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Karl Otto Götz
Variationen
1995
Mappe mit 16 meist farbigen Lithografien (Steindrucke) auf Fabriano-Büttenkarton,
Color Glanzkarton metallic bzw. Tonkarton, sowie einer s/w-Fotografie
und einer Faserstiftzeichnung auf dem Mappendeckel
davon 11 Original-Lithografien zuzüglich einer kompletten Skala bestehend
aus 5 Exemplaren
(„Bosso“) – 1. Stein / 2. Stein / 1.x2. Stein / 3. Stein
/ 1.–3. Stein
Exemplar Nr. 22 von 25 (+ 5 E.A. + 3 H.C.) signierten, datierten, nummerierten
und betitelten
Exemplaren
Bildfolge:
Throno – Toph – Irsel – Schephtel – Nivre –
Bram – Attui – Esyl – Phyl – Tyrmo – Nirak
– Bosso
Text: Dr. Christoph Zuschlag
Edition Manfred Hügelow, Offenbach/Main
Größe: 30 x 24 cm auf 38 x 30 cm, Fotografie 21 x 29,7 cm
Variation als Prinzip
Gedanken zur Mappe „Variationen“ von Karl Otto Götz
Die Mappe „Variationen“ darf gleich in mehrfacher Hinsicht
besonderes Interesse für sich beanspruchen: Zum einen markiert sie
einen Höhepunkt der mittlerweile fünfzehnjährigen Zusammenarbeit
zwischen dem Maler und Grafiker Karl Otto Götz und dem Steindrucker
Manfred Hügelow. Zum anderen veranschaulicht sie in geradezu exemplarischer
Weise sowohl die Grundzüge des künstlerischen Schaffens von
K. O. Götz als auch die Charakteristika seines reifen Stils.
Die Mappe enthält zwölf Original-Lithografien (Steindrucke)
im Format 38 x 30 cm. Acht Lithografien sind in drei Farben auf chamoisfarbenes
Fabriano-Büttenpapier gedruckt. Jeweils zwei Lithografien sind in
zwei Farben bzw. in einer Farbe auf dunkelgetönten Karton gedruckt.
Die Verwendung dieses schwarzen Fotokartons und anthrazitfarbenen Chromoluxkartons
ist ein Novum in der Kunst von K.O. Götz.
Die Idee zu der Graphikmappe entstand im Juli 1995.1) Das Blatt „Bram“
lag im Probedruck vor, und Götz war von der Wirkung des tiefen samtigen
Schwarz auf dem getönten Karton begeistert. Zu diesem Zeitpunkt befanden
sich in Hügelows Offenbacher Werkstatt fünf weitere Steine im
selben Format, die von Götz bezeichnet worden waren. Als Hügelow
nun vorschlug, mit diesen insgesamt sechs Steinen eine Serie von Variationen
zu schaffen, griff Götz diese Anregung spontan auf und entwickelte
sie weiter. Nach verschiedenen Experimenten lieferte er eine Reihe kleiner
Gouache-Skizzen mit den gewünschten Farbzusammenstellungen. Diesen
Vorgaben folgend, mischte Hügelow die Farben an.
Im nächsten Schritt galt es, die Steine zu kombinieren, sie untereinander
auszutauschen und mit unterschiedlichen Farben zu drucken. Auf diese Weise
wurden 17 Probedrucke hergestellt, von denen Götz und Hügelow
schließlich elf für die Mappe auswählten. Für die
zwölfte Graphik, „Bosso“, welche eigens zur Vervollständigung
der Mappe geschaffen wurde, ließen sie sich etwas Besonderes einfallen:
Die dreifarbige Lithografie sollte mit kompletter Skala – das heißt
mit den Abdrucken der einzelnen drei Steine sowie den Zusammendrucken
– Eingang in die Mappe finden: Blatt eins zeigt den Ultramarin-Stein,
Blatt zwei jenen in Türkis, Blatt drei den Zusammendruck der ersten
beiden Steine, Blatt vier den Schwarz-Stein und endlich Blatt fünf
den kompletten Druck. Das Ergebnis ist von ausgesprochenem ästhetischen
und didaktischen Reiz und zudem eine Rarität für Sammler!
Für den Druck der – mit jeweils 25 für den Handel bestimmten
Exemplaren äußerst niedrigen – Auflage waren insgesamt
30 Druckvorgänge nötig. Die häufigen notwendigen Steinwechsel
in der Maschine (Hügelows Maschine „Elisabeth“ mit Überwelt-Format
stammt aus den dreißiger Jahren und stellt schon für sich genommen
eine Kostbarkeit dar) erforderten eine äußerst präzise
Planung.
Diese knappe Beschreibung macht deutlich, wie eng die Zusammenarbeit zwischen
Karl Otto Götz und Manfred Hügelow bei der Entstehung der Lithografien
ist. Götz’ Freude an Experiment und Innovation, seine Offenheit
gegenüber neuen technischen Möglichkeiten und Hügelows
langjährige handwerkliche Erfahrung, verbunden mit einem hohen künstlerischen
Einfühlungsvermögen, schaffen optimale Bedingungen.
Das in der Mappe „Variationen“ systematisch durchgeführte
Permutieren der Farb-Form-Klänge, das „Spielen“ mit den
Steinen in verschiedenen Kombinationen, wurde bereits in früheren
Lithografien erprobt. In der fünffarbigen Lithografie „Selva
B“ aus dem Jahr 1987 (WVZ 79) etwa wurden die drei Steine von „Selva
A“ aus demselben Jahr (WVZ 78) wiederverwendet. Im Blatt „Limph“
von 1994 (WVZ 125) taucht der Schwarz-Stein von „Bliteph“
aus dem Jahr 1993 (WVZ 122) wieder auf. Den höchsten künstlerischen
Stellenwert erlangte das Variieren indessen in der buntfarbigen Serie
„Giverny III“ von 1990 (WVZ 80-84).2)
Das Variieren hat im Werk von Karl Otto Götz darüber hinaus
eine prinzipielle Bedeutung.3) Bereits die Monotypien aus der zweiten
Hälfte der vierziger Jahre mit ihren surrealen Traum- und Phantasiewelten
werden von vielfach variierten, biomorphen Formen belebt. 1947 schneidet
Götz die Serie
„14 Variationen über ein Thema“ in Holz. Sie zeigt stark
abstrahierte menschliche Figuren vor hellem Grund und steht im Zusammenhang
mit der von Götz während der Kriegsjahre entwickelten „Fakturenfibel“,
einem didaktischen Formen-ABC, das die sichtbare Wirklichkeit auf gestalthafte
Kürzel reduziert.
1952, im Gründungsjahr der mittlerweile legendären Frankfurter
Ausstellungsgemeinschaft
„Quadriga“, setzt das informelle Werk von K. O. Götz
ein, das mit der Entwicklung seiner ureigenen und bis heute immer wieder
modifizierten Malweise einhergeht: der Rakeltechnik. Mit dem Rakel –
einem Stück Holz, an dem eine Streichkante aus Gummi befestigt ist
– schleudert und verschiebt der Künstler die mit breiten Pinseln
aufgetragene Farbe auf dem Bildträger.
Gleich, ob es sich um Leinwände, Gouachen oder Lithografien handelt
– stets liegt den Werken von Götz ein bestimmtes, abstraktes
Schema zugrunde, das beispielsweise aus einer durchbrochenen Diagonale
oder aus einem Wirbel bestehen kann. In Wiederholungen und Abwandlungen,
meist in unterschiedlichen Techniken ausgeführt, lotet der Künstler
die Möglichkeiten und Grenzen eines Schemas aus und optimiert es.
So entstehen Variationsreihen wie die oben erwähnte Serie „Giverny“
(1985–1990 und 1993), welche über einhundert Bilder, Gouachen
und Lithografien umfasst.4)
Ein anderes Beispiel: Am 3. Oktober 1990 schafft Götz das großformatige
Bild „Jonction I“ (Mischtechnik auf Leinwand, 200 x 520 cm,
zweiteilig) in Schwarz-Weiß, dessen Titel auf den Tag der Entstehung,
den Tag der deutschen Einheit, verweist. 1991 folgen zwei Variationen
dieses Werkes im selben Format, „Jonction II“ in Schwarz-Weiß
und Blau und „Jonction III“ in Schwarz-Weiß und
Orange-Braun.5) In den letzten Jahren greift Götz gelegentlich sogar
auf Arbeiten der fünfziger Jahre zurück, etwa in dem Bild „Nach
einem Schema von 1953“ von 1991 (Mischtechnik auf Leinwand,
120 x 100).6)
Trotz ihres eigenen Charakters korrespondieren die Lithografien von K.
O. Götz engstens mit seinen Gouachen und Bildern auf Leinwand. Dies
gilt sowohl für den Schaffensprozess und die künstlerische Konzeption
als auch für die Übertragung bewährter Schemata aus der
Malerei in das Medium der Graphik und umgekehrt. Götz' Beschäftigung
mit druckgrafischen Techniken hatte in den vierziger Jahren begonnen,
in denen die bereits erwähnten Holzschnitte und Monotypien sowie
Lackdrucke und erste Lithografien entstanden.7)
Rasch hatte sich gezeigt, dass diese Technik (ein Flachdruckverfahren,
welches auf dem Prinzip basiert, dass sich Wasser und Fett abstoßen)
dem Gestaltungswillen des Künstlers am ehesten entgegenkommt, weil
sie eine adäquate Umsetzung des malerischen Vorgehens mit Pinsel
und Rakel auf dem Stein ermöglicht.
1966 war es zu einer Unterbrechung der lithografischen Arbeiten gekommen,
die bis 1980 andauern sollte.8) In diesem Jahr setzte durch Vermittlung
von Karl Fred Dahmen die Zusammenarbeit zwischen Götz und Manfred
Hügelow ein.
Hügelow, aus Berlin gebürtig, hatte von 1960 bis 1970 an der
dortigen Kunstakademie gelehrt, anschließend bis 1974 die renommierte
Erker-Presse in Sankt Gallen geleitet und dann seine eigene Werkstatt
am Chiemsee eröffnet, bevor er 1978 nach Frankfurt und schließlich
nach Offenbach kam. Vor der Begegnung mit Götz hatte Hügelow
unter anderem für Hans Hartung, Karl Fred Dahmen, Hann Trier, Heinz
Trökes, Guiseppe Capogrossi, Antoni Tàpies, Piero Dorazio,
Robert Motherwell und George Rikey gedruckt.
Seit 1981 nun entsteht ein imponierendes, bislang 156 Arbeiten umfassendes
lithografisches Œuvre – mit dem Erscheinen des Ergänzungsbandes
zum Werkverzeichnis der Lithografien anlässlich der Düsseldorfer
Messe art multiple 1995 ist diese Werkgruppe vollständig dokumentiert.
Etwa seit Mitte der achtziger Jahre arbeitet Götz verstärkt
direkt auf dem Stein, also ohne die Zwischenstufe des Umdruckpapiers.
Zudem wird durch ein spezielles indirektes Druckverfahren erreicht, dass
der Druck seitenrichtig erscheint. Seit dieser Zeit schafft der Künstler
auch zunehmend mehrfarbige Steindrucke.
Vor diesem Hintergrund ist die Mappe „Variationen“ zu sehen.
Die Titel der darin enthaltenen Lithografien lauten „Throno“,
„Toph“, „Irsel“, „Schephtel“, „Nivre“,
„Bram“, „Attui“, „Esly“, „Phyl“,
„Tyrmo“, „Nirak“ und „Bosso“. Es handelt
sich um nachträglich erfundene, lautmalerische Phantasieworte oder
Umkehrungen („Nirak“) und Verfremdungen („Attui“)
von Namen.
Der einzigartige Reiz dieser Blätter liegt nicht zuletzt in der Aktivierung
des Betrachters, der dem Entstehungsprozess, den Permutationen und Inversionen,
nachspüren kann: Bei „Tyrmo“ beispielsweise liegt ein
weißer Druck über einem schwarzen Unterdruck, bei „Throno“
wurden dieselben Steine gerade umgekehrt eingefärbt. Auch in „Esly“
und „Nirak“ wurden dieselben Steine verwandt, aber völlig
andere Farbkombinationen gewählt. Die Reihenfolge der Druckvorgänge
ist für das Ergebnis von eminenter Bedeutung, weil Farbe, die eine
andere überdeckt, anders wirkt als Farbe, die vor einer weißen
Fläche steht. Es ist geradezu verblüffend, welche unterschiedlichen
und neuartigen ästhetischen Qualitäten auf diese Weise zustande
kommen!
Dabei erschließt sich die Vielschichtigkeit der Blätter erst
sukzessive: Was auf den ersten Blick wie ein singuläres Werk erscheint,
gibt sich bei genauerem Hinsehen als Variation eines anderen zu erkennen.
Christoph Zuschlag
Anmerkungen:
1. Den folgenden Ausführungen liegt ein Gespräch mit Karl Otto
Götz und Manfred Hügelow in dessen Offenbacher Steindruckerei-Werkstatt
am 22. September 1995 zugrunde.
2. Die Angaben beziehen sich auf: Manfred Hügelow (Hg.), Karl Otto
Götz. Werkverzeichnis der Original-Lithografien 1946-1994, Offenbach/Main
1994. Vgl. in diesem Buch die Texte von Ursula Geiger und Manfred Hügelow.
3. Vgl. Michael Klant/Christoph Zuschlag (Hg.), Karl Otto Götz im
Gespräch. „Abstrakt ist schöner!“, Stuttgart 1994,
passim.
4. Vgl. Karl Otto Götz, Giverny. Gemälde/Gouachen/Steindrucke
1985–1989, Düsseldorf 1989 (mit einem Text von Rissa).
5. Alle drei Bilder befinden sich in Privatbesitz. „Jonction I“
ist abgebildet in: Klant/Zuschlag 1994,
S. 62/63 (s/w), „Jonction II“ in: Horst Zimmermann (Hg.),
K. O. Götz. Malerei 1935–1993, Ausstellungskatalog Dresden
1994, S. 170f. (farbig) und „Jonction III“ in: Manfred de
la Motte, Rätsel der Lösungen: K. O. Götz, in: Kunst Köln,
4/91, S. 17–27, hier S. 18f. (farbig).
6. Galerie Marianne Hennemann, Bonn. Das Bild ist farbig abgebildet in:
Christoph Zuschlag, Karl Otto Götz in der Art Galerie München,
in Weltkunst 65 1995, Nr. 8, S. 1013.
7. Vgl. den grundlegenden Aufsatz von Alfred M. Fischer, Der informelle
Maler Karl Otto Götz und seine Druckgraphik, in: Kölner Museums-Bulletin,
1/1990, S. 4–28.
8. Vgl. K. O. Götz, Erinnerungen und Werk, Band 1b, Düsseldorf
1983, S. S1053f. und S. 1311.
„Neue Bildideen kommen mir nicht alle Tage
in den Kopf. Die Entwicklung und Ausarbeitung einer Idee zieht sich meist
über mehrere Monate oder gar Jahre hin.“
Karl Otto Götz (1977)
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Stand: 6.10.2005
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