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Károly Klimó – Ein Informeller aus Ungarn

29. März – 27. April 2008
Eröffnung der Ausstellung: Freitag, 28. März, 19 Uhr

Es sprechen:
Gerd Lohwasser, Bürgermeister der Stadt Erlangen
Gergö Szilágyi, Konsul, Generalkonsulat der Republik Ungarn, München
Lisa Puyplat, Leiterin der Städtischen Galerie Erlangen
László F. Földényi, Essayist, Kunsttheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer

Zum Künstler
Károly Klimó, geboren 1936, von 1990 bis 2005 Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest, gilt als einer der bekanntesten ungarischen Künstler der Gegenwart. Er lebt und arbeitet in Budapest und am Plattensee. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in vielen Ländern der Erde ausgestellt. Werke befinden sich u.a. in der Kunsthalle Mannheim, in der Albertina Wien, im Kunstmuseum Seoul und in der Nationalgalerie Budapest. Károly Klimó erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den Herder-Preis der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Hamburg für sein malerisches Oeuvre und seine Aktivität als Kunstvermittler zwischen Ost und West. Die Städtische Galerie Erlangen präsentiert sein Werk retrospektiv von den achtziger Jahren bis in die Gegenwart.
Mit einer eigenen Ausprägung des Informel, das in Ungarn keine Vorgeschichte und keine Tradition hat, steht Klimó in der Kunstszene seines Landes allein, fand jedoch schon seit den frühen siebziger Jahren Anschluss an den Westen Europas. Prägend für Ungarn waren dagegen nach dem Krieg zunächst der sozialistische Realismus, später auch konzeptionelle und neo-expressive Tendenzen. Das zeigt einmal mehr, dass es auch in den schwierigen Jahren des Kommunismus den Regimes nie gelungen war, die Kunst ganz auf die eigenen Vorstellungen einzuschwören: Die osteuropäische Avantgarde von Budapest, Prag, Warschau zeitigte ein intensives inoffizielles Kulturleben.
Erst in den letzten Jahren des Kommunismus wurde es möglich, im Westen die Werke Károly Klimós einem breiteren Publikum bekannt zu machen, so fanden zahlreiche Ausstellungen von Arbeiten in mittel- und westeuropäischen Galerien und Museen statt.
Klimós Bilder lassen sich nicht in eine bekannte Kategorie einordnen. Die Materialität der Farbe zwischen „irdischer Schwere und spiritueller Energie“ steht im Zentrum der Malerei von Károly Klimó.
Der auch in Deutschland bekannte Essayist, László F. Földényi fragt in einem Katalog über Klimós Arbeiten, in denen seiner Ansicht nach die inneren Spannungen seiner Bildwelt sichtbar werden: „Worin zeigt diese Spannung? Darin, dass Klimós Gemälde fast besessen sich selbst zu übertreffen versuchen. Das Prachtvolle des Anblicks ist deshalb zweideutig: je mehr Schichten, Farben, Formen aufeinander gelagert sind, desto stärker ist der Betrachter dem Gefühl ausgesetzt, der letzte Zweck der Schichtungen sei nie zu erblicken. In dem Maß, wie der Anblick reicher wird, wächst das Reich des nicht Malbaren, des nicht Darstellbaren…”


Zur Ausstellung
Károly Klimó nimmt im Bereich der informellen Kunst eine ganz eigene Position ein, die teilweise durchaus von den Merkmalen des Informel abweicht und andererseits durch die Ablehnung jeglicher Reglementierung wieder in ihre Richtung tendiert.
Seine Arbeiten unterliegen jedoch weniger einem, für das Informel typischen, psychischen Automatismus, der dem Künstler die Hand leitet, sondern sie folgen trotz ihres gestisch-spontanen Charakters dem Kalkül des Künstlers, der ordnend und abwägend seine inneren Impulse auf die Leinwand überträgt. Diese Visualisierung von Gefühlen setzt eine große Offenheit des Künstlers und Menschen Károly Klimó voraus. „Diese Offenheit ist in der Erkenntnis begründet, dass es keine eindeutigen Realitäten gibt, keine gesicherten, ewig gültigen Wahrheiten, wie dies verführerische Ideologien uns weismachen wollen – und davon hat der Ungar Klimó mehr als notwendig erdulden müssen.“ (Alexander Tolnay) Die innere Freiheit des Individuums steht im Mittelpunkt und findet ihren sichtbaren Ausdruck in den Bildern.
Die Bildstrukturen Károly Klimós sind geprägt durch eine Form von Widerstreit, zwischen den Farben und Materialien, die miteinander konfrontiert werden. Die Farben sind intensiv und von expressiver Wirkung. Sie türmen sich zu reliefartigen Strukturen in vielen Schichten übereinander, die vereinzelt durch Reißen, Brennen oder willentliches Beschädigen traktiert worden sind. Zum Teil ergänzt Klimó seine Bilder mit Collageelementen und dreidimensionalen Fragmenten von Gegenständen. Die gestalterischen Mittel machen die Intensität des künstlerischen Schaffensprozesses erahnbar und nachfühlbar. Sie sind nicht nur ästhetisch wirksam. Die Prozesshaftigkeit des Malaktes, der nie wirklich vollendet zu sein scheint, ist in den Werken deutlich spürbar. Dieser Prozess ist das eigentliche Bildmotiv, weniger dessen formales Ergebnis. Die Farben sind von symbolhafter Wirkung, Rot und Schwarz spielen in der ungarischen Volkskunst eine wichtige Rolle und haben auf Klimó einen wichtigen Einfluss ausgeübt.
Die Betonung der Materialität der Farbe ist prägend für die Bilder Klimós und spielt eine wichtige Rolle bei der Bildfindung. Sie kann lasierend, durchscheinend aufgetragen werden und auf Bereiche treffen, wo die Farbe extrem verdichtet ist und in ihrer Aufschichtung haptische Qualität erreicht. „Durch dieses spannungsvolle Verhältnis in der Farbwendung stellt der Künstler eine Entsprechung her zwischen gegensätzlichen Begriffen wie Fülle und Leere, Geschlossenheit und Offenheit, Innen und Außen. Mit ähnlichen gegensätzlichen Begriffen ließe sich der schöpferische Reichtum von Klimós Bildfindungen am besten beschreiben: dynamisch und meditativ, konstruktiv und expressiv, irdisch und kosmisch – und dies alles in überraschenden Verflechtungen und Gleichzeitigkeiten.“ (Alexander Tolnay)
Die Werke von Károly Klimó thematisieren oft die Elemente Erde, Feuer und Wasser, bzw. die Auswirkungen und Bedeutung ihrer Existenz auf die Gefühlswelt des Mensch Klimó. Ihre Gegensätzlichkeit wird bildlich gemacht.
Die Erde erscheint bei Klimó in oberirdischen und unterirdischen Landschaften und angedeuteten Stadträumen, die menschenleer sind. Groteske Schatten, einsame Hunde und dämonische Gesichter lassen ihre Anwesenheit in dieser Bildwelt nur erahnen.
Der Vulkan als Bildmotiv, scheint Unter- und Oberirdisches zu verbinden, Faszination und Gefahr gleichzeitig.
Die Ambivalenz der Gefühle zeigt sich auch beim Thema Feuer. In verschiedenen Erscheinungsformen wird es zum Hauptakteur eines dramatisch expressiven Schauspieles. Rauchformationen entstehen, wenn das Feuer sein Leben verliert, nachdem es zerstört hat. Aber Feuer wirkt nicht nur als zerstörerische Kraft, sondern auch als wichtiges Mittel zum Überleben des Menschen, bietet Licht und Wärme. Ungezügelt oder gezügelt, das Feuer spielt verschiedene Rollen, genauso wie das Wasser, das Leben/Wohlbefinden aber auch Gefahr/Angst bedeuten kann.
Die Bilder Klimós laden auch zum Meditieren ein. Unwillkürlich sucht der Betrachter in den Bildern nach figurativen Assoziationen, die ihm bei der Deutung helfen können. Tatsächlich wirken die Formen oft wie archaische Zeichen einer mystischen Erdverbundenheit, die den Urinstinkten des Menschen entsprungen sein könnten. Sie sind Ausdruck eines Erahnens einer unsichtbaren Welt neben der sichtbaren. Alexander Tolnay spricht von einer „Archäologie des Inneren“. Der Betrachter kann geführt von Farbe, Form und Struktur den Gefühlen des Künstlers nachspüren und sich in seiner eigenen Gedankenwelt verlieren.
Károly Klimó lässt in seinen Werken neben figurativen Bezügen, auch literarische und musikalische Bezüge zu und weicht damit ein Stück vom Wesen des westlichen Informel ab. Literatur und Musik (z.B. Thomas Bernhard, Marquis de Sade, Béla Bartók) liefern Inspiration zu Werken, die aber nicht als Illustration im traditionellen Wortsinn bezeichnet werden können, sondern als Übersetzung in die Sprache der Visualität. Das Bild ist als ebenbürtiger Gegenpart zu verstehen.
„Die Kraft der Bilder offenbart sich nicht nur in der, dem Widerspruch, der Spannung und der Vielschichtigkeit des visuellen Erlebnisses immanenten, nicht nur visuellen, ästhetischen, sondern auch in der existentiellen Spannung. Betritt der Betrachter das Kraftfeld dieser Werke, dann könnte er nicht nur mit dem Visuellen konfrontiert werden, sondern selbst fühlen, was der Künstler beim Malen empfunden haben könnte. Klimós Bilder sind gleichzeitig abgeschlossene und offene Werke, lauter ‚work in progress’ und bleiben das sogar im Ausstellungssaal.“ (Laszló Földényi)


Zur informellen Kunst
Art Informel, die informelle Kunst („Kunst ohne Form“), (frz. formlos) ist um 1945 in Paris als Gegenpol zur geometrischen Abstraktion entstanden. Der Name wurde durch den französischen Kunstkritiker Michel Tapié (1909-1987) im Kontext mit der Ausstellung „Significance de l’Informel“, „Bedeutung des Formlosen“, geprägt. Andere Begriffe für diese Stilrichtung sind Lyrische Abstraktion, Action-Painting, Abstrakter Expressionismus, Materialbilder und Tachismus.. Die informelle Malerei hat mit ihrem radikalen Bruch mit der künstlerischen Tradition die Zeit nach dem 2.Weltkrieg bis in die späten 50er Jahre die internationale westliche Kunst dominiert.
Die informelle Kunst wurde als der geeignete Ausdruck gesehen, um die Gefühlslage, Traumen und existentiellen Nöte der Nachkriegsepoche zu verbildlichen. Informel wird weniger als Stil gesehen, vielmehr als einer Haltung entsprechend. Der Künstler soll sich ausschließlich von seinen Emotionen leiten lassen und rasch und unmittelbar arbeiten. Perfektionismus und jegliche Reglementierung werden streng abgelehnt. Auf Entwurf und Vorzeichnung wird verzichtet, vielmehr wird das Werk von Gestik, Zufall und sichtbar gemachtem Arbeitsprozess bestimmt. Geometrische Formen und die Abstraktion realer Gegenstände werden negiert, stattdessen drücken Phantasiegebilde das Seelenleben, die Stimmungen und Gedanken des Künstlers aus. Informelle Kunst ist Ausdruck reiner Subjektivität, eine Art psychischer Automatismus führt die Hand des Künstlers, um sein Inneres auf der Leinwand sichtbar zu machen. Emil Schumacher wurde mit dem sich daraus entwickelten Tachismus in Deutschland zu einem Hauptrepräsentanten dieser Stilrichtung.
Diese Arbeitsweise wurde zumächst auch von den Surrealisten der Vorkriegszeit angewendet, die auf das Informel einen wichtigen Einfluss ausübten. Auch sie versuchten unter Ausschluss der Vernunft zu schreiben oder zu malen („écriture automatique“).
Auch der abstrakten Expressionismus spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung informellen Kunst, die sich bis heute fortsetzt. Damals wie heute begreift sich das Informel als „Kunst einer Umbruchperiode“ und Reaktion auf eine „untergehende Welt“. Damals war es die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, heute Umbrüche wie der Zusammenbruch des Ostblocks und zunehmende Globalisierung.

Zur Biografie
1936 geboren in Békéscsaba (Südungarn)
1956-1962 Studium an der Hochschule für bildende Kunst in Budapest
1964-1967 Stipendium „Derkovits“
ab 1966 Teilnahme an Gruppenausstellungen in Ungarn und im Ausland (u.a. Biennale Junger Künstler in Paris, Biennale von Venedig)
1972 Kunstpreis „Munkácsy“
Kursleiter an der Hochschule für bildende Kunst in Budapest
1973 Stipendium im Rahmen des kulturellen Austausches mit Belgien
1974 Erste Einzelausstellung in Budapest
ab 1979 internationale Einzelausstellungen (Österreich, USA, Finnland, Deutschland, Holland, Frankreich, Schweiz, u.a.)
1980 Teilnahme am Kunstsymposium in Kuopio (Finnland) und Preisträger „Juho Rissanen“ des Symposiums
1988 Niveau-Preis des Verlags Europa, Budapest
1990 Professur an der Hochschule für bildende Kunst in Budapest
1993 Mitgliedschaft an der Akademie für Literatur und Kunst „Széchenyi“
1996 Stipendium der Stadt Frankfurt
1997 Stipendium der Ungarischen Akademie in Rom
1998 Staatliche Auszeichnung zur Anerkennung der künstlerischen Tätigkeiten
2005 Herder-Preis der Alfred Toepfer Stiftung Hamburg

Zur Ausstellung liegt das Buch vor „Klimó Károly 2000–2006“, erschienen 2006 bei Enciklopedia
Kiado, Budapest, 132 S., 82 farbige und 4 Schwarz-Weiß-Abb., 38 Euro.
Die Ausstellung wird unterstützt durch das Kulturinstitut der Republik Ungarn, Stuttgart.


 

 

Städtische Galerie Erlangen
im Museumswinkel
Luitpoldstraße 47, 91052 Erlangen (Post: Gebbertstraße 1)
Tel. 0 91 31/86 25 33 (Galerie) und 86 27 35 (Geschäftszimmer), Fax 86 21 17
Öffnungszeiten: Di–Fr 11–19, Sa/So 11–18 Uhr

Führungen: sonntags 16 Uhr

 
   

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