| Alfred Hrdlicka
Wie ein Totentanz –
Die Ereignisse des 20. Juli 1944
1974
Exemplar: E.A.
Mappe mit 53 Radierungen in unterschiedlichen Größen
Anwendung verschiedener Radierungstechniken
erworben 2000
Inv.-Nr. 1003444.1-54
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Alfred Hrdlickas Zyklus „Wie ein Totentanz – Die Ereignisse des 20. Juli 1944“ erinnert an ein „weltgeschichtliches Drama“ (Wieland Schmied). Hrdlicka hat dabei keine Heldenverehrung im Sinn, vielmehr geht es ihm um „eine Warnung vor falschen Leitbildern“, wie er selbst kommentiert. Der Widerstand gegen Hitler und sein Regime, der sich ab 1937/38 um verschiedene Offiziere der Wehrmacht bildete, wandte sich gegen die aggressive Expansionspolitik und die Zerstörung des Rechtsstaates. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der sich 1943 der militärischen Opposition angeschlossen hatte, war an der Planung des Staatsstreiches maßgeblich beteiligt. Er selbst führte am 20. Juli 1944 das Sprengstoffattentat auf Hitler im Führerhauptquartier aus. Hitlers Überleben wurde von Göring als göttliches Zeichen ausgelegt und die Verschwörer wurden gnadenlos verfolgt und hingerichtet.
Hrdlickas Blick hinter die Kulissen befasst sich nicht allein mit dem Attentat vom 20. Juli, seiner Vorbereitung und den Nachwirkungen, sondern umfasst genau 210 Jahre. Zu jedem Bild hat er einen Text geschrieben, der das jeweilige Sujet interpretiert und kommentiert. Die Serie beginnt mit dem Besuch Casanovas am Hof Friedrichs des Großen im Jahre 1764. Hrdlicka verweist auf dessen Abneigung, die er als Zivilist und Freigeist gegen das preußische Militärwesen hegte. Er spannt den Bogen über den Selbstmord des Heinrich von Kleist, Richard Wagner, Otto Weininger, die Weimarer Republik, schließlich über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.
Das Thema ist der ewige Kampf zwischen den beiden Grundprinzipien der menschlichen Natur – Autonomie gegen Sozialisation, Individualität gegen Gleichschaltung, Bürgerlichkeit gegen Militarismus. Dass sich dieser Kampf wiederholt, zeigt Hrdlicka mit dem letzten Druck „Chile 1974“, einem Hinweis auf den Militarismus in der Gegenwart. Zeitgleich mit der Entstehung seiner Radierungen wurden dort Oppositionelle gefoltert und ermordet, durch die Junta, mit Unterstützung von dort untergetauchten ehemaligen Nazis.
Die einzelnen Blätter beschränken sich jeweils auf ein Thema, das in seiner Komplexität dargestellt wird, entgegen dem Eindruck einer Momentaufnahme. Stauffenberg und Hitler verkörpern als Protagonisten des Dramas die Dynamik der beiden Prinzipien. Der eine wird vom Militaristen zum Zivilisten, der sein Gewissen entdeckt hat, während der andere vom Zivilisten, der sich lange am sozialen Rand bewegte, zum gewissenlosen militärischen Führer wird. Hrdlicka registriert auch, dass die Widerständler nicht nur den Herrscher abschaffen wollen, sondern auch selber an die Macht gelangen wollen. Der Kreis der Gewalt schließt sich. „Die Attentäter gehören selbst der herrschenden ‚Militärkaste‘ (Hrdlicka 1975) an, sie haben mit der Vorbereitung auf die Tat die Fronten gewechselt, nicht aber den Beruf. Ihr Ziel ist es nicht, Herrschergewalt abzuschaffen, sondern sie selbst auszuüben. Diese Gewalt bejahende und Gewalt tragende Haltung macht sie unverdächtig im System und lässt das Attentat zu einer Chance werden, ist aber doch letztlich (wenn man Hrdlicka folgt) am Scheitern des Attentates mitverantwortlich.“ Hrdlicka 1975
Auf den ersten Blick wirken die 53 Radierungen wie Skizzen, gerade dies scheint von Hrdlicka gewollt. Die schnelle Strichführung umreißt Gestalt und Gesichtszüge nur, stellt in der Regel keine bestimmten Personen dar, eher Akteure eines Dramas. Während manche Körperteile und Gegenstände fast realistisch dargestellt sind, erscheinen andere Gesichter und Personen wie ausgestrichen. Die aggressive Schroffheit dieser Schraffuren zeigt die Abscheu vor dem Nationalsozialismus und seinen Taten.
aus: 100 Meisterwerke zeitgenössischer Druckgraphik aus der Sammlung der Städtischen Galerie Erlangen, Berlin 2007
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Stand: 5.11.2008 |