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Gustav Kluge

Steht ein bucklicht Männlein da ...

1985
Mappe mit 12 Farbholzschnitten, mit einem Text von Elisabeth Domansky
gedruckt auf 67 g/qm Atsu-Shi-Japan-Papier
Exemplar 25 von 30 nummerierten und 3 Exemplaren h. c.
Herausgeber: Edition Schoppmann, Dortmund
Druck: Martin Kätelhön
Typografie: Gerd Fleischmann
98 x 64,5 cm
erworben 2004; Inv.-Nr. 1002706

Das bucklicht Männlein (anonym, spätes 18. Jh.)

Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwiebeln gießen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu nießen.

Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.

Will ich in mein Stüblein gehn,
Will mein Müßlein essen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hats schon halber gessen.

Will ich auf mein Boden gehn,
Will mein Hölzlein holen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mirs halber g'stohlen.

Will ich in mein Keller gehn,
Will mein Weinlein zapfen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Thut mir'n Krug wegschnappen.

Setz ich mich ans Rädlein hin,
Will mein Fädlein drehen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Läßt mirs Rad nicht gehen.

Geh ich in mein Kämmerlein,
Will mein Bettlein machen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu lachen.

Wenn ich an mein Bänklein knie,
Will ein bislein beten;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu reden.

Liebes Kindlein, ach ich bitt,
Bet' für's bucklicht Männlein mit!

Mappentext
„Steht ein bucklicht Männlein da...“ So beginnt der Refrain eines Volksliedes, das durch „Des Knaben Wunderhorn“ im 19. Jahrhundert weiteste Verbreitung gewann und noch heute als Kinderlied in Schulbüchern und Anthologien zu finden ist.
Es handele sich bei der Gestalt des bucklicht Männlein um eine Personifizierung der Tücke des Objekts, welche sich der kindlichen Weltaneignung in den Weg stelle, so mögen sich viele Erwachsene beruhigt haben, die ihren Kindern dieses erschreckende Lied vorgesungen oder vorgelesen haben. „Ungeschickt lässt grüßen“, war die Erklärung, die Walter Benjamins Mutter dafür fand.

Die Kinder scheinen einen bedrohlicheren Sinn hinter den Strophen dieses Liedes erahnt zu haben. Den sensiblen Hanno Buddenbrook brachte es sogar um den Schlaf.

Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwiebeln gießen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu nießen.

So stammelt der kleine Hanno in einem seiner vom Arzt als „pavor nocturnis“ diagnostizierten Anfälle. Welche Ängste waren in diesem Lied gebannt, die in der Dunkelheit der Nacht mit solcher Macht hervorbrechen konnten?

Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.
Will ich in mein Stüblein gehn,
Will mein Müßlein essen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hats schon halber gessen.
Will ich auf mein Boden gehn,
Will mein Hölzlein holen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mirs halber g'stohlen.

Nahrung, Kleidung, Wärme, Schlaf stehen im Mittelpunkt der unzähligen deutschen wie außerdeutschen Varianten dieses Liedes. Und stets hat ein anderer bereits davon genommen oder stellt sich der Befriedigung dieser Bedürfnisse in den Weg. Vom Mangel handelt das Lied, von der existenziellen Angst sei in einer ihm noch weitgehend unbekannten, fremden Welt nicht gesichert. Doch weiß es einen Verursacher für den Mangel zu benennen. So kann es das bedrohliche „Andere“ jenseits des dem Menschen bekannten Gesichtskreises in einen „Anderen“ verwandeln. Das Unheimliche auf diese Weise vertraut zu machen, ist der erste Schritt auf dem Wege, auf dem existenzielle Lebensangst zur Furcht rationalisiert wird, zu einer Furcht, die der Mensch bewältigen kann (Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos). Indem er eine Instanz erfindet, der er die Verantwortung für die Unsicherheit seiner Existenz, die Unvollkommenheit seiner Natur- und Weltaneignung zuschreiben kann, hat er das Geheimnis der Magie entdeckt: er kann die Angst fortan bannen.
Er bannt sie in eine Gestalt, die menschenähnlich ist, durch ihre Verunstaltung jedoch dem Raum der Natur stärker verhaftet bleibt als dem menschlicher Gesellschaft. Sie gehört dem „Kleinen Volk“ der Natur- und Hausgeister an, das in Erdhöhlen und Baumstämmen, aber auch in den Kellern und auf den Dachböden haust.
Elfen und Zwerge, Kobolde und Gnome können in menschliche Existenz und in menschliche Arbeit eingreifen, sie fördern oder vereiteln, doch sie haben keine unbegrenzte Macht darüber. Denn der Mensch kennt ihre Namen und ihre Gestalt. Er hat sie erkannt. Und er hat sie bezwungen. Bezwungen mit Hilfe einer höheren Instanz, der er sich freiwillig untergeordnet hat, mit der er in Verbindung steht, zu der das bucklicht Männlein und seinesgleichen aber keinen Zugang haben. Indem der Mensch sich Gott unterordnet, ordnet er sich die Natur unter. Diese doppelte Unterordnung hebt die Unsicherheit der menschlichen Naturaneignung auf.

Wenn ich an mein Bänklein knie,
Will ein bislein beten;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu reden.
Liebes Kindlein, ach ich bitt,
Bet' für's bucklicht Männlein mit!

Der Preis, den der Mensch für die Überwindung der Unsicherheit seiner Natur- und Weltaneignung zahlte, war hoch. Er lieferte sich einer Instanz aus, die keiner höheren mehr unterstand, gegen die es keine anderen Zwangsmittel gab als die, die sie selber dem Menschen bereitstellte (Opfer) und für deren Wirkung es keine Garantie gab (Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos).
Wie eine Spinne hockt Abigail über ihrem schlafenden Mann, gefangen im selben Netz. Denn indem sie Nabal vor der Strafe Davids zu retten suchte, machte sie sich selbst zum Werkzeug der göttlichen Rache. Nabal hatte David und dessen Gefolgsleuten Speise und Trank verweigert und damit nicht nur gegen menschliches, sondern auch gegen göttliches Gesetz verstoßen. Es gelang Abigail, David zu versöhnen, doch als sie Nabal davon berichtet, „da erstarb sein Herz in seinem Leibe, daß er ward wie ein Stein. Und über zehn Tage schlug ihn der Herr, daß er starb.“ (1. Sam. 25, 37 f.)
Die Holzschnitte von Gustav Kluge legen diese archaischen Schichten des Liedes vom bucklicht Männlein wieder bloß, befreien es von aller verniedlichenden Verharmlosung. Die Technik, die Gestalten fast unlösbar mit den Verwachsungen des Holzes verbindet; die symbolischen Grundfarben der Märchen und Mythen: das Weiß des Guten, das Schwarz des Bösen und das Blutrot der Schuld; die Reduzierung der Figuren auf die Chiffren der Anfänge menschlicher Darstellungskunst; das Zitat der primitiven Masken und des Alten Testaments; dies alles ist Bestandteil von Gustav Kluges archäologischer Arbeit, die mehrere Schichten des Mythos abtragen mußte.
Denn das wissenschafts- und fortschrittsgläubige 19. Jahrhundert hatte dieses Lied in dem Maße in die Kinderbucher verbannt, in dem es die vor-wissenschaftliche, die mythologische Weltdeutung in die Kindheit der menschlichen Gesellschaft zurückverlegte, der es entwachsen war. Die weite Verbreitung, die das Lied gerade in der Zeit erfuhr, in der es in die Kinderstuben gesperrt wurde, deutet darauf hin, daß mit dieser Zurückdrängung ein Verdrängungsprozeß noch ganz anderer Art verbunden war.
Nicht zufällig läßt Thomas Mann Hanno Buddenbrook, den seit seiner Geburt körperlich hinfälligen Erben der einst angesehenen Kaufmannsfamilie, der die Musik mehr liebt als die bürgerliche Kunst des Rechnens, eine so sonderbare Neigung zu diesem Lied entwickeln. Wie sich in seiner Person die Brüchigkeit der bürgerlichen Welt manifestiert, so sollte nun das bucklicht Männlein die heimliche Furcht vor der Vergeblichkeit der menschlichen Arbeit verkörpern. In einer Welt, die die Natur bereits zu beherrschen glaubte, wurde das bucklicht Männlein zu einer Figur, die den Menschen um die Früchte seiner Arbeit bringt. Das Männlein stiehlt, zerstört, genießt die Früchte menschlicher Arbeit, ohne selbst gearbeitet zu haben, ja, es verlacht die menschliche Anstrengung.

Geh ich in mein Kämmerlein,
Will mein Bettlein machen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu lachen.

Das Männlein stellt die zentralen Tugenden der bürgerlichen Welt, Arbeit und Besitz in Frage. Die Kämmerlein-Strophe hatte ursprünglich zweifellos eine derb-erotische Komponente. Gustav Kluge greift dieses Element der Strophe auf, setzt es aber „falsch“ zusammen. Die hilflos über dem Frauenkopf baumelnden Füße zeigen den Verlust des Bodens unter den Füßen in einem spezifischen Bereich bürgerlichen Besitzdenkens, dem des Verhältnisses der Geschlechter zueinander, an. Dies geht bei Gustav Kluge nicht mehr vom bucklicht Männlein aus, sondern resultiert aus der Fragwürdigkeit des Herrschaftsverhältnisses zwischen den Geschlechtern selbst. Die Vergeblichkeit menschlichen Handelns wird damit nicht mehr einer verursachenden Instanz außerhalb des Menschen zugeschrieben.
Das bürgerliche Zeitalter, das den Menschen in den Mittelpunkt seines Denkens stellte, verlegte das „Andere“, das Drohende und Strafende in den Menschen hinein. „Nicht wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit!“ versichert sich Hanno Buddenbrook bei seiner Kinderfrau. „Es tut es aus Traurigkeit und ist dann noch trauriger darüber.“ Hanno verbalisiert hier seine eigene Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, den Erwartungen seines Vaters und seines Gewissens zu entsprechen und seiner Unfähigkeit, seine Neigung zu Kränklichkeit, Verträumtheit und Passivität zu überwinden. Er erfaßt intuitiv das bucklicht Männlein als die andere Seite in sich selbst, die verhindert, daß er den Vorstellungen des Vaters entspricht, obwohl er dies gern täte. „Wenn man betet, so braucht es das alles nicht mehr zu tun“, hofft er daher.
Die höhere Instanz außerhalb des Menschen zur Beherrschung der dunklen Seiten seines Selbst einzusetzen, darauf hoffte Hanno, und darauf sollten die Kinder des Bürgertums hoffen lernen, indem sie gleichzeitig mit der Gefährlichkeit ihrer Triebe und der Notwendigkeit zu deren Disziplinierung bekannt gemacht wurden. Die gleichermaßen furchteinflößende wie mitleiderregende Gestalt des bucklicht Männlein war mit dem Übergang von der mythologischen zur wissenschaftlichen Weltdeutung zum Mahner der im Menschen liegenden Gefahren geworden.
Der bürgerliche Mensch hatte sich selbst fürchten gelernt, konfrontiert mit dem Übermaß seiner Begierden. Sein Tun wie die Negation seines Tuns gingen aus ihm selbst hervor. Gespaltensein und Zwiespältigkeit sind zentrale Kategorien bürgerlicher Selbsterfahrung. Schizophrenie ist daher mit dem Kapitalismus in Verbindung gebracht worden, während Paranoia als die Geisteskrankheit des Absolutismus gilt.
Zwei geschützte Köpfe, zwei ungleiche Köpfe, zwei Masken und zwei flüsternde Hunde drücken das Doppelungsmotiv auch bildnerisch aus. Sie zeigen die auseinanderstrebenden Teile unseres Selbst, die Traurigkeit über das Wissen um unser Gespaltensein. Sie erzeugen aber gleichzeitig Unsicherheit über diese Selbstdeutung: Ist die Figur der Doppelung nicht vielleicht ein neuer Mythos, der unter zwei Masken etwas ganz anderes verbirgt? Allein die Tiere kommunizieren in Gustav Kluges Zyklus miteinander. Wissen die beiden flüsternden Hunde mehr als wir?
Elisabeth Domansky

Titel der einzelnen Blätter
1. Abigail bewacht ihren Mann 30 cm über dem Boden
2. Zwei gut geschützte Köpfe
3. Komm ich in mein Kämmerlein
4. Zwei Knochenmasken
5. Steht ein bucklicht Männlein da I
6. Kopf an Kopf
7. Steht ein bucklicht Männlein da II
8. Fängt es an zu niesen
9. Fängt es an zu lachen I
10. Flüsternde Hunde
11. Fängt es an zu lachen II
12. Liebes Mägdelein, ach ich bitt, bet für’s bucklicht Männlein mit

Gustav Kluge hat in der Zeit von 1984 bis heute ein umfangreiches und vielschichtiges Holzdruck-Werk geschaffen, wobei vielschichtig sowohl im technischen als auch im inhaltlichen Sinne zu verstehen ist. Der Umfang bezieht sich weniger auf die Zahl der Motive (...), sondern vielmehr auf die zahlreichen monotypie-artigen Druckvarianten. Am Ende des Jahrhunderts hat er die alte Technik des Holzschnitts, dessen Blütezeit während des Expressionismus lange zurückliegt, zu einer neuen bildnerischen Form weiterentwickelt und im Holzdruck, der in seinem Werk einen großen Stellenwert besitzt, einen charakteristischen Stil entwickelt, der so eigenständig ist, dass ich keine vergleichbaren kenne. (...)
Die Veränderung gegenüber dem traditionellen Künstler-Holzschnitt, bei dem die künstlerische Arbeit im Schneiden des Druckstocks liegt, wird auch durch den treffenderen Namen Holzdruck ausgedrückt. Gustav Kluge betrachtet den geschnittenen Druckstock als einen Rohling, der dazu dient, das Bild als das eigentliche Kunstwerk zu gestalten. (...)
Der Holzschnitt zwingt durch die skulpturale Bearbeitung des Stockes und durch den Flächendruck zu einer entschiedenen, großformatigen Bildorganisation. Durch den Schnitt oder Riss gegen den Widerstand des Materials entsteht im Zusammenspiel mit der natürlichen Beschaffenheit des Druckstocks die Form. Die Bretterstruktur des Nut- und Federholzes und die Rundform der Baumscheiben werden bewußt in die Komposition einbezogen, sei es im Miteinander oder im Gegeneinander zu den geschnittenen Formen. Wie ausgestanzt können die Motive im Hochdruck auf dem Bildgrund stehen. Die herausgeschnittenen Formen erscheinen im Druck als Leerformen, die ebenso wie die Positivformen der druckenden Flächen in die Gestaltungen des Bildes eingebunden werden müssen. Da der Holzdruck das Relief aus erhöhten und vertieften Flächen auf dem Bildträger abbildet, nimmt er eine mittlere Stellung zwischen Skulptur und Malerei ein. Eine Feststellung, mit der schon die Neuartigkeit der Holzschnitte von Paul Gauguin charakterisiert wurde.
Günther Gerken, Gustav Kluge. Werkverzeichnis der Holzdrucke, Hamburg 2000

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Stand: 5.11.2008