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Gerhard Merz

Fünf Steingravuren

1976/78
Steingravur auf Offset-Papier
signiert
je 60,2 x 60,2 cm
Exemplar 9 von 20
Edition Schellmann und Klüser, München
erworben 1981; Inv.-Nr. 1001070.1-5

Zum Werk
„Betrachtet man die Bilder näher, so wäre den trotz der zurückgenommenen Erscheinung dann doch noch sichtbaren Einzelheiten und Differenzierungen nachzugehen. Die handwerkliche Sorgfalt und Liebe, die auf die Ausführung verwandt wurden und das Bild in seiner Einfachheit, bei aller konzeptuellen Vorarbeit, erst eigentlich begründen, wäre anzusprechen. Das Verhältnis der Bilder untereinander und in der Gruppe wäre zu bedenken. Die wesentliche Frage, (...) ist, auf eine verkürzte Formel gebracht, ob ein ‚Klang’ entsteht. Das meint etwas anderes als die Summe der Einzelbilder. Eher eine Schwingung zwischen ihnen. (...)
Schwierig erscheinen die Bilder doch wohl weniger im Hinblick auf das , was zu sehen ist, als vielmehr dadurch, ‚dass das alles sein soll’, aus der Diskrepanz von Bilderwartung und eingeschränktem Bildangebot. Diese Schwierigkeiten, die sich nicht allein auf die Bilder von Gerhard Merz beschränken und bezeichnenderweise häufig den Vorwurf der Unverständlichkeit und der Unverbindlichkeit zugleich provozieren, würden durch eine extensive Beschreibung des Bildbefunds nicht behoben, sondern im Gegenteil eher verschärft. Die Reduktion der Bildmittel auf ein [hier siena-farbenes] Liniengerüst, der Verzicht auf Komposition, sie würden so nur verschleiert. Weiter: Ein solcher Positivismus in der Beschreibung des optischen Befunds nährte das Missverständnis, die bildnerischen Mittel in ihrer konkreten Erscheinung seien als das Eigentliche, Wesentliche oder Essentielle des Bildes zu nehmen. Das wäre falsch. Sie sind wichtig in ihrer Bedeutung, das Bild als Bild identisch mit sich selber zu begründen. Aber sie sind in dieser Funktion auch austauschbar. Sie haben keine Eigenwertigkeit. Merz geht es, im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Richtung der konkreten Kunst, nicht um einen ‚Naturalismus’ der Bildmittel. Hier wird kein elementarer Vorgang exemplifiziert, keine Versuchsanordnung welcher Art auch immer vorgeführt. Man würde den Sinn der Bilder verfehlen, sie als Bild ihrer Mittel zu begreifen. Aber auch kein Energiefeld ist gemeint und ebenso kein orthogonales Ordnungssystem im Sinne Mondrians. Die Bedeutung der Bildmittel erschöpft sich im Gegensatz zu jenen überschießenden Inhalten in ihrer Funktion im Bildgefüge. Bildgegenstand sind nicht die Mittel, Bildgegenstand ist das Bild als Bild.
Man wird diese Beschränkung auf das Bild als Bild oder, mit Ad Reinhard, ‚die Kunst als Kunst’ nur dann verstehen, wenn man die Sinnfrage Kunst stellt – und zwar anders, grundsätzlicher als im Bereich der kleinen innovativen Schritte – und akzeptiert, dass die Antwort, wenn der Ausweg in eine ‚individuelle Mythologie’ nicht möglich ist, nur lauten kann: Der Sinn des Bildes ist es selber, da ein außerbildnerischer Sinn, ein Sinn außerhalb der Kunst, der auch diese umgriffe und für den sie dann stehen könnte, nicht erkennbar ist. Bejaht man diese radikale, die Autonomie der Kunst aus Notwendigkeit ernst nehmende Position, so wird man auch die Gratwanderung begreifen, mit einfachsten, nur bildnerischen Mitteln ein geistiges Moment immer wieder zur Erscheinung zu bringen, das den Mythos Kunst vergegenwärtigt. Man wird in dieser äußersten Konzentration auf die Kunst als Kunst dann auch Schönheit wahrnehmen.

Ludwig Rinn, in: Gerhard Merz, 5 Bilder. Kunstforum Städtische Galerie im Lenbachhaus München 1978

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Stand: 5.11.2008