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Jirí Kolár
Hommage à Baudelaire
Partitur für ein Lautgedicht
1972
23 schwarzweiße Siebdrucke nach Originalcollagen
aus dem Jahre 1963
Exemplar Nr. 15 von 150 signierten, datierten und nummerierten Exemplaren
Herausgeber: Edition R, Johanna Ricard, Nürnberg
Druck: Domberger, Stuttgart
Größe: 45 x 33 cm
Mappentext
Vor 10 Jahren schrieb Jirí Kolár in seinen persönlichen
Aufzeichnungen: „Mit Ausnahme der einstigen Protagonisten des Dadaismus
haben Dichter von der aktuellen auditiven Poesie seit ihren Anfängen
Besitz ergriffen, die man aber bestenfalls als Kabarettisten bezeichnen
kann.“ Kolár ergänzt und konkretisiert durch diese schroffe
Beurteilung seine frühere Auffassung, daß die „moderne
Poesie seit Eliots Wüstem Land um keinen Schritt vorangerückt“
sei. Diese kompromißlose Äußerung könnte befremden,
wenn man nicht wüßte, daß Kolár seit langen Jahren
mit neuen, universellen und doch höchst individuellen, originellen
Formen der sogenannten evidenten Poesie experimentiert. Diese Art der
Poesie bedeutet um die Wende der fünfziger und sechziger Jahre eine
wahrhaft dichterische Tat, einen Durchbruch in der Geschichte der gegenwärtigen
Kunst.
Die in diesen Worten ausgesprochene scharfe Kritik an den damaligen Versuchen
um das Lautgedicht war vor allem gegen die Methode gerichtet – oder
viel besser gegen den Mangel an jeglicher Methode. Ebenso wendet sich
Kolár damit gegen die sogenannte Spontaneität, gegen die Elementarkraft
und gegen die Willkür der Dichter, wenn sie den Laut in der Dichtung
als Element des Ausdrucks verwenden. Das sei nichts als Dilettantismus,
meint Kolár. Der Berufsschauspieler und vor allem der Musiker hat
nach Kolár mehr zu sagen als ein solcher Dichter, der Geschrei
und Laute mixt, meistens ohne die geringste Ahnung weder von den Gesetzmäßigkeiten
ihres Entstehens und ihrer Komposition noch von ihren Ausdrucksmöglichkeiten
zu haben. Diese Art von Poesie ist außerdem zum großen Teil
und in einer gewissen Weise an die verschiedenen Sprachen gebunden, so
daß die universelle Verständlichkeit des Gedichtes wesentlich
eingeschränkt wird. Der zeitgenössische Dichter, der mit dem
Lautgedicht experimentiert, kommt nicht weiter, wenn er nicht gewisse
berufliche Erfahrungen auf anderen schöpferischen Gebieten vertieft
hat. Wie zum Beispiel in der Musik, die durch John Cage, auf anderen Ebenen
aber auch durch Stockhausen und seine Schule, neue weiterführende
Möglichkeiten für die moderne Poesie eröffnet hat. Dies
gilt vor allem für die konkrete und für die aleatorische Musik,
die mit einer hochentwickelten Tontechnik und mit Methoden arbeitet, welche
der Interpretation eine optimale Freiheit der Invention und des Reichtums
an Ausdruck bieten, wobei die Grundrisse der Partitur erhalten bleiben.
Dieser Überzeugung folgend, schuf Kolár im Jahre 1963 eine
Serie von 23 Collagen, die er „Partitur für ein Lautgedicht
auf den Namen Baudelaire“ nannte. Kolár bediente sich dabei
einer Anzahl schöpferischer Methoden, die gleichzeitig mit den visuellen
Formen seiner sogenannten evidenten Poesie entwickelt wurden. Das Wort
Baudelaire, auf losen Blättern gedruckt, mit den expressiven Buchstaben
der Lateinschrift, wurde zuerst dekomponiert und zerstört, bis nur
noch Silben, Buchstaben und deren Fragmente übrig blieben. Kolár
geht es im Grunde um das Zerlegen der Sprache und ihrer visuellen Symbole
(der Schrift) auf das Grundmaterial, das von der Muttersprache unabhängig
ist. Dann traten aber die Prinzipien der Artikulierung und der Anordnung
auf: die Anhäufung und Vervielfältigung von Buchstaben und Wortfragmenten,
die anstelle der Laute stehen, ihre kombinatorischen Variationen, ihre
Aneinanderkettung, ihre Strukturierung in vorher konzipierte grafische
Darstellungen und geometrische Konfigurationen. Der Name Baudelaire blieb
das Grundmotiv aller dieser Vorgänge.
Sie führen letztlich zum visuellen Lautgedicht, einer Partitur, deren
Verwirklichung oder besser gesagt deren Sinngebung von der Interpretation
oder vom Dirigenten abhängt. Sie bestimmen auch die Dauer der Komposition,
die Stimmlage, die Lautstärke, den Tonfall und das Vortragspathos.
Die Collage-Vorlagen dieses Werkes wurden ein einziges Mal einem kleinen
Kreis 1965 im Prager Kunstklub vorgeführt. Sie zeugen von der Auseinandersetzung
des Künstlers mit den verschiedensten dichterischen Möglichkeiten
der Sprach-, Schrift- und Bildsymbole.
Das hier vorliegende Werk gab außerdem den Anstoß zu einer
Serie von Originalrollagen, in denen Kolár das Baudelaire-Thema
weiter variiert: Das berühmte Baudelaire-Porträt von Nadar,
voller Tragik, wird durchwoben von gemalten Landschaften, Frauenfiguren
und Frauengesichtern. Ein Vers oder eine Strophe aus den „Fleurs
du Mal“ liegen der künstlerischen Inspiration zugrunde.
Eine der originellsten Ideen Kolárs wurde damit verwirklicht: Baudelaire
durch ein Werk zu ehren – Hommage à Baudelaire.
Biografie
Geboren 1914 in Protivín/Kreis Písek/Südböhmen.
Lebt und arbeitet in Paris. 1922 Umzug der Familie nach Kladno bei Prag.
1929–42 absolviert er eine Ausbildung als Tischler und arbeitet
danach in verschiedensten Berufen wie Bäckergehilfe, Kellner, Zeitungsredakteur
und Nachtwächter. In dieser Zeit entstehen auch Western- und Detektivgeschichten.
1934 fertigt er erste Collagen. 1942 wird Kolár Gründungsmitglied
der Gruppe 42. Ab 1943 arbeitet er als freier Schriftsteller. 1945 übersiedelt
er nach Prag und wird dort in den folgenden Jahren Verlagsredakteur im
Verband der Freunde der Kunst. 1949–52 erstellt Kolár erste
bildnerische Interpretationen seiner Gedichte, erhält jedoch in der
CSSR Publikationsverbot. 1953 folgt eine neunmonatige Untersuchungshaft.
1959–63 geht er von der Schrift zum Bild über. 1963 ist er
Gründungsmitglied der Gruppe „Krizovatka“ (Kreuzung).
1971 erhält er den Herder-Preis der Universität Wien. 1979 Übersiedlung
nach Berlin mit einem DAAD-Stipen-dium. Ein Jahr später zieht er
nach Paris, wo er trotz Rückkehrpflicht bleibt. Ein Prager Gericht
verurteilt ihn daher in seiner Abwesenheit und lässt seinen gesamten
Besitz konfiszieren. 1984 erhält Kolár die französische
Staatsbürgerschaft und 1992 ebenso die tschechische.
Unter dem Einfluss des damals noch sehr lebendigen tschechischen Kubismus
und Surrealismus entstanden seit 1934 Kolárs erste Collagen –
schon damals ausschließlich aus Reproduktionen zusammengesetzt.
Rund 15 Jahre nach diesen ersten Versuchen knüpfte er mit neuem Elan,
einem veränderten Erfahrungshorizont und einer ungewöhnlichen
Konsequenz an diesen fast vergessenen Klebebildern an. Die tradierten
literarischen Formen, auch die der klassischen Moderne, erschienen ihm
zunehmend weniger geeignet, die von ihm immer ersehnte und antizipierte
Zeitnähe herzustellen, die nicht mit einer Anpassung an die gerade
herrschenden Trends und Moden zu verwechseln ist.
Zum Werk
Die Partitur auf den Namen Baudelaire habe ich deshalb geschrieben, weil
die meisten auditiven Dichter sich nicht anders als Kabarettisten auszudrücken
verstanden. Nur wenige von ihnen vermochten die Dadaisten zu übertreffen.
Fast alle ihre Tonbänder empfand ich als bloße Aufzeichnung
des eigenen Vortrags oder genauer: des Vortrags ihrer „Produkte“.
Von Anfang an dachte ich dabei an Mallarmé. Bei ihm war sowohl
ein möglicher Ausgangspunkt als auch eine mögliche Lösung
zu finden: Poesie durch Musik zu machen; eine Partitur für den Vortrag
eines einzigen Wortes zu schreiben. Selbstverständlich kann ich den
Einfluss der konkreten Musik nicht leugnen, namentlich den einiger Amerikaner
und anderer damals aktueller musikalischer Strömungen. Das Bild wollte
plötzlich erneut gelesen, mehr noch, es wollte auch gehört werden.
Die meisten musikalischen Kompositionen erfordern Interpreten und einen
Dirigenten, – auch ich habe dahingehend gearbeitet.
Dummy, das ist ein Mensch mit einem elektrischen Gehirn, der tausend tödliche
Unfälle überleben soll. Das ist das Schicksal eines jeden Kunstwerks
– jeden Monat, vor jedem Betrachter, vor jeder Kritik unverwundet
zu bestehen oder zu überleben.
Die ersten Partiturversuche stellte ich mit dem Namen Rimbaud an. Damals
hatte ich das Farbengedicht „Rimbauds Nachtigall“ beendet,
und die Farbigkeit der Vokale lockte mich noch immer. Von der Fertigstellung
hielt mich meine Antipathie gegen Rimbauds Schicksal ab; eine vielleicht
ungerechte, aber bei mir damals stark ausgeprägte Antipathie: Ein
Junge, von der Mutter verwöhnt, empört sich gegen seine Umgebung,
schreibt verblüffende Gedichte und ist mit seinem Werk in zartem
Alter am Ende angelangt. Mit nichts ist er zufrieden, alles ist schlecht,
er kann nicht leben. Und dann, als alles schon verloren ist, beginnt er
an dem zu verdienen, was wohl kaum noch schmutziger sein kann: An menschlicher
Versklavung und an Mord, an Waffenschmuggel und Waffenhandel. Das hat
mir damals missfallen, und vielleicht missfällt es mir auch heute
noch. In dieser Richtung wird meiner Ansicht nach Rimbauds Vermächtnis
auf Kosten Baudelaires überschätzt.
Ich halte Baudelaire für den ersten modernen Dichter überhaupt.
Warum wurde er zu seinen Lebzeiten so gehasst? Damals gab es eine Menge
sogenannter galanter Literatur, die eines der größten Übel
in der Literaturgeschichte darstellte. Die Gesellschaft konnte Baudelaire
nicht verzeihen, dass er diese „Pornografie“ mit etwas so
Geheiligtem und Vollkommenem wie dem Vers zu gestalten verstand wie niemand
vor ihm.
Bis in Baudelaires Zeit hinein wurde das Thema großer menschlicher
Leidenschaft als etwas Schamloses und für die Kunst Unwesentliches
erachtet. Und weil Baudelaire sein ganzes geniales Können eben diesem
Thema widmete, brachte er all jene in Harnisch, die wussten, in welch
herrliche Verse sein Leidenschaftsdrama gefasst war. Der Hass wurde desto
größer, je mehr sich herausstellte, dass Baudelaire das, was
er schrieb, auch selbst tat. Viele wären froh gewesen, wenn sie,
wie er, beides gekonnt hätten. Ich will nicht etwa zur weiteren Auslegung
Baudelaires beitragen, die ihre eigene, lange Geschichte hat. Aber eine
Entdeckung, die ich für eine seiner größten und grundlegendsten
halte, kann ich nicht unerwähnt lassen: die Erkenntnis des Dichters,
dass Trunkenheit für jeden etwas anderes bedeuten kann. Aufgezeigt
hat er das in den so oft zitierten Gedichten aus dem Zyklus Wein. Die
Trunkenheit Liebender ist eine andere als die Trunkenheit des Mörders,
und der Wein der Dichter schmeckt anders als der Wein der Armen. Beides
bleibt nichtsdestoweniger Wein...
Baudelaire war ein Dandy mit einem tiefen Innenleben. Wenn er mit seinem
Werk eine Ästhetik des Dandyismus erschaffen hat, der zu entsprechen
er sich mit seinem gesamten Äußeren bemühte, dann nur,
um zum Ausdruck zu bringen, wie er selbst auch innerlich aussehen wollte.
Mit dem Aristokratismus des Äußeren unterstützte er nur
die Erhabenheit des Werkes. Er wollte, dass beides in Harmonie und ohne
Makel sein sollte.
Wegen dieser Charakterzüge, aber auch weil er sich Poe zu seinem
Vorgänger zu erwählen verstand, möchte ich Baudelaire den
ersten orbitalen Dichter nennen. Er weist als erster direkt nach, dass
sein Zeitgenosse, wenn auch am anderen Ende der Welt, das gleiche durchlebt
wie er selbst. Er unterscheidet sich von allen Romantikern dadurch, dass
er der erste Dichter ohne Helden ist, der erste, der in der Poesie nicht
ans Epos denkt.
Alles, was Baudelaire sagt, kann jeder durchleben und empfinden, der imstande
ist, die Wahrheit zu sprechen und wirklich zu leben.
Er ist auch ein wahrhaft exemplarischer Entdecker für die moderne
Kunst des Übersetzens. Denn auch auf dem Planeten der Literatur gibt
es immer wieder neue Orte für Entdeckungen. Ich würde ihn metaphorisch
den Kolumbus der Literatur des vergangenen Jahrhunderts nennen.
Die Art der Verarbeitung wurde mir von der Forderung nach Anschaulichkeit
der formal jeweils anders behandelten Buchstaben diktiert. Ich habe mir
damals ein paar Worte dazu notiert: Der Künstler braucht sich nicht
zu scheuen, zur Verwirklichung einer Vision wie auch immer geartete Mittel
zu verwenden. Wem das von mir verwendete Mittel allzu gewagt erscheint,
der möge bedenken, dass eben dieses mir damals zugänglich war,
nicht jedoch irgendein anderes, das ich gegebenenfalls hätte verwenden
können. Der Künstler nimmt an seiner Vorstellung stets Abstriche
in Kauf, bevor er über sie hinausgeht.
Jirí Kolár
Bibliografie / Ausstellungen (Auswahl)
Lamac, M. (Hg.): Jirí Kolár, Köln 1969
Kotik, C.: Jirí Kolár. Transformations, 1978
Kolár, J.: Jirí Kolár. Suite, 1980
Hermann, S.: Hommage à Jirí Kolár, Nürnberg
1984
Mahlow, D.: Jirí Kolár, Ostfildern 1994
Kolár, J.: Jirí Kolár. Poetische Bildwelt. Werkübersicht
1960–95, 1997
Gagnon, F. M.: Hommage à Jirí Kolár, Toronto 2005
Einzelausstellungen
Museum of Modern Art, Miami 1963
Institut für Moderne Kunst, Nürnberg 1968
Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1974
Kunstmuseum Düsseldorf 1980
Museum Folkwang, Essen 1981
Kunsthalle Nürnberg 1984
Guggenheim Museum, New York 1985
Hommage an Jirí Kolár, Neue Galerie der Stadt Linz 2002
Gruppenausstellungen
documenta 4/6, Kassel 1968/77
Biennale Venedig 1990
Stand: 6.10.2005
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