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Hans-Peter Feldmann
Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen
- Enzyklopädie Teil I und Teil II
1994
2-teiliges Künstlerbuch
Feldmann Verlag Düsseldorf
21,0 x 15,8 cm
erworben 1999
Künstlerzitat
„In der Bildwelt des normalen Alltags, den trivialen Medien wie
Fernsehen, Zeitschriften und so weiter, findet mehr Kunst statt als in
den Kunstwelten und in manchem Museum.
Es gibt pro Tag zehn Minuten Glücksmomente. Ich aber habe am Rest
des Tages Interesse, an den dreiundzwanzig Stunden, fünfzig Minuten,
die keine Höhepunkte enthalten, keine Glücksmomente bringen.
Daraus besteht ja das große Leben.
Man hat nur dauernd – das ist leider so in unserer Gesellschaft
– die Sachen im Kopf, die noch gemacht, noch erledigt werden müssen.
Die Zeit zu genießen, den Weg zum Ziel zu machen – das ist
eine Kunst, die ich auch erst langsam dabei bin zu lernen. Oft übersieht
man die Schönheiten des Lebens, die man vor sich hat, weil man sich
schon wieder in Gedanken woanders befindet. Das ist schade. Ich glaube
es geht vielen Leuten so. Sie kommen nicht zur Ruhe, sind nur gestresst
und hetzen durchs Leben und merken nicht, an was sie vorbeischießen.
Da sollte man vielleicht mal anhalten und genauer hingucken. Und sich
nicht nur von scheinbar brennenden Problemen treiben lassen. Dabei ist
Kunst in meinen Augen behilflich, eben weil sie uns innehalten lässt.
Ich sehe etwas und werde plötzlich durch so einen optischen Anreiz
in meinem Gedankenfluss unterbrochen. Kunst kann sehr, sehr lehrreich
sein.“
Hans-Peter Feldmann 2006
Zum Werk
Ein Großteil der künstlerischen Produktion von Hans-Peter Feldmann
besteht aus „geklauten“ Bildern. Mit dieser seit über
drei Jahrzehnten praktizierten künstlerischen Praxis, die auf der
Erkenntnis basiert, dass Bilder allen gehören und in verschiedenen
Zusammenhängen und Zusammenstellungen unterschiedliche Bedeutungen
entwickeln, ist Feldmann Pionier einer Bewegung, die sich den Phänomenen
des zeitgenössischen Alltags mit Mitteln einer Aneignungskunst widmet.
Charakteristisch für diese Kunstrichtung ist also nicht die individuell
formulierte Selbstäußerung, sondern die Durchführung eines
Konzeptes, das den bei Feldmann durchaus humorvollen und ironischen Zugriff
in seiner Konsequenz definiert und damit eine andere Art künstlerischer
Handschrift hervorbringt. Der Wunsch Feldmanns, nicht als Künstler
in Erscheinung zu treten, sondern hinter seinen Bildern und Objekten zu
verschwinden, wird so fast erfüllt. Weniger das scheinbar autorlose
Material als vielmehr die Methode der Auswahl, der Präsentation,
der Publikation und Distribution gestattet Rückschlüsse auf
die Identität ihres neuen Urhebers.
Hans-Peter Feldmann benutzt in seiner künstlerischen Arbeit, die
uns immer wieder die Bedeutung von Bildern aller Art vor Augen führt,
eigene Fotografien, aber auch recyceltes Material: Amateurfotografien,
gedruckte Fotografien, Spielzeug, Kaufhauskunst. Dieses Alltagsgut ist
jedem zugänglich, der Zugriff also einfach. Bleiben wir in diesem
kurzem Text bei der Fotografie, dem Medium, das die Hauptquelle für
Feldmanns Arbeiten darstellt.
Aus ihrem eigentlichen Zusammenhang herausgenommen und auf sich selbst
gestellt, anschließend nach vorher festgelegten Kriterien geordnet
und präsentiert, entwickeln die Fotografien, dermaßen bearbeitet,
ein doppeltes Potential: ihr wahres Wesen zu offenbaren und zugleich über
das direkt Abgebildete hinaus zu weisen. Einerseits werden auf der Folie
ihrer Gemeinsamkeiten durch vergleichendes Betrachten die Unterschiede
sichtbar. Die virtuellen Codes, nach denen diese Fotografien angelegt
sind, werden lesbar.
Andererseits ertappen wir uns während der Lektüre dieser uns
so vertrauten Bilder bei individueller Deutung und Erinnerungsarbeit.
Mediumsanalyse und Assoziationsauslöser sind die Rezeptionsarten,
die Feldmann für uns aus diesem Material heraus schafft.
Feldmann ist der Meinung, dass jedem diese Art künstlerischer Arbeit
offen stehe, denn „die Kunst ist ja schon da“.
zitiert nach Thomas Weski, Ausstellungskatalog „272 pages“,
Centre national de la photographie, Paris, Fotomuseum Winterthur 2002
Biografie
Hans-Peter Feldmann wurde 1941 in Düsseldorf geboren, wo er lebt
und arbeitet. 1968 gab Feldmann die Malerei auf und begann seine konzeptionelle
Auseinandersetzung mit der Fotografie. Zwischen 1968 und 1974 entstand
die Werkreihe „Hefte“, die in ihrem bewusst unkünstlerischen
Ansatz mit Ed Ruschas Fotobüchern aus dem gleichen Zeitraum vergleichbar
ist. Jedes der in Auflagen von 500 Stück vertriebenen Hefte behandelte
ein bestimmtes Motiv – Flugzeuge, Gruppenaufnahmen, Schuhe, Berge,
Beinhaltungen u.a. – von dem jeweils eine bis über hundert
teils gefundene, teils eigens dafür aufgenommene Fotografien versammelt
wurden und so als eine Art fortlaufendes, wenn auch fragmentarisches Bildlexikon
der Dinge fungierten. Zugleich könnte man sie als Kataloge von Feldmanns
ständig anwachsender Sammlung von Postkarten, Privatalben, Zeitungsfotos,
Plakaten etc. ansehen. Nach einem vorübergehenden Rückzug aus
dem Kunstbetrieb ist auch seit 1986 das Bilderreservoir der Fotografie
der Bezugspunkt von Feldmanns Ausstellungen, zahlreichen Künstlerbüchern
wie beispielsweise „Voyeur“ (1994), „Porträt“
(1994), „Die Toten. 1967–1993“ (1998) und der von ihm
mitbegründeten textlosen Fotozeitschrift „OHIO“ (seit
1995). Ästhetische Bewertungskriterien und hierarchische Differenzierungen
zwischen Zeitungsfotos, Amateuraufnahmen und künstlerischer Fotografie
spielen für Feldmann keine Rolle. Es geht vielmehr um die Erforschung
des kollektiven Bildgedächtnisses, um die Suche nach einer Grammatik
der Bilder, um eine Form von visueller Wissenschaft unserer fotografisch
gefilterten Wahrnehmung der Welt.
Ausstellungen (Auswahl)
Eine Stadt: Essen, Museum Folkwang Essen 1977
Das Museum im Kopf, Portikus, Frankfurt; Kunstverein für die Rheinlande
und Westfalen, Düsseldorf 1990
Bücher, Neues Museum Weserburg Bremen 1999
100 Jahre, Museum Folkwang Essen 2001
272 pages, Fundació Antoni Tàpies Barcelona 2001
272 pages, Centre national de la photographie Paris, Fotomuseum Winterthur
2002
Antikensammlung der Kunsthalle zu Kiel, Kunsthalle Kiel, Schleswig-Holsteinischer
Kunstverein Kiel 2006
Die Toten, RAF bis heute, Museum am Ostwall in Dortmund 2007
Skulptur Projekte, Münster 2007
Bibliografie (Auswahl)
Eine Stadt. Essen, Ausstellungskatalog Museum Folkwang, Essen 1977
Feldmann, Hans-Peter: Telefonbuch, AQ-Verlag, Dudweiler 1980
Feldmann, Hans-Peter: Das Museum im Kopf. Ausstellungskatalog Frankfurt,
Düsseldorf, Walther König, Köln 1989
Feldmann, Hans-Peter: Bücher, Ausstellungskatalog Neues Museum Weserburg
Bremen 1999 (Serie Sammlung der Künstlerbücher Bd. 23)
Feldmann, Hans-Peter: 100 Jahre. Anlässlich der Ausstellung im Museum
Folkwang Essen, Schirmer/Mosel, München 2001
Feldmann, Hans-Peter: 272 pages, Ausstellungskatalog Centre national de
la photographie Paris u.a., Winterthur 2002
Feldmann, Hans-Peter: Die beunruhigenden Musen. Hans-Peter Feldmann in
der Antikensammlung der Kunsthalle zu Kiel, Ausstellungskatalog, Kunsthalle
Kiel, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kiel, Walther König,
Köln 2006
Stand: 5.11.2008
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