischen Galerie/Städtischen
Sammlung Erlangen, der Städtischen Sammlung zeitgenössischer
Kunst eine großzügige Schenkung der hier jetzt präsentierten
sechs Mappenwerke von fünf herausragenden Künstlern der internationalen
Szene, die alle, zum Teil mehrmals, auch Documenta-Teilnehmer waren:
Günther Förg „Canto“,1990
Suite von sieben zweifarbigen Holzschnitten
Auflage 10+3, Exemplar 5/10, Maximilian Verlag München.
Jochen Gerz „English Letter to Jane“, 1979/88,
Serie von fünf Schwarz-Weiß-Fotografien, Auflage 12 Exemplare,
hier Exemplar 6/12, Galerie Anselm Dreher Berlin.
Georg Herold „Duplicate“, 1989/90,
sieben Farboffsetlithografien mit Serigrafien, Auflage 30 Exemplare, hier
Exemplar 13/30, Maximilian Verlag München, sowie „Das Tafelwerk”,
1992, Vorzugsausgabe des Mappenwerks mit 28 Bildtafeln/Farboffsetdrucke
nach 597 Polaroids mit einem unikatären Kartoffeldruck, Auflage 25
Exemplare, hier Exemplar 10/25, Buchhandlung Walther König Köln.
Ben Vautier, „art d’attitude de Ben”, 1984, neun zweifarbige
Serigrafien, aus 50 signierten und nummerierten Exemplaren, Größe:
30 x 50cm
Emilio Vedova, „nel palmo della mano“,1984/86, sieben Schwarz-Weiß-Aquatintaradierungen,
Auflage 30+5 Exemplare, hier Exemplar 13/30, Atelier Vedova, Venedig.
Zu den Künstlern und ihrem Werk
Die fünf Künstler und mit ihnen ihr Werk sind jeder auf ihre
Weise wesentlich für die europäische Kunst der Gegenwart. Alle
Künstler sind bereits in der Städtischen Sammlung vertreten.
Die hier gezeigten Arbeiten bereichern die Sammlung um Positionen und
Aspekte innerhalb des jeweiligen Werkes hin zu kleineren oder größeren
Werkkomplexen.
Der Wille zur Grenzüberschreitung macht sich bei allen dieser fünf
Künstler in ihrer Kunst und teilweise auch in ihrer Biografie bemerkbar.
Günter Förg, 1952 in Füssen geboren, lebt heute in der
Schweiz, lehrt aber an Kunstakademien in Deutschland. Er ist zugleich
Maler, Bildhauer und Fotograf: Intensiv hat er sich immer wieder mit Kunst
und Architektur in ihrem Zusammenwirken auseinandergesetzt. Der hier gezeigte
„Canto“-Zyklus hat seinen Ausgangsort in den Cantos, dem Hauptwerk
des amerikanischen, seinerzeit in Italien lebenden Dichters Ezra Pound.
Die Holzschnitte können auch als Gleichnis für den Künstler
im Gefängnis des Daseins interpretiert werden.
Jochen Gerz, 1940 in Berlin geboren, lebt heute in Paris und im kanadischen
British Columbia, arbeitet aber weiterhin auch in Deutschland. Gerz begann
schon früh damit, Fotos und Texte zusammenzufügen, um den Betrachter
zu selbständiger Assoziation anzuregen. Bekannt wurde er dann vor
allem mit seinen Denkmälern, Aktionen und Environments im Öffentlichen
Raum, die alle auch wieder seine Forderung nach einer Kunst belegen, die
durch Kommunikation entsteht: sie veranlassen nämlich die Passanten
zu einer aktiven Auseinandersetzung, nicht zuletzt auch mit Deutschlands
unmittelbarer Vergangenheit. Die Serie der fünf Schwarz-Weiß-Fotografien
unter dem Titel „English Letter to Jane“ geht zurück
auf eine 30-minütige Performance, die Gerz zunächst 1979 in
Venedig, dann noch in Paris und Valencia realisierte. Er spielt dabei
auf subtile Weise an auf die Kommunikationsprobleme in der Gesellschaft
und die Scheinwirklichkeit der reproduzierbaren Medien.
Der Schweizer Ben Vautier wurde 1935 in Neapel geboren, lebt aber bereits
seit 1949 in Nizza. Er ist neben Robert Filliou der wichtigste französische
Vertreter der europäischen Fluxus-Bewegung und als solcher weltweit
in allen großen Museen vertreten. 1992 präsentierte ihn die
Städtische Galerie Erlangen in seiner ersten deutschen Museums-Einzelausstellung,
verbunden mit der Herausgabe eines Katalogbuches, das heute als ein Standardwerk
über Ben, wie er sich nennt, gilt. Die neun Serigrafien „art
d’attitude de Ben“ „Bens Kunst der Attitüde“
sind typisch für sein Schrift und Bild miteinander verbindendes Werk
und seinen witzig-subversiven Umgang mit der Kunst.
Emilio Vedova, 1919 in Venedig geboren und bis heute dort wirkend, ist
der Nestor und Hauptvertreter der italienischen Informellen und hat wie
viele italienische Künstler seine Kunst immer auch als Protest gegen
die herrschende Macht verstanden. Der junge Vedova schrieb 1948: „Die
anderen hingegen begreifen durch die eindeutigen Farben unserer Bilder
nicht, wie strikt und notwendig wir etwas enthüllen. Sie meinen,
wir seien Leute in der Krise. Aber wir ziehen es vor, jeden Tag in Versuchung
zu leben, als jener Trägheit anheimzufallen, die aus dem Leben eine
Folge von Feigheiten macht.“ Seine sieben Aquatintaradierungen unter
dem Titel „nel palma della mano“ – in der Handfläche
– sind miniaturhaft klein, doch in ihrer Kostbarkeit riesengroß.
Georg Herold, 1947 in Jena geboren, lebt heute in Köln. Er ist mit
gleich zwei Arbeiten vertreten, dem 29-teiligen „Tafelwerk“
und den „Duplicates“. Seine künstlerische Ausbildung
erhielt er teilweise noch in der DDR. Und wie das dort üblich war,
lernte er zugleich ein Handwerk, er wurde Schmied. Manche erklären
damit, bei aller künstlerischen Anarchie, sowohl seine handwerkliche
Schnörkellosigkeit als auch die präzise Wirkung seiner Arbeiten.
Herold zählt zu den wichtigsten Künstlern der letzten zwei Jahrzehnte.
Der Kölner Reiner Speck, der als einer der bedeutendsten und einflussreichsten
Privatsammler der Gegenwart gilt, setzt das Werk von Georg Herold in einen
gesellschaftspolitischen Kontext: „Herolds Arbeiten beinhalten Kritik
an einer Kulturindustrie und an einem Kulturbegriff, an einem Kulturbewusstsein
letztlich, das zur selbstverständlichen Morgengabe aus Politik und
Soziologie gereicht wird. Er deckt die brutalen Adaptionsmechanismen der
Massenkultur durch subversive Affirmation auf. Georg Herold erfüllt
etwas von der Forderung, die Theodor Wiesengrund Adorno an die Kunst von
heute stellte, nämlich Chaos in die Ordnung zu bringen.“
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