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Beate Passow – Miles
and More
28. Juli – 23. September 2007
Ausstellungseröffnung: 27. Juli 2007, 19 Uhr
Zur Ausstellung
Seit vielen Jahren ist Beate Passow (*1945) bekannt
durch ihre reflektierende, kritische Kunst. Sie befasste sich intensiv
mit der jüngsten deutschen Geschichte und mit aktuellen, gesellschaftlichen
Phänomenen. Ihren internationalen Ruf begründeten fotografische
Werkkomplexe zu Themen wie „Wunden der Erinnerung“ (zusammen
mit Andreas von Weizsäcker), „Zähler/Nenner“ –
eine Arbeit über Menschen, die Auschwitz überlebt haben –
oder „Rahmenbedingungen“ und „Bundesbrüder“,
bei denen es um aktuelle faschistische Tendenzen in Deutschland geht.
Die Ausstellung „Miles and More“ zeigt einen neuen Aspekt
im Schaffen Beate
Passows. In den Arbeiten verbinden sich ihr Interesse am Menschen und
die Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen. So zeigen
die teils großformatigen Fotos Phänomene, die auf eine Auswirkung
von Gewalt am Menschen vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund verweisen.
Zu sehen sind Bilder von Frauen in Burkas in Europa, von Bettlern in Pakistan,
denen man als Kind die Köpfe kleingebunden hat, chinesische Prostituierte
in Lhasa, Tibet, einem Land, das die Prostitution früher nicht kannte,
und die letzte Generation jener Frauen in China, denen man noch die Füße
schnürte, weil kleine Füße als besonders erotisch galten.
Die Künstlerin, die sich gleichermaßen als Forscherin und Reporterin
betätigt, klagt jedoch nicht an, sondern sucht die kulturellen Erscheinungen
zu begreifen und begreifbar zu machen.
„Beate Passows Fotografien sind nicht in erster Linie soziologische
oder ethnologische Dokumentationen, sondern vor allem Kunstwerke. Sie
inszeniert ihre Bilder und bereitet sie ästhetisch auf. Schönheit
und Farbe sind wesentliche Elemente der Arbeiten, trotz der häufig
verstörenden Inhalte.
Beate Passow verführt uns mit der Schönheit ihrer Bilder und
löst gleichzeitig Irritation und Verunsicherung aus. Ihre Arbeiten
regen an, Fragen zu stellen nach unserem Umgang mit Fremden, körperlichen
Abweichungen und körperlicher Unversehrtheit.
Die Globalisierung der Wirtschaft, die Migration von armen zu den reichen
Ländern, die weltweite Vernetzung der Kommunikation und die Möglichkeit,
jeden Kontinent der Erde schnell und billig zu erreichen, das alles führt
dazu, dass wir immer mehr mit fremden Kulturen konfrontiert werden; es
ist gut, mehr darüber zu erfahren.“ (Hanne Weskott)
Zu den einzelnen Serien
Die Lotuslillies
China, Yunnan 2000, 11 Großfotos aus einer Serie
Die letzte Generation von Chinesinnen mit eingebundenen Füßen,
so genannten Lotusfüßen, wurden in Liuyi in Yunnan fotografiert.
Den Frauen wurden mit drei bis vier Jahren die Zehen unter die Fußsohlen
gebunden, um die Füße am Wachstum zu hindern. Diese grausame
1000-jährige Tradition wurde von Mao Tse-tung erst in der Kulturrevolution
endgültig abgeschafft.
Dort oben in den Bergen, wo Tibet, Birma, Thailand, Laos und Vietnam nicht
weit, Peking aber tausende von Kilometern entfernt ist, konnte sich der
Brauch des Füßebindens bis in die 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts
halten. Diese für uns Mitteleuropäer grausame Verstümmelung
des weiblichen Fußes galt in China gleichwohl als Garant für
Wohlstand und wurde wegen seiner erotischen Wirkung von Dichtern gepriesen.
In dem kleinen Dorf Liuyi haben sich die letzten Lotuslillies organisiert.
Sie betreiben Tai-Chi, spielen Billard und tanzen gemeinsam. Noch gibt
es die malerischen alten Holzhäuschen, wenn auch erste Zeichen des
Plastikzeitalters nicht zu übersehen sind. Beate Passow fand Zugang
zu den Frauen und Männern des Dorfes. Für sie machten sie sich
schön, und die Frauen wickelten sogar ihre verkrüppelten Füße
aus. Die Fotos zeigen eine Gruppe meist fröhlicher Menschen, die
sich selbstbewusst inszeniert, so dass es scheint, als habe die Fotografin
nur den richtigen Augenblick abwarten müssen. Das Ergebnis sind Fotos
von einer warmen differenzierten Farbigkeit, die von dem leuchtenden Blau
der Gewänder dominiert wird. Nichts ist nostalgisch verbrämt
und scheint wie aus einer anderen Welt, die wenig mit den Bildern aus
dem heutigen China gemein hat.
Die Chuhas
Pakistan, 2003, Serie von 7 Großfotos
Chuhas sind Menschen, die an Mikrocephalie leiden. Diese künstlich
verursachte Missbildung des Kopfes wurde jahrhundertelang auf Grund einer
Legende am Sufi Shrine von Shah Dola in Pakistan bewusst herbeigeführt.
Heute ist diese Misshandlung verboten, wird aber dennoch von Bettlerbanden
weitergeführt. Weil man den Chuhas große Gottnähe nachsagt,
sind sie als Bettler sehr effektiv.
Man vermutet, dass die Mikrocephalie mit Hilfe einer Metallkappe, die
das Wachstum des Kopfes behindert, herbeigeführt wurde. Früher
wurden die Säuglinge nach der Geburt zum Sufi Shrine gebracht, womit
die Mütter ein Gelübde einlösten, das sie abgegeben hatten,
um Kinder zu bekommen. Seit etwa 30 Jahren ist es dem Shrine verboten,
Kinder anzunehmen. Aber noch gibt es Chuhas, auch ganz junge, wie die
Fotos von Beate Passow zeigen.
Es geht in diesen Fotos nicht um Anklage, sondern um ein kulturelles Phänomen,
das trotz seiner Grausamkeit viel aussagt über die Gesellschaft,
über Glauben und Aberglauben und über die Stellung und den Wert
der Frau, die sich nur über das Mutterwerden definieren kann.
Die Zwerge
Pakistan, 2004, 18 Fotos aus einer Serie
In vielen Restaurants in Pakistan sind kleinwüchsige Männer
als Türsteher beschäftigt. Anders als bei uns, wo Kleinwüchsige
schnell diskriminiert werden, führen sie ein ganz normales Leben,
werden verheiratet und üben alle möglichen Berufe aus. Ihr Stolz
und ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein sind ähnlich wie bei
ihren normal großen Kollegen.
Offensichtlich sind sie bestens in die Gesellschaft integriert und wurden
wohl nie wie bei uns die Liliputaner öffentlich zur Schau gestellt.
Beate Passow zeigt sie im Alltag, auf der Straße und mit ihren Partnerinnen,
die ganz normale Größe haben.
Die Burkas – Mode und Bewusstsein
Deutschland, 2004–2006, Serie von 9 Großfotos
Die Burka ist ein den gesamten Körper verhüllendes Kleidungsstück,
das in streng islamischen Kulturen den Frauen vorbehalten ist. In Europa
löst eine Burka unbestimmte Ängste vor dem Fremden aus. Gleichzeitig
bedeutet diese Verhüllung Schutz. Durch die leuchtenden Farben und
die skulpturalen Formen werden die Trägerinnen auffallend sichtbar,
ohne ihr Geheimnis preiszugeben.
Beate Passow brachte aus Pakistan unter anderem plissierte Burkas in leuchtenden
Farben mit. Im bunten Leben in Asien würden sich diese gelben, blauen,
grünen, weißen oder schwarzen Burkas gut behaupten, aber nicht
so auffallen wie bei uns.
Beate Passow hat einige Freundinnen – eingehüllt in die Burkas
– in unterschiedlichen Situationen in Deutschland fotografiert.
Dabei ging es ihr nicht um die Reaktion der anderen Menschen, diese sind
auf diesen Fotos nur zufällig anwesende Staffage, sondern einmal
um den formal-skulpturalen Aspekt und damit um die Wirkung einer oder
mehrerer dieser voluminösen Farbformen und zum anderen um die Konfrontation
der unterschiedlichen Kulturen und damit um die Reaktion des Betrachters.
Shangri-La
Tibet, Lhasa, 2005, Serie von 9 Großfotos
Vor der Okkupation durch die Chinesen gab es in Tibet keine Prostitution,
und in China ist diese eigentlich strengstens verboten, wird aber dennoch
in jedem großen Hotel angeboten. Beate Passow wagte sich in diesem
Fall auf ein gefährliches Terrain, weil hier Verbotenes zwar ganz
offensichtlich vorhanden ist, aber als Tatsache dennoch geleugnet wird.
Ihre Strategie, zu den Menschen, die sie fotografieren wollte, Kontakt
aufzunehmen, um mit ihnen zu reden, Situationen für das Foto zu inszenieren
und sie nur mit ihrem Einverständnis zu fotografieren, musste sie
ändern. Sie konnte die Frauen nur aus dem Auto heraus durch die Schaufenster
heimlich ablichten. Das führte notwendigerweise zu einer gewissen
Unschärfe, die aber auch Taktik ist, weil die Anonymität der
Frauen so gewahrt bleibt.
Diese Art der Aufnahmen erfordert eine nachträgliche Bearbeitung.
Den Anstoß hierzu gaben ihr die traditionellen tibetischen Rollbilder,
die auf Stoffen montiert sind und Tankas heißen. Beate Passow unterlegte
ihre Fotos mit Stoffen aus Tibet und gab ihnen so einen doppelten Rahmen,
der gleichzeitig die Schaufenstersituation, in der sich die Prostituierten
z.T. befinden, aufnimmt. Zwischen dem unscharfen Blick in die Fenster
und den scharf gesehenen Ornamenten und Bildern entsteht so eine Spannung,
die auch inhaltlich zu verstehen ist: Das heutige Tibet, das besonders
in Lhasa schon sehr chinesisch ist und damit ein unscharfes Profil bekommen
hat, muss vor der Tradition, die immer noch ein großes Gewicht hat,
bestehen.
Beate Passow hat diese Fotoserie „Shangri-La“ genannt, was
die Bezeichnung für einen mystischen Ort ist, an den sich die Buddhisten
zurückziehen.
Lhasa, Platz der himmlischen Bestattung
Tibet, 2005, 1 Diptychon
So ein mystischer Ort ist auch der Platz der himmlischen Bestattung in
Lhasa, wo die Toten, weil es in Tibet kaum Holz gibt, nicht verbrannt,
sondern offen ausgelegt werden. Die Leichen werden für die Geier
in passende Stücke zerteilt. Aber Beate Passow zeigt diesen Akt nicht,
sondern nur den stillen Platz mit den am Himmel kreisenden Geiern.
Der Begräbnisort der Tibeter liegt etwas außerhalb Lhasas.
Verstorbene Tibeter werden dort von einem Domden (religiöser Luftbestatter)
zerteilt. Durch eine Weihrauchzeremonie werden Geier angelockt, die die
zerkleinerten Leichenteile auffressen.
Stickbilder
Tibet, Lhasa, 2007, 3 Fotos auf Leinwand mit je einem gestickten Motiv
Drei Bilder aus einer neuen Serie sind auf Leinwand abgezogen. Die Sujets
der ersten drei Fotos beschäftigen sich mit kulturellen Identitäten,
jedes Foto hat ein maschinengesticktes Detail.
Die Bilder behandeln verschiedene Bezüge unterschiedlicher kultureller
Identitäten. Die drei Motive sind in Lhasa aufgenommen, auf Leinwand
gedruckt und jeweils mit einer Stickerei versehen. Die einzelnen Motive
brechen unser kulturelles Verständnis, z.B. Kurt Cobain auf der Schürze
eines Pilgers, der Mönch mit Cowboyhut und Handy, die weißen
Schaufensterpuppen in einem asiatischen Land.
Mater cum filio
Budapest, 1997
Im Inneren der Kirchenräume sind reich geschmückte Madonnen
mit dem Jesuskind auf dem Arm aufgestellt, während vor den Kirchenportalen
arme Zigeunerinnen, die weder schreiben noch lesen können, mit ihren
Kindern die Kirchenbesucher anbetteln.
Es ist ein Katalog erschienen: Beate Passow „Miles
and More“, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2006, 79
S., 59 Abb., 24 Euro.
Der Text dieser Besucherinformation wurde weitgehend aus dem Katalog übernommen.
Hinweis
Anlässlich des Endes der Ausstellung am 23. 9. spricht am Samstag,
22. 9., 17 Uhr, Dr. Wolfgang Ullrich, der zu den renommiertesten deutschen
Kunst-Publizisten zählt, über Phänomene zeitgenössischer
Kunst im Allgemeinen und über den Rezipienten im Besonderen. Der
Titel seines Vortrags: „Ein bisschen dumm“ – Die Rollen
des Kunstrezipienten.
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