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Diet Sayler: sich ein Bild machen. Eine Werkübersicht

9. Februar – 16. März
Ausstellungseröffnung: Februar 2008, 19 Uhr

> Künstlergespräch
Diet Sayler im Gespräch mit Michael Eissenhauer
Städtische Galerie Erlangen, Sa, 15. März 2008, 16 Uhr

Zum Künstler
Diet Sayler ist 1939 im westrumänischen Timisoara geboren und aufgewachsen. Er studierte dort 1956-61 Hochbau an der Technischen Hochschule sowie Malerei. Zunächst waren seine Werke noch gegenständlicher Natur; ab 1963 waren es abstrakt-geometrische Monotypien, denen sein Schaffen galt; ab 1968 waren seine Bilder von Konstruktivität geprägt. Der Suprematist Kasimir Malewitsch übte einen wichtigen Einfluss aus.
Im Jahr 1968 siedelte er nach Bukarest um und stellte dort erstmals aus. In Pitesti waren 1971 zwei begehbare kinetische Räume entstanden, untermalt mit Musik von Johann Sebastian Bach und John Cage. Diet Saylers Kunst galt, wie der Konstruktivismus und die abstrakte Kunst im von Ceausescu regierten Rumänien, als subversiv und gefährlich. Die staatliche Doktrin verordnete den Sozialistischen Realismus. Information über das Kunstgeschehen im Ausland sickerte kaum ins Land ein. Sayler durfte in Rumänien nicht ausstellen, was faktisch einem Malverbot gleichkam. Von der Gespaltenheit des politischen Systems zeugte die Tatsache, dass er, verordnet von offizieller Seite, im Ausland ausstellen musste, als man ein Aushängeschild für die vermeintliche Toleranz und Demokratie des Staates Rumänien brauchte.
1973 emigrierte Diet Sayler nach Deutschland, hat fortan seinen Lebensmittelpunkt in Nürnberg. Neben Lehrtätigkeiten widmete er sich nun ausschließlich der bildenden Kunst als Künstler, Kurator und Theoretiker. Ein besonderes Verhältnis hat Sayler zu Italien, wo er sich 1983-96 regelmäßig aufhielt und arbeitete.
1992–2005 war er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Zur Ausstellung: Diet Sayler und die Konkrete Kunst
Diet Sayler ist international einer der Hauptvertreter der Konkreten Kunst und gleichzeitig ein Künstler, der sie in Frage stellt. Viele seiner Auffassungen stehen im Gegensatz zur reinen Lehre der Konkreten, die Sayler zu eng und zu dogmatisch wurde. Vielmehr erweitert er deren Gestaltungsprinzipien; sein Credo ist die „Aufhebung des Widerspruches zwischen Vernunft und Empfindung“.
Der Wille, in der Konkreten Kunst neue Wege zu gehen, weg von dem Anspruch der Objektivität, also der Unfehlbarkeit, wurzelt in seiner Biografie. Sayler wendete sich in Rumänien der Konkreten Kunst zu und ging damit in Opposition zum politischen System. Konkrete Kunst war damals für ihn Ausdruck von Objektivität und damit Ausdruck des Wahren, basierend auf Mathematik und Geometrie, mit bewusster Vermeidung allen Illusionismus! Aber Diet Sayler erkennt in diesen Ansprüchen auch eine politische Dimension: auch das sozialistische System in Rumänien hat das Prinzip Objektivität für sich beansprucht und das Recht zum Persönlichen, Individuellen geleugnet. Die Freiheit des Individuums ist dadurch definitiv beschnitten, während der Staat die Freiheit des Kollektivs für sich beanspruchen darf.
Sayler entwickelte eigene theoretische Ansätze, die Weiterführung und auch Gegenentwurf zur Dogmatik der klassischen Konkreten Kunst sind. 1989 stellte er in Madrid acht Thesen zum Begriff der Basis-Kunst vor. Er fordert von den konkret-konstruktivistischen Künstlern weniger Kopflastigkeit und mehr Hervorhebung von Emotion, Intuition und Ursprünglichkeit. Er fordert ein neues Verhältnis zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, ein Gleichgewicht zwischen Denken und Empfinden. Das widerspricht der Forderung der Konkreten Kunst nach Objektivität. Er ist einer der wenigen Künstler, die sich diesem akademischen Rationalismus widersetzen. Er entwickelte zu diesem Zweck die Basis-Elemente (die Basics), die er schließlich 1990 vorstellte. Statt anonymer, objektiv-absoluter Grundformen (wie Kreis, Dreieck und Quadrat) benutzt er individuell geformte Basis-Elemente, die von einem quadratischen, meist aber rechteckigem Raster ausgehen. Das Rechteck bietet in der Variabilität der Seitenlängen viel Spielraum für Variationen. Die Anzahl der Felder im Raster geht von einer ungeraden Zahl aus. Innerhalb des Rasters entsteht durch intuitives Herausschneiden einzelner Teile das Grundelement/Basic. Das Basis-Element ist einerseits konstruktiv, andererseits auch subjektiv. Es sind immer wiederkehrende Bildzeichen, die durch Verbindung zwischen Geometrie und Intuition auf der Leinwand Spannungsfelder schaffen. Erst aus der Einheit von Farbe und Form entsteht das eigentliche Basis-Element, sie bedingen einander, sind in ihrer Energie genau aufeinander abgestimmt, wirken in ihrer Form komplementär zum eindeutig festgelegten Hintergrund.
Die Farbigkeit seiner Bilder beschränkte sich lange Zeit auf Schwarz und Weiß, Ausdruck und Verarbeitung der Vergangenheit in Rumänien. Erst Ende der 80er Jahre traten das sinnliche Erleben von Form, Farbe und Licht wieder in seine Arbeit ein. Italien faszinierte ihn, er verinnerlicht Renaissance und Humanismus.
Die Diktaturen in Osteuropa brachen Ende der 80er Jahre zusammen. Sayler sah dies als eine Zeit des Aufbruches und der Hoffnung. Dieser neue Optimismus ließ die Farbe in seine Arbeiten zurückkehren. Die Farbwahl unterscheidet sich von der in der klassischen Konkreten Kunst. Statt der Grundfarben verwendet er das ganze Spektrum der Farben, auch gemischte Farben. Die Farbklänge wirken sinnlich-expressiv und energetisch aufgeladen und sie sind untrennbar mit der Form der Basics verbunden. Die Farben treten als Kontraste in Wechselwirkung miteinander auf. Ähnliche Wechselwirkungen der Farben hat Josef Albers mit seinem Werk „Interaction of Color“, erschienen 1973, praktisch und theoretisch beschrieben. Durch vielfache, lasierende Schichtung des Farbauftrages ergibt sich ein reicher Farbkörper, wobei sich die Anzahl der Schichtungen empirisch ergibt. Es entsteht eine optische Mischung der Farbschichten, die oft rein und ungemischt sind. Sayler plant die Farbe im Entwurf und erarbeitet, vertieft und verdichtet sie im Malprozess. Natürlich gibt es dabei auch Unvorhergesehenes. Als Grundierung dient Weiß, um der Farbigkeit Licht und Strahlkraft zu verleihen.
Das Volumen des bildtragenden Holzkörpers betont die Körperlichkeit des Bildes in Wechselwirkung mit dem umgebenden Raum.
Diet Sayler benutzte zu Beginn die Entscheidung eines Würfels, um die Anordnung der Basics im Bild festzulegen und bezieht dadurch den Zufall, als mathematisches Gestaltungselement, in seine Arbeit ein. Er benutzte ihn ähnlich, wie das bereits in den 60er Jahren von konstruktiv-konkreten Künstlern getan wurde, deren Werke allerdings mehr auf systematisch erzeugten, mathematisch nachvollziehbaren Wahrscheinlichkeitsexperimenten wie z. B. Algorithmen, denen ein formales Ordnungsprinzip zu Grunde liegt, basieren.
Saylers spätere Einbeziehung des Zufalls ist dagegen eher irrational, dadaistisch. Seine Methode, den Zufall in Form des freien Falls bei der Anordnung der Elemente zu benutzen, ist physikalischer Natur. So kann sich jede Struktur öffnen, ein virtuelles Bewegungsmoment wird sichtbar. Die Zufallsverfahren öffnen nicht nur den Bildraum, sondern machen durch die Fixierung eines einzigen Augenblickes die Phänomene von Zeit und Raum sichtbar. Die Instabilität, die seinen Ordnungen innewohnt, sind Zeichen des Wesens eines menschlichen Universums, das eine unendliche Vielfalt von möglichen Anordnungen von Dingen und Gedanken enthält – Ausdruck großer Freiheit des einzelnen Individuums.
Marcel Duchamp stellte fest: „Ihr Zufall ist nicht der gleiche wie mein Zufall...“ und Hans Arp: „Der Zufall in der Kunst unserer Zeit ist nichts Zufälliges, sondern ein Geschenk der Musen.“
„Der Zufall im freien Fall, mit dem ich arbeite, dokumentiert präzise in Raum und Zeit eine bestimmte Bildfindung. Die ist eindeutig und genau. Man kann sagen, die dokumentiert unpersönlich den hochgradig persönlichen, künstlerischen Vorgang.“ (Diet Sayler)
„Zufall ist mehr als formales Spiel. Die reale Macht des Zufalls hat eine existenzielle Dimension. Sie berührt sowohl die Frage nach der Vernunft der Natur wie auch die Vorstellung einer Welt nach göttlichem Plan.“ (Diet Sayler)
Der Londoner Kunsthistoriker Mel Gooding sieht Diet Sayler „in vorderster Reihe einer entscheidenden Entwicklung im Konstruktivismus, weil er das ‚Denken und Empfinden’ und das unvorhersehbare Ereignis in die künstlerische Praxis aufnimmt.“ Mit seinem Werk erreicht er die Überwindung der Trennung der freien, expressiven von der geometrischen, konstruktiven Ungegenständlichkeit.

Aber: weder Form noch Farbe unterliegen dem Zufall. Der Zufall bestimmt nur die Disposition der Basics im Bild.


konkret ist geschichte
basis ist gegenwart
prinzip ist form
farbe ist freiheit
zufall ist moment
ist spiel und drama
ist anfang und ende
ist zeit und raum
zufall ist kunst
zufall ist empfinden
zufall ist denken
denken und empfinden
ist einheit und gegensatz
ist kraft in bewegung
ist
basis

Diet Sayler, Nürnberg, April 1996

Werkgruppen:
Monocollagen

Das Basis-Element ist aus farbigem Papier ausgeschnitten und liegt im Zentrum der weißen bzw. weißtonigen Bildfläche aus Papier, für die Sayler ab 1991 auch farbiges Papier verwendet.
Malstücke
Aus den farbigen Monocollagen entwickeln sich 1992 die Malstücke. Das farbige Papier wird ersetzt durch grobe Leinwand, die auf einen kastenförmigen, hölzernen Bildträger aufkaschiert ist und die nun eine individuell erarbeitete Farbigkeit besitzt, im Gegensatz zur vorgegebenen Papierfarbe.
Wurfcollagen
Einige schwarze oder rote Basis-Elemente, als komplementäre Paare ausgeschnitten aus Papier und auf der Rückseite mit Klebeband versehen, erhalten ihre Position auf dem Bildträger, wiederum aus weißen oder weißtonigem Papier, indem sie darauf fallen gelassen werden. Die so im freien Fall entstandenen Konstellationen werden als gültig erklärt oder verworfen (ab 1990).
Wurfbilder
Ihre malerische Umsetzung erfahren die Wurfcollagen zeitgleich in den Wurfbildern. Das Weiß des Bildgrundes ist ein gefühltes Weiß, im Gegensatz zum anonymen reinen Weiß der Konkreten Kunst. Bildformat und Basis-Elemente gehen zunächst von einer quadratischen Grundform aus.
Wurfstücke
Auch die Wurfstücke sind eine malerische Weiterentwicklung der Wurfcollagen, allerdings gehen Bildformat und Basis-Element nicht mehr vom Quadrat aus, sondern vom Rechteck, das wegen der unterschiedlichen Seitenlängen variabler gestaltet werden kann. Die grobe Struktur der Leinwand wird bewusst in die Gestaltung einbezogen, während in der konkreten Kunst jegliche Materialität und Sinnlichkeit vermieden werden soll. Ein einzelnes Basiselement, dessen Lage durch Wurf festgelegt ist, überschneidet die Bildränder, dynamisch aus der Orthogonalen gekippt und ins Ungleichgewicht gefallen.
Bivalenzen
Das Basis-Element geht bis an die Bildgrenze. Der Hintergrund ist auf ein Minimum eingeschränkt, auf die komplementäre Form des Basis-Elements, während das Basiselement so bildfüllend ist, dass es seinen raumbildenden Charakter verliert zugunsten einer verstärkten Flächigkeit.
Wandstücke / Bodies
Das Basis-Element hat sich von seinem Bildträger befreit und liegt nun als körperhaft gewordene, singuläre Erscheinung frei auf der Wand und wirkt mit seinen Einschnitten und Hohlräume unmittelbar in den Raum. Das individualisierte Basis-Element hat eine Art Monumentalisierung erfahren, ohne von einem Bildformat eingeschränkt zu werden. Der Farbauftrag verbirgt nicht die Handschrift des Künstlers, sondern zeigt die feinen Strukturen des Spachtelauftrags.
Ligurigramme / Norigramme
Parallel zu den Installationen in Innenräumen verwendet Sayler bei den Ligurigrammen und Norigrammen das Basis-Element auch im Außenraum. Er bringt jeweils ein Basis-Element auf zufällig entdeckten, auf den ersten Blick unspektakulär wirkenden Orten städtischer Architektur an, z. B Brückenpfeilern, und hält es in einer Fotografie fest. Das Basis-Element bildet das Zentrum der Fotografie, es verwandelt die Architektur zur Bühne, auf der es sich behaupten muss. Die Klarheit der Farbe steht im Gegensatz zur vorgefundenen, vernarbten Struktur des Mauerwerkes und die scharf umrissene Kontur öffnet sich ihrer Umgebung und gibt ihr so Ausdruck und Bedeutung. Der Betrachter nimmt die Orte neu wahr, die er meist übersehen hat.

Biografie
1939 Geboren und aufgewachsen in Timisoara, Rumänien.
1956 - 1961 Studium des Hochbaues an der Technischen Hochschule, Timisoara.
Studium der Malerei in der Klasse Podlipny.
Gegenständliche Malerei.
ab 1963 Abstrakt-geometrische Monotypien.
1968 Erste abstrakt-konstruktive Ausstellung in Rumänien: „5 junge Künstler“ in der Galeria Kalinderu, Bukarest.
Umzug nach Bukarest.
1971 Zwei begehbare kinetische Räume entstehen in Pitesti, mit Musik von John Cage und J. S. Bach.
ab 1973 Emigration nach Deutschland.
Lebenszentrum in Nürnberg.
ab 1974 Zufall als Konzept.
Beteiligung am Pariser Salon "Grands et jeunes d'aujourd'hui".
ab 1975 Hängeplastiken.
Lehrtätigkeit in Nürnberg.
1976 "Winkelkonstellationen", Künstlerbuch mit Max Bense.
1977 Symposium für konkrete Kunst in Varese, Italien.
"fünf linien, fünf worte", Mappenwerk mit Eugen Gomringer.
1979 "Veränderung", Künstlerbuch mit Texten von Anca Arghir und Eugen Gomringer.
1980 - 1990 Leitung der internationalen Ausstellungsreihe "konkret" in Nürnberg.
1982 Symposium Röhm, Darmstadt.
Plastiken in Stahl und Plexiglas.
1983 – 1996 Regelmäßige Aufenthalte in Italien.
Atelier in Varcavello, Liguria di Ponente
1986 Installationen mit Wandcollagen in München und Paris.
ab 1987 Basic-Collagen. Danach Monocollagen und Wurfcollagen.
1988 Camille-Graeser-Preis, Zürich.
Leitung der deutsch-französischen Ausstellung
"Konstruktion und Konzeption - Berlin 1988".
ab 1988 Entwicklung des Basic-Konzeptes.
1989 Symposium de Arte Sistematico y Constructivo, Madrid.
Vorstellung des Basic-Konzeptes.
ab 1989 Basic-Malerei. Die Fugen und die Malstücke.
Danach die Wurfbilder.
ab 1990 Basic-Raum in Berlin. Danach in Bergamo, Budapest, Lublin, Zürich, London, Bukarest, Cambridge, Ely, New York, Madrid, Genua, Nottingham, Pilsen
1992 - 2005 Professur an der Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg.
ab 1992 "Ligurigramme", Installationen mit Basics im Stadtraum von Porto Maurizio, Italien.
Basic-Fotografie
ab 1993 Basic-Farbfelder. Die Bivalenzen und die Wurfstücke.
Danach die Diptychen.
ab 1994 Ionel-Jianou-Preis, Davis, Kalifornien, USA.
1995 Gast-Professur an der Statens Kunstakademi Oslo, Norwegen.
1997 – 1999 "Norigramme". Installationen mit Basics im Stadtraum von Nürnberg.
ab 1998 Monochrome Wandstücke. Basic-Objekte, Acryl auf Holzkörper.
1999-2001 Retrospektiven in Ludwigshafen, Bukarest, Cambridge, Prag und Genua
ab 2001 Katalogbücher und Ausstellungen mit den Studierenden der Klasse Sayler in Budapest, Selb, Nürnberg u.a.
2005 Verabschiedung von der Akademie der Bildenden Künst in Nürnberg.
2006 Leitung der Internationalen Sommerakademie Plauen im Vogtland.
Ausstellungsreihe in Österreich, Polen, Tschechien, Schweiz und Deutschland.
ab 2007 Kunst und Theorie: Die Schräge als Ausdrucksmittel.
Kurator von themenspezifischen Ausstellungen in Frankreich, Italien und Deutschland.

Zur Konkreten Kunst
An der Wende zum 20. Jahrhundert verfestigte sich in der Kunst die Tendenz einer Abkehr vom Willen die sichtbare Realität darzustellen zunehmend. Form und Farbe gewannen in der Bildgestaltung an größerer Bedeutung, während das Interesse am Gegenständlich-Figürlichen zu Gunsten ihrer Abstraktion abnahm. Parallel zueinander entstanden verschiedene Kunstströmungen, die versuchten die Welt des Sichtbaren mit den Mitteln zunehmender Stilisierung darzustellen.
In der Folge ging die Entwicklung noch einen entscheidend radikalen Schritt weiter: die absolute Abkehr vom Inhalt, hin zu reiner Form und Farbe, zu völliger Gegenstandslosigkeit. 1910 sprach Wassily Kandinsky von absoluter Malerei, losgelöst von illusionistischen Zwängen. Die malerischen Mittel wurden autonom und sprachen nur für sich selbst, der Sinn einer Wiedergabe der Wirklichkeit wurde völlig negiert. (Diese Funktion war durch das Aufkommen der Fotografie längst übernommen worden.) Kasimir Malewitsch malte 1913 sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund, sprach von Suprematismus (lat.: suprematia – Überlegenheit). Piet Mondrian, Vertreter der holländisch-belgischen Gruppe De Stijl, nannte die neuen Gestaltungsprinzipien 1920 Neo-Plastizismus. Es fiel auch der Begriff Konstruktivismus.
Theo van Doesburg bzw. die Künstlergruppe Art Concret formulierte schließlich 1930 in Paris das Manifest Die Grundlage der Konkreten Malerei und wurde damit Namen gebend für diese Stilrichtung:
1. Die Kunst ist universell.
2. Das Kunstwerk muss im Geist vollständig konzipiert und gestaltet sein, bevor es ausgeführt wird. Es darf nichts von den formalen Gegebenheiten der Natur, der Sinne und der Gefühle enthalten. Wir wollen Lyrismus, Dramatik, Symbolik usw. ausschalten.
3. Das Bild muss ausschließlich aus bildnerischen Elementen konstruiert werden, d.h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als „es selbst“.
4. Die Konstruktion des Bildes wie auch die seiner Elemente muss einfach und visuell kontrollierbar sein.
5. Sie Technik muss mechanisch sein. d.h. exakt, anti-impressionistisch.
6. Streben nach absoluter Klarheit.
Theo van Doesburg kommentierte das Konkrete Manifest:
„Wir arbeiten auf der Grundlage von euklidischer oder nicht euklidischer Mathematik und Wissenschaft, d. h. mit den Mitteln des Denkens.“
„Wir sehen die Zeit der reinen Malerei voraus. Denn nichts ist konkreter, wirklicher, als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche. Konkrete und nicht abstrakte Malerei. Denn der Geist hat den Zustand der Reife erreicht. Er braucht klare, intellektuelle Mittel, um sich auf konkrete Art zu manifestieren.“
„Die Malerei ist ein Mittel, um auf optische Weise den Gedanken zu verwirklichen. Jedes Bild ist ein Farbgedanke.“
In der 50er Jahren erfuhr die Konstruktive Kunst eine Hochblüte. Max Bill schrieb 1947: „das ziel der konkreten kunst ist es, Gegenstände für den geistigen gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der mensch sich gegenstände schafft für den materiellen gebrauch.“ und „konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz. Sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben.“
Unter dem Kernbegriff Konkrete Kunst dauert die Entwicklung und Erforschung immer neuer Möglichkeiten mit verschiedenen konstruktivistischen und konzeptuellen Ansätzen bis heute an.

Text: Christa Hoffmann

> Künstlergespräch
Diet Sayler im Gespräch mit Michael Eissenhauer
Städtische Galerie Erlangen, Sa, 15. März 2008, 16 Uhr


 

 

Städtische Galerie Erlangen
im Museumswinkel
Luitpoldstraße 47, 91052 Erlangen (Post: Gebbertstraße 1)
Tel. 0 91 31/86 25 33 (Galerie) und 86 27 35 (Geschäftszimmer), Fax 86 21 17
Öffnungszeiten: Di–Fr 11–19, Sa/So 11–18 Uhr

Führungen: sonntags 16 Uhr

 
   

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