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Gotthard Graubner
Simulacrum
1978
Kassette mit 15 Vernis mou-Radierungen auf handgeschöpftem Japanpapier
jeweils signiert, nummeriert und datiert Mitte unten
jeweils 56 x 45 cm
Exemplar Nr. 30/30
Druck: Werkstatt Frielinghaus, Hamburg
Verlag: Edition Schellmann & Klüser, München
erworben 1981
Graubners Serie „Simulacrum“ entführt
in die Welt der menschlichen Sinne und beinhaltet Abdrücke verschiedener
Partien des menschlichen Körpers. Durch die Vernis mou-Technik, bei
der die Druckplatte mit einem besonderen, nicht härtenden Wachs beschichtet
wird, in das sich die Struktur aller aufgelegten Zeichenmittel (in diesem
Fall einzelner Körperteile) einprägt, um nach der Ätzung
im anschließenden Druck deren Feinheiten zu offenbaren, erzielt
Graubner eine originalgetreue Abbildung der Oberfläche der menschlichen
Haut.
Die zehnteilige Serie setzt sich aus insgesamt 15 Radierungen zusammen,
die ausschnitthaft Haut-, Hand-, Finger- und Fußabdrücke sowie
Auge, Stirn und Mund abbilden. Dabei stehen sich auf vier Blättern
jeweils zwei Radierungen gegenüber (und auf einem Blatt übereinander),
während die anderen Blätter nur mit je einem Druck versehen
sind. Die Farbigkeit ist zurückhaltend, neben den neun Graphiken
in Grau zeigen sich sechs der „Körperprotokolle“ in Nuancen
von Rot bis Braun. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch auf jedem
Blatt ein Mikrokosmos mit einer reichen Skala von Farbtönen, die
in ihrer Intensität von nahezu transparent bis tief dunkel abgestuft
sind. Auf der Suche nach einer neuen Sensibilität entwickelte Graubner
eine individuelle Farb- und Formwahrnehmung, ausgehend von den Fließeigenschaften
der Farbe und ihrer Verdichtung zur Form: „Ich verzichte nie auf
Form. Farbe war für mich insofern immer Form, als sie sich ausdehnte
und zusammenzog.“
Der lateinische Begriff „Simulacrum“ bezeichnet eine äquivalente
Reproduktion des Realen, bzw. im Bereich der Kunst eine Selbstverdoppelung
„durch eine Manipulation der künstlerischen Zeichen.“
Graubners „Simulacrum“ präsentiert Abdrücke von
realen Körperteilen, die ihren „Vorbildern“ nicht nur
optisch ähneln, sondern auch substantiell verwandt sind. Die Leiblichkeit
des Körpers und des Bildes, also Fleisch bzw. Farbe, berühren
sich im Abdruck der Haut. Nach der grafischen Einschreibung ihrer Oberfläche
in das Wachs wird die Radierung zum Medium ihrer Sichtbarkeit. Durch Auswahl
und Kombination von Motiven des Körpers schafft Graubners „Simulacrum“
eine neue Bedeutungsebene: Es kopiert die Körperteile nicht nur,
sondern macht auch ihre Funktionsweise deutlich.
Auf dem Blatt „Simulacrum Nr. 5“ stehen sich die Abdrücke
einer rechten und linken Handfläche spiegelbildlich gegenüber.
Die vollkommene Symmetrie ihrer Umrisse und die Individualität der
zarten Linien in ihrer Haut lassen die Gestaltungskraft der Natur bewundern.
Einen ähnlichen Eindruck vermittelt auch „Simulacrum Nr. 9“,
auf dem der Abdruck eines Mittelfingers und Teile des angrenzenden Ring-
und Zeigefingers zu erkennen sind. In ihren Maßen unterscheidet
sich diese Radierung deutlich von den übrigen Arbeiten, da sie mit
ihrem Format die Umrisse des Mittelfingers und seinen Wuchs aus der Hand
nachempfindet und von schmaler, länglicher Form ist, während
alle übrigen Drucke zu quadratischen oder rechteckigen Formaten tendieren.
Der senkrecht nach oben weisende Mittelfinger offenbart im Abdruck die
Feinheit seiner Glieder und in deren vertikaler Linearität seinen
konstruktiven, fast architektonischen Charakter, ähnelt er doch mit
seiner Silhouette einem schlanken Turm, für den die angrenzende Handwurzel
ein Fundament bildet.
aus: 100 Meisterwerke zeitgenössischer Druckgrafik aus der Sammlung
der Städtischen Galerie
Erlangen, Berlin 2007
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