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Eine alltägliche Bedrohung – aktueller Antisemitismus in Deutschland und Europa

Ausstellung
2. bis 23. Juni 2005
Eröffnung: 2. Juni 2005, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Di–Do 16–19 Uhr, Sa 12–16 Uhr
media.art.zentrum, Helmstraße 1

Kurzinfo
Die Ausstellung reagiert auf den Anstieg antisemitischer Vorfälle in den letzten Jahren in Deutschland und Europa und erinnert, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit, sondern ein zu bewahrendes Gut ist. Sie erklärt neue Formen des Antisemitismus und zeigt, wie anpassungsfähig Stereotype und Bilder sind. Auf Informationstafeln werden Themen wie „2000 Jahre Antisemitismus“ und „Antisemitismus und Nahostkonflikt“ beleuchtet. Die Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin (Initiativen für Zivilgesellschaft und Demokratische Kultur) hat die Ausstellung bei der letzten OSZE-Konferenz (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) vorgestellt.
In Erlangen vertiefen Soziologen, ein Filmwissenschaftler, eine Journalistin und ein Publizist die Themen bei Abendvorträgen. Ein pädagogisches Team informiert Schulklassen altersgerecht über Antisemitismus. „Wir möchten wissenschaftliche Forschung mit praktischer Bildungsarbeit verbinden, um die aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus erkennen und bekämpfen zu können“, so Thomas Höhne vom Nürnberger Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB e.V.) und Bildungsreferent am Dokumentationszentrum Nürnberg. Er unterstützt die Studentinnen und Studenten von Jugare (Jugendinitiative gegen Antisemitismus und Rassismus in Europa) beim pädagogischen Begleitprogramm: Schulklassen und Jugendgruppen können sich auch außerhalb der Öffnungszeiten für die Ausstellung anmelden (0173/3731789; jugare@web.de). Mit der Aktion „Jugend für Europa“ fördert die Europäische Union die Veranstaltungsreihe.

Die Abendveranstaltungen beginnen jeweils um 19 Uhr im media.art.zentrum, Helmstraße 1, 91054 Erlangen

Do 2.6.

Eröffnung der Ausstellung und Einführungsveranstaltung mit einem Vortrag von Dr. Thomas Haury (Soziologe, Freiburg):
Judenhass – moderner Antisemitismus – Israelfeindschaft

Die Skandale um Möllemann, Hohmann und Walser, der Antisemitismusvorwurf an die globalisierungskritische Bewegung, die weit verbreitete Israelfeindschaft – zeigt sich hier überall das immer gleiche Phänomen wie schon im Deutschen Kaiserreich, im Nationalsozialismus oder schon bei Luther?
Um das Phänomen des Antisemitismus zu verstehen bedarf es einer genauen Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, der Kontinuitäten und des Wandels: Was sind die Grundmuster des klassischen modernen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts? Wie entsteht und funktioniert der spezifisch deutsche „sekundäre Antisemitismus“ nach Auschwitz? Und wie erklärt sich die – gerade in der Linken – weit verbreitete Israelfeindschaft?

 

Mi 8.6.

Filmveranstaltung

 

Do 9.6. Imaginationen und Projektionen. Antisemitismus im Film nach 1945
Tobias Ebbrecht (Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf", Berlin)

Dem Wunsch nach einem Neuanfang ohne schlechtes Gewissen entsprachen Nachkriegsfilme, die jüdische Figuren und die Vernichtung der Juden zu Gunsten von deutschen Kriegsheimkehrern ausblendeten. Im neuen deutschen Film etablieren sich dann Elemente des sekundären Antisemitismus (Schuldabwehr nach Auschwitz) und stereotype Bilder „des Juden“. Fassbinders Filme etwa nehmen die „Dramatisierung des Jüdischen“ aktueller Fernsehproduktionen vorweg. Der palästinensisch-europäische Berlinale-Film „Paradise Now“ greift die Verbindung von „antisemitischem Code“ und Opfergang auf und lässt sie in der ästhetischen Zelebrierung des antisemitischen Selbstmordattentates gipfeln.
An Filmen und Theaterstücken wie „Ehe im Schatten“, „Liebe 1947“, „Zeugin aus der Hölle“, „Der plötzliche Reichtum der Leute von Krombach“, „Der Müll, die Stadt und der Tod“, „Lilli Marleen“ und „In einem Jahr mit 13 Monden“ zeigt Ebbrecht diese Entwicklung.


Di 14.6. Blinde Flecken - Antisemitische Tendenzen und ihre Verharmlosung bei Attac
Norbert Trenkle (Redaktion Zeitschrift krisis, Nürnberg)

Dass es bei Attac antisemitische Tendenzen gibt, hat inzwischen sogar dessen „wissenschaftlicher Beirat“ zugegeben. Doch statt sich diesen entgegen zu stellen, werden sie weitgehend verharmlost. Dabei spielen nicht nur falsche taktische Überlegungen eine Rolle. Vielmehr ist die traditionelle Linke selbst in mancher Hinsicht kompatibel mit dem antisemitischen Wahn. Die Bekämpfung des Antisemitismus erfordert daher eine grundlegende Transformation der Kapitalismuskritik.

 

Mi 15.6.

Filmveranstaltung

 

Do 16.6.

Antiamerikanismus - zu Struktur und Konjunktur eines Vorurteils.
Lutz Eichler (Soziologe, Frankfurt /Main)

In Amerika regiere Geld und Gewalt, Amerika regiere (bald) die Welt mit Geld und Gewalt, darin sind sich der Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850) und der Philosoph Jürgen Habermas einig. Unschwer ist die Verschiebung der negativen Seiten der Moderne zu erkennen. Kapital und Staat werden exterritorialisiert und in Amerika reterritorialisiert. Das Andere erscheint geschichts-, kultur- und gefühllos, um das je Eigene (Deutschland, Österreich, Europa) komplementär zu definieren. Doch während vor 100 Jahren nur der konservative Bildungsadel gegen Amerika wetterte, gehört es heute zum guten Ton und ist Ausweis von Progressivität die USA für das Übel in der Welt verantwortlich zu machen. Antisemitische und antiamerikanische Feindbilder und Mythen überlagern sich zunehmend und verbinden sich zu einem explosiven Gemisch. Wie sich das Ressentiment entwickelte und auf welcher psychologischen Struktur es basiert, soll Thema des Vortrags sein.
Ort: Lesesaal der Stadtbücherei Erlangen, Marktplatz 1, 2. OG.

 

Di 21.6. Neuer Antisemitismus
Dr. Jan Weyand (Soziologe, Erlangen)

Die Diskussion über Antisemitismus wird gegenwärtig durch die Diagnose eines „neuen Antisemitismus“ bestimmt. Seit einigen Jahren werden zum einen eine Zunahme antisemitischer Gewalt und neue Trägergruppen dieser Gewalt beobachtet, zum anderen eine offenere Artikulation antisemitischer Deutungsmuster sowie ihre Verschiebung hin zum antizionistischen Antisemitismus. Da eine Voraussetzung antisemitischer Handlungen antisemitische Deutungsmuster sind, setzt sich der Vortrag mit der Frage auseinander, was auf der Ebene der Denkmuster am gegenwärtigen Antisemitismus neu ist.


Mi 22.6.

Filmveranstaltung

 

Do 23.6. Islamistischer Antisemitismus
Claudia Dantschke (Journalistin und Nahost-Expertin, Berlin)

Der Islamismus wird von seinen Anhängern als Gegenentwurf zu Kapitalismus und Kommunismus verstanden. Deren materialistische Konstitution ist der Kern des unauflösbaren Widerspruchs zu dieser religiös begründeten Gesellschaftsideologie. Zur Abwehr analoger säkularer Entwicklungen innerhalb der islamischen Gesellschaften greifen Islamisten auf christliche und rechtsextremistische antisemitische Stereotype zurück und vermischen diese mit in islamischen Quellen zu findender religiös begründeter Judenfeindschaft. Nach dem Niedergang des Kommunismus sieht sich das „islamische“ Gesellschaftsmodell als einzige Alternative zu dem als „dekadent und im Untergang“ begriffenen Weltimperialismus unter Führung der USA. In diesem Kontext muss der jüdische Staat Israel als „säkularer Stachel in der islamischen Welt“ bekämpft werden. Der Antisemitismus und aktuell auch der Antiamerikanismus sind somit essentielle Elemente des Islamismus geworden.


Mehr Informationen zur Ausstellung:
www.mut-gegen-rechte-gewalt.de
www.projekte-gegen-antisemitismus.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Union finanziert. Der Inhalt dieses Projekts gibt nicht notwendigerweise den Standpunkt der Europäischen Union oder der NA wieder und sie übernehmen dafür keinerlei Haftung.

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