Programm: aktuell vorschau rückblick
Sie befinden sich hier: -->programm

-->ausstellungen 2007

-->gerhard wolf


Gerhard Wolf

Angela Hanpel

Galerie Clara Mosch

flanzendörfer

Ralf Kehrbach

Helge Leiberg

Wolfram Scheffler
Carlfriedrich Claus
 

In zügelloser Sprache – in subversiven Bildern
Aus der Protestszene der DDR
Die Sammlung Gerhard Wolf

18. August – 9. September 2007

Zur Ausstellung
„Es läßt sich vermutlich nicht eindeutig begründen, warum zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, kaum vorhersehbar, junge Leute in der Kunst eine andere Tonart anschlagen, weil sie anders sehen und hören, anders empfinden und denken und demzufolge anders schreiben, anders malen, anders Musik machen als andere vor ihnen, weil für sie ihr Sein anders sein muß, als das täglich hingenommene: was sein muß, muß sein.“ Gerhard Wolf
Eine junge Generation von Dichtern und Künstlern der DDR begann Ende der 1970er Jahre in einer anderen Sprache zu sprechen, auch im Protest gegen die verordnete Sprache der Macht. Es entstanden expressive wilde Bilder, die dem angesagten „Sozialistischen Realismus“ Hohn sprachen. Die Dichter fanden keine Verlage, die Künstler keinen Zutritt zu offiziellen Ausstellungen. Gerhard Wolf, selbst Autor und Verleger, nahm sich als Mentor, Herausgeber und Vermittler der jungen Szene an. Er konnte zugleich eine beeindruckende und einmalige Sammlung von Bildern, Lyrik-Grafik-Editionen und bibliophilen Künstlerbüchern anlegen, die in den 1980er Jahren abseits des reglementierten Verlags- und Kunstbetriebs der DDR entstanden. Die Ausstellung zeigt diese Sammlung anlässlich des 27. Erlanger Poetenfestes erstmals im Westen Deutschlands. Dabei sind u.a. Arbeiten von Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Angela Hampel, Martin Hoffmann, Ralf Kerbach, Helge Leiberg, Michael Morgner, Thomas Ranft und Cornelia Schleime. Film- und Ton-Beispiele ergänzen die Exponate.
Im Fokus steht damit eine Zeit, in der sich in Ost-Berlin, Dresden und anderen Orten des Landes eine vielfältige, subkulturelle Literatur- und Kunstszene entfaltete. Junge Autoren, Maler, Musiker und Fotografen fanden sich damals zu gemeinsamer kreativer Produktion in wechselnden Konstellationen zusammen. In ihren Arbeiten artikulierte sich eine Haltung gegen die mißbrauchte und bevormundete Sprache, gegen die ideologische Determination der Gesellschaft, gegen sozialnormierte Lebens- und Arbeitsformen. Für die Mächtigen des Regimes eine Provokation, die das Interesse der Staatssicherheit aktivierte. Die eigene Herstellung von Publikationen ermöglichte es den Autoren – die meisten in den fünfziger Jahren geboren – ihre bisher unbekannten Arbeiten unzensiert zu veröffentlichen. Die vielfach von Hand produzierten Bücher, spielerischen Mappenwerke und Zeitschriften mit teilweise eingelegten originalen Fotos und Grafiken erschienen nur in Kleinstauflagen. In ihnen lassen sich Werke von Dichtern wie Stefan Döring, Durs Grünbein, Gino Hahnemann, Johannes Jansen, Jan Faktor, Uwe Kolbe, Andreas Koziol, Frank Lanzendörfer, Gert Neumann, Bert Papenfuß, Gabriele Stötzer, Ulrich Zieger, um nur einige jener Exponenten zu nennen, entdecken. Mit der Sprache experimentierend, auf der Suche nach einer eigenen Ästhetik, gelangten sie zu überraschenden Ergebnissen. Mitte der siebziger Jahre hatte Gerhard Wolf „diese an der Sprache arbeitenden Autoren“ kennengelernt und bemerkt, „daß da etwas Neues“ begann. Er verfolgte ihren Werdegang, machte in Vorlesungen und Essays auf das Besondere ihrer „zügellosen“ Sprache aufmerksam. Diesen eigenwilligen Unangepaßten offiziell Gehör zu verschaffen, gelang erstmals mit seiner Edition „Außer der Reihe“, die seit 1988 erschien.
Die Autoren publizierten ihre Texte in nicht erlaubten, selbstgefertigten Zeitschriften. In den Künstlern fanden sie ebenbürtige Partner für die Produktion eigener Künstlerbücher und Grafik-Mappen von starker, sinnlicher Ausdruckskraft, selten in neuerer deutscher Kunst.
Von 1977 bis 1982 hatten sich die Künstler Carlfriedrich Claus, Dagmar Ranft-Schinke, Thomas Ranft, Michael Morgner und Gregor Torsten Schade-Kozik zu einer Künstlergruppe zusammengefunden und in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, die „Kleine Galerie Adelsberg Clara Mosch“ als unabhängige Produzentengalerie gegründet. Der Name entstand aus dem Anagramm nach den Anfangsbuchstaben der Namen der Beteiligten: CLaus-RAnft-MOrgner-SCHade.
Gerhard Wolf stand zu den Künstlern vor allem über Carlfriedrich Claus in Verbindung, der als Mentor der Gruppe anerkannt war und sie durch sein weitgespanntes experimentelles Werk vielseitig inspirierte.
Aus Dresden – wo sie an der Hochschule für Bildende Künste studiert hatten, aber nicht mit dem dort vorherrschenden Realismus „Gleichschritt halten konnten“ (Leiberg) – kamen Ralf Kerbach, Helge Leiberg, Hans Scheib, Cornelia Schleime und Reinhard Stangl nach Berlin.
In den Jahren 1980 bis 1985 übersiedelten diese Künstler vom Prenzlauer Berg nach Westberlin. Sie erregten dort 1986 mit der Ausstellung „Malstrom“ im Haus am Waldsee Aufsehen, es war ihr Durchbruch zur „Weltgenossenschaft“ (Eberhard Roters) der Kunst.
Prenzlauer Berg – Stadtteil Ostberlins – „aus feuchtem Kehricht – unterirdisch hingebreitet“ (Papenfuß) – war für ein gutes Jahrzehnt vor dem Ende der DDR ein Zentrum subversiver Kunst: Anlauf, Wirkungsstätte und Durchlaufstation zur Ausreise in den Westen. In Hinterhofwohnungen, als Ateliers, Werkstätten, illegale Versammlungsräume genutzt, trafen sich Autoren mit Künstlern zu gemeinsamen Unternehmungen.
Die Bilder, die bei Gerhard und Christa Wolf zusammengefunden haben, geben nur Fragmente eines Jahrzehnts. Aber sie sind und bleiben als Merk-Mal einer Zeit, die schließlich unvermeidbar auf den Herbst 1989 zulief.

 

 




 

Ergänzend und gleichzeitig die Ausstellung

Martin Hoffmann – Köpfe und Räume
Collagen und Zeichnungen

Der 1948 geborene, in Berlin lebende Martin Hoffmann ist Grafiker und bildender Künstler und gehörte seit den frühen 1980er Jahren zum Kreis der Künstler vom Prenzlauer Berg und zur jungen literarisch-künstlerischen Protestszene der DDR, die in Gerhard Wolf ihren Mentor fand. Neben realistisch-naturalistischen Raum-Zeichnungen zeigt Hoffmann in dieser Ausstellung ungewöhnliche, in Schichten entstehende Köpfe-Collagen. Dies ist Martin Hoffmanns erste Einzelausstellung im Westen Deutschlands.
„Natürlich kam solches Gestaltungsvermögen nicht aus heiterem Himmel. Martin Hoffmann ist ja unter den ,Malern und Grafikern vom Prenzlauer Berg’ der 1. Generation eine ganz singuläre Erscheinung, geradezu in Kontrast zu jeder ,wilden’ Gestik eines in expressiven Farben und Formen schwelgenden künstlerischen Protests gegen den herrschenden normativen Realismus. Seine ,andere’ Sicht bestand auf der linearen Reduktion durchdachter Des-Illusionierung der ihn umgebenden ,realexistierenden’ Stadt aus Ansicht und Fassade und ihrer Zurückführung auf signifikante, durchschaubare Strukturen, eigensinnig, beharrlich und widerständig bei Herausforderung einer alternativen Sehweise und Kommunikation.“ Gerhard Wolf
„Graphische Konzentration und formale Intensität, ein beinahe abweisender Purismus, die leeren Räume – selten hatte ich so schmerzhaft meine eigene Abwesenheit in der Gesellschaft dargestellt gefunden. Aufgewachsen mit der Idee vom ,historischen Subjekt’ fand ich mich bis auf die Schatten ernüchtert.“ Martin Hoffmann
„Die – kalkulierend eingesetzten – Details verblüfften mich. Mal sind es ein Lichtschalter und ein paar Notizzettel an der Wand, mal ein fehlender Uhrzeiger, mal eine Steckdose. Im Sepia-Aquarell Mauer lugt ein kleines rundes Stückchen Bürgersteig von der Bernauer Straße unter der Mauer hervor – ein Zeichen gebauter Lebendigkeit unter dem todbringenden Bauwerk. Das ist die Art von Martin Hoffmanns Humor.“ Peter Böthig

 

 
 

Hinweis
Anlässlich des 27. Erlanger Poetenfestes finden am Freitag, 24. August 2007, eine Reihe von Veranstaltungen in der Städtischen Galerie Erlangen statt.
Zu Ausstellung und Veranstaltungen laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.

18.00 Uhr
Begrüßung: Lisa Puyplat, Leiterin der Städtischen Galerie Erlangen
Einführung: Gerhard Wolf
18.30 Uhr
„Was war in der DDR subversive Kunst?“, Podium mit Angela Hampel, Holger Helbig, Martin Hoffmann, Ralf Kerbach, Moderation: Gerhard Wolf
22.00 Uhr
„Claus Löser – Gegenbilder – aus der Super 8-Filmszene der DDR“, Gespräch mit Claus Löser: Gerhard Wolf


 

 

Städtische Galerie Erlangen
Palais Stutterheim
Marktplatz 1, 91054 Erlangen
Tel. 0 91 31/86 25 33 (Galerie) und 86 27 35 (Geschäftszimmer), Fax 86 21 17
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr, Fr, 24.8., 10–23 Uhr, Sa, 25.8., 10–23 Uhr, So, 26.8., 10–17 Uhr

Führungen: sonntags 15 Uhr

 
   

home