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Joseph Beuys / Charles Wilp

Sandzeichnungen

1974
Mappe mit 18 Duplex-Reproduktionen (davon 16 gezeigt) und einem Text von Charles Wilp
Exemplar Nr. 71 von 250 signierten und nummerierten Exemplaren
Herausgeber: Charles Wilp, Düsseldorf 1975
Verlag: Fey Verlags GmbH Stuttgart 1978

Mappentext:
Down Twenty-Four South
Charles Wilp
Wir singen unter den schießenden Sternen down twenty-four South des Äquators das Lied von Diani Beach Kenia, wahrend die imaginären Gezeitenkraftwerke bereits die Lustschreie der Turbinen über die Lagune gurgeln.
Der Monsun wälzt ständig von Südost auf Nordost durch die flüsternden Palmen. Joseph glaubt, dass er der Lehrer von Leonardo ist, der war ein Chinese. Ich glaube, dass ich ein Magellan war, der hier vorbeisegelte, als Windmühlen noch das erste elektrische Licht in die Kolonialzelte der whiskyschlürfenden und teespeienden Londoner whitehunter zitterten im bitter duftenden Dschungel zwischen Dick Dicks und Bushbabies und dem größten Mond, den man nur am Rückgrat der Welt erlebt.
Hier steht die Sonne senkrecht und die Sonnenstrahlen im Sand sind nur so lange tropisch, wie Beuys sie in den Sand zieht Sand, der hier kein Sand ist, sondern Mineral. Weißer Puder kleinster, abgestorbener Korallen auf dem Riff jenseits der Duke, wo wir unser Omo und Joseph seine Roosters kaufen.
Dann kommt die Flut und Beuys zieht seinen Fuß aus dem großfüßig getretenen 'black hole', das jetzt voll Wasser läuft und ich lasse ihn immer wieder und nochmals das Zeichen der Unendlichkeit in den Sand schlitzen, zum ersten Mal und ohne Hut. Ich brauche seinen spiegelblank kahlgeschorenen Schädel um zu kontrollieren, ob die Sonne noch senkrecht steht in der Mittagshitze, in der man nicht einmal die nassen Kikois der Sonne aussetzt.
Joseph empfindet Leonardo nach und skizziert durch sein Medium, wie da Vinci wohl unsere Zeit porträtiert hätte. „Natürlich mit Polaroid" sage ich. Joseph meint: „Das ist Dein Problem.“
Die NBC sendet unsere heiße Fleißarbeit nationwide und in living colour und Joseph findet immer das, was er braucht: Das beste Stück Filz, - nirgendwo auf der Welt gibt es noch lammfettgetauchten Filz -, und ein Kupferrohr, das so dünn ist, das in den Pubs das Bier feinperliger Kohlensäure ausstößt, hier für ihn den besten Leiter zum schlechtesten Leiter Filz bedeutend – ’der Gezeitenstab'.
Er findet die Planke, angeschwemmt aus Australien oder Indien oder dem Skagerrak, mit dem eingebrannten Zeichen seiner Hochschule für Kreativität und darüber hat Pollock ihm einen Kanister rotbrauner Fußbodenfarbe gesprenkelt, irgendwo oben von der tiefhängenden weißen Wolke Mabasa oder Mairobi.
Wir sehen in den weitesten Ausschnitt des geographischen Horizontes down twenty-four South Breitengrad der Erde, der von einem menschlichen Auge zu erfassen ist.
Der leere Horizont, zusammengebracht mit dem abstrakten unserer Vorstellung, zusammengebracht mit dem Psychohorizont unserer Persönlichkeiten.
Joseph, jenseits der Unendlichkeit tolerant, sieht seinen Horizont über seine Schulterblätter; da sitzt er wie Gottvater. So wird Amerika ihn lieben.
Mein eigener Horizont geht durch mein Fadenkreuz. Der doppelte Horizont produziert Mythos. Darum drehe ich die Linse über die liegende ¥ hinaus. Das leise Ächzen des Getriebes des Sechszylinders erzeugt jenseits von Unendlichkeit Stimmung.
Joseph sagt: „Seegurke, Frangipani casuarina“, und war nie in Afrika zuvor. Er zischt gedörrtes Krabbengebein und sandiges Muschelfleisch, er röstet nicht. Er grünt das Seegrün zum Salat und die Eingeborenen erstarren.
„Professor ist im Wasser.“ – „Professor ist im Dschungel.“ – „Professor sitzt auf dem Motorrad.“ – „Professor unterhält sich mit dem Monitor Lizzard.“ – „Professor sitzt im Sand.“ – Professor sitzt auf der Palme.“ – „Professor sitzt auf dem Mandelbaum und spricht mit dem Baboon.“
– Erinnerungen an den Westbroadway und Réne Block, an Triangel und Cojoten – Die Luft zittert, Beuys’ Aura zittert, seine halations zittern in Mambagrün und Filzgrau.
Ich kenne Joseph, aber ich kenne ihn nicht. Er ist ein eiskalter Wissenschaftler, der durch meine Dschungelbilder watet und den Namen für jede Pflanze, jede Blume, jede Koralle kennt. Er steckt alles in den Mund, spuckt vieles aus, sagt: „Giftig“, und entscheidet über die Merkwelt der tropischen Pflanzen. Die Mystifikation ist seine Technologie des Überlebens.

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Stand: 7.10.2004