
|
|
Robert Filliou
Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen
- Erforschung des Ursprungs (Recherche sur l’Origine)
1974
Multiple, Serigrafie
Exemplar 69 von 400
30 x 900 cm
erworben 1995
Künstlerzitat
„Die Kunst ist das, was das Leben interessanter macht als die Kunst.“
„In den späten fünfziger und in den sechziger Jahren,
als sich niemand dafür interessierte, was wir gerade machten, habe
ich auf die Frage, was ich mache, immer geantwortet: ‚Nun gut, ich
habe es nicht eilig, ich arbeite für das Jahr 2000, in dem vielleicht
einige der Ideen und Konzepte, mit denen wir jetzt arbeiten, gebraucht
werden.’ Seit kurzem sage ich, dass ich für das Jahr 3000 arbeite.“
Robert Filliou 1977
Zum Werk
Robert Filliou behauptete, ein „Genie ohne Talent“ zu sein.
Und er glaubte, dass im weiteren Sinne alle Menschen ein Genie in sich
tragen – allein die Ausübung ihrer Talente hindere sie daran,
aus sich herauszugehen und sich zu entwickeln. Diese Formulierung, 1970
in geistvoller Laune vorgetragen, deutet auf eine künstlerische Praxis,
die das Verhalten des Künstlers gegenüber dem Kunstobjekt begünstigt,
auf die Praxis eines Künstlers, der stets dem Begriff der Kunst den
der Kreativität vorzog, wobei die philosophischen Erkenntnisse und
gesellschaftlichen Utopien aufscheinen, die Filliou antrieben.
Seine Werke sind die eines genialen Bastlers, sind unstet, transportabel,
widerruflich. Gemacht aus Schnurresten, Karton, Eisendraht und weggeworfenen
Gegenständen, können sie überall und unter jeder Bedingung
hergestellt werden, selbst in Zeiten größter Mittellosigkeit.
„Enttäuschende“ Werke, würde man heute sagen, was
ihren materiellen Wert angeht (hier zeichnet sich einer der roten Fäden
von Fillious posthumem Einfluss ab). Aber es sind Werke, die am Maß
des ihnen innewohnenden Geistes und im Hinblick auf die Gesamtheit seiner
Gedichte, Performances, Filme und Videos zu messen sind.
Filliou trug die Utopien seiner Zeit in sich: die von Fourier vor jenen
von Marx. Hellsichtig wirkte er daran mit, „das Leben zu ändern“
durch die Werte Intuition, Unschuld, Fantasie und Freiheit. Er stand zwanglos
in Verbindung mit den Künstlern seiner Epoche, verband den Geist
von Fluxus mit seiner Praxis der „Fête permanente“ („The
Eternal Network“) und begriff die Kunst als Lebenskunst, wobei er
das künstlerische Schaffen als Lebensform auffasste. Konzeptuell
war er radikal gegen das Kunst-System, seinen Markt und seine Objekte,
denen er seine dem Theater verwandten Einstellungen und seine „Anti-Objekte“
entgegensetzte, für die er, wie er bescheiden sagte, die Idee in
Baustoffen fand. Die Kunst war für Filliou „ganz einfach ein
spirituelles Abenteuer“, verstanden im Sinne einer poetischen Erfahrung.
Die „Recherchen“ fanden zumeist als Works in Progress statt,
wie etwa in der Ausstellung Research at the Stedelijk (Amsterdam 1971)
oder Recherches sur Eternal Network (Berlin 1973). In Amsterdam transformierte
Filliou den Ausstellungsraum in ein Gebiet der Genialen Republik, das
jeder Besucher mitgestalten konnte. Innerhalb von vier Wochen entstand
so eine Gemeinschaftsarbeit von Robert Filliou und den anonymen Besuchern
der Genialen Republik: A Joint Work of R. Filliou and the Anonymous Visitors
of the Genial Republic.
Auf die Düsseldorfer Forschungsreihe folgte der Versuch, Einzelphänomene
in größere kosmische Zusammenhänge zu setzen. Filliou
verband hierzu künstlerische Prinzipien mit vorwissenschaftlichen
Annahmen und mythisch-symbolischen Interpretationen. Die Leinwand-Arbeit
„Research on Pre-Biology“ (1973) widmete er der Erforschung
des Vor-Biologischen Genius... Zog Filliou in dieser Arbeit reale Spezies
sowie einen Moskauer Wissenschaftler als Zeugen seiner Evolutionstheorie
heran, verzichtete er in „Recherche sur l’origine“ (Erforschung
des Ursprungs, 1974) auf Referenzsysteme und entwickelte ein eigenständiges
Erklärungsmodell der Welt.
(aus: Robert Filliou. Genie ohne Talent, Ostfildern-Ruit 2003)
Außerdem verstand Robert Filliou Kunst immer auch als Erweiterung
der Wissenschaft, und zwar als notwendige Erweiterung, da diese Wissenschaft
– in sich versunken oder beliebigen Interessen ausgeliefert –
dringend der Erneuerung und Interdisziplinarität bedürfte. Folglich
legte Robert Filliou viele seiner Arbeiten als Recherchen an, als Forschungsvorhaben
und Erfahrungsberichte, So arbeitete er an einer „Research on Pre-Biology“
(Erforschung einer Urbiologie), die ihn etwa zu der Vermutung führte,
alles müsse ursprünglich angelegt sein, und es gälte lediglich,
diese Anlagen zu entwickeln (wahrscheinlich – so schrieb er –
habe es wohl auch eine DDT-resistente Fliege einst gegeben, nur sei diese
ausgestorben, weil noch kein DDT existierte). Er macht sich an eine „Research
on Astrology“ (Erforschung der Astrologie), um herauszufinden, ob
etwas dran sei an den Sternbildern oder an einer über das Nichtstun.
Robert Filliou erarbeitete eine Untersuchung über den Ursprung (woraus
eine etwa 100 Meter lange und zehn Meter breite Arbeit auf Leinwand entstand)
und eine „Research of Research“ (Erforschung der Erforschung);
und als er in Düsseldorf lebte, begann er mit einer Erforschung der
Futurologie, die nichts weiter beinhaltete als seine eigene Gegenwart
und seine präsenten Gedanken.
Biografie
Robert Filliou, geboren 1926 in Sauve, Südfrankreich, schloss sich
1943 noch während seiner Schulzeit der französischen Widerstandsbewegung
an. Nach Kriegsende wanderte er in die USA aus, arbeitete dort als Hilfsarbeiter
bei Coca-Cola und studierte Wirtschaftswissenschaften an der University
of California in Los Angeles. Anfang der fünfziger Jahre ging er
nach Südkorea, um als Ökonom im Auftrag der Vereinten Nationen
an einem Plan für den Wiederaufbau Koreas mitzuwirken. Nachdem er
1954 seinen Abschied genommen hatte, lebte er in den folgenden Jahren
als freier Schriftsteller in Japan, Ägypten, Spanien und Dänemark
und ging 1959 nach Frankreich zurück. Um diese Zeit entstanden seine
ersten Aktionsgedichte und längeren Dramen. Seine erste visuelle
Arbeit „L’immortelle mort du monde“, ein aleatorisches
Theaterstück in Form einer Text-Collage, widmete er Daniel Spoerri,
den er 1960 in Paris kennen lernte. In der Kopenhagener Galerie von Arthur
Köpcke stellte er 1961 erstmals seine Arbeiten im künstlerischen
Kontext vor. Im Januar 1962 gründete er seine „Galerie Légitime“,
bestehend aus seiner Mütze, in der er neben seine eigenen Arbeiten
auch Werke von Künstlerfreunden, u.a. von Benjamin Patterson präsentierte.
Mit dieser Galerie nahm er noch im gleichen Jahr am „Festival of
Misfits“ in London teil. Es folgten weitere Beteiligungen an Fluxus-Festivals
und viele Kooperationen mit befreundeten Fluxus-Künstlern, u.a. zahlreiche
gemeinsame Aktionen mit Emmett Williams und George Brecht, mit dem er
1965 in Villefranche-sur-Mer an der französischen Riviera den Laden
„La cédille qui sourit“ eröffnete, in dem bis
zu seiner Schließung 1968 neben allerlei Spielen und Kuriositäten
auch Kunst ausgestellt und angeboten wurde.
Um 1966 formulierte er seine „Prinzipien einer poetischen Ökonomie“,
aus denen er 1968 sein Konzept der „Äquivalenz“ und „Permanenten
Kreation“ entwickelte, das er 1969 in der Galerie Schmela in Düsseldorf
und 1972 auf der documenta 5 in Kassel vorstellte. Im Jahr 1974 war Filliou
Gast des DAAD in Berlin, wo sein 80 Meter langes Werk „Recherche
sur l’origine“ entstand. Nachdem er zwischen 1968 und 1974
mit Unterbrechungen in Düsseldorf gelebt hatte, kehrte er 1975 nach
Frankreich zurück und bezog in der Nähe von Nizza eine ehemalige
Ölmühle, die er zum „1. Territorium der République
Géniale“ erklärte. Bereits in den sechziger Jahren waren
einige Filme entstanden, denen ab 1977 eine Reihe von Videos folgten.
Im Jahr 1982 war er der erste Kurt-Schwitters-Preisträger der Stadt
Hannover. Bis 1984 hatte er eine Gastprofessur an der Hochschule für
bildende Künste in Hamburg, wo er sich für eine regelmäßig
stattfindende „Friedens-Biennale“ einsetzt, die erstmals 1985
in Hamburg veranstaltet wurde. Im Oktober 1984 zog er sich für drei
Jahre, drei Monate und drei Tage in ein buddhistisches Kloster in der
Dordogne zurück, wo er am 2. Dezember 1987 starb.
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen
Galerie Køpcke, Kopenhagen 1961
Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1969
Galerie R. Block, Berlin 1971
Kabinett für Aktuelle Kunst, Bremerhaven 1971
Stedelijk Museum, Amsterdam 1971
Akademie der Künste, Berlin 1974
Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1974
Palais des Beaux-Arts, Brüssel 1975
Centre Georges Pompidou, Paris 1978
Sprengel Museum, Hannover 1984
Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1988
Gruppenausstellungen
Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris 1963
Intermedia ’69, Heidelberg 1969
Edinburgh Art Festival 1970
Kölnischer Kunstverein 1970–1971
Neue Galerie, Aachen 1970–1971
Galerie Ben, Nizza 1971
documenta 5, Kassel 1972
Contemporanea, Rom 1973–1974
Kunstmuseum Luzern 1975
documenta 6, Kassel 1977
Centre Georges Pompidou, Paris 1978
Fluxus, Wuppertal 1981–1982
Fluxus, Wiesbaden 1982
Bibliografie (Auswahl)
Knapstein, Gabriele, Block, René: Fluxus. Eine lange Geschichte
mit vielen Knoten. Fluxus in Deutschland 1962–1994. Institut für
Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1995
Robert Filliou. Genie ohne Talent. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit
2003
Stand: 5.11.2008
|
|