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Franz Mon
Makulatur – Nachruf auf die Holzbuchstaben
1994
Mappe mit 11 Blättern
Handpressendruck verschiedener Typen
auf verschiedenen Papierarten
erworben 2008
Zum Werk
Die Verbindung von Lesen und Sehen gehört zu den immer schon anwesenden,
jedoch nicht immer sehr bekannten Aspekten der Literaturgeschichte. Bereits
in der Antike gab es sie, die Texte, die durch die Anordnung ihrer Buchstaben
einen semantischen Mehrwert besaßen. In den Labyrinthgedichten schlängelte
sich die Textzeile wie ein Labyrinthgang über das Papier und hielt
damit diese Metapher neben der Botschaft des Textes präsent. In den
Figurengedichten bildete der Text in seiner Anordnung eine bestimmte Figur.
(...)
Die Philosophie hinter diesem Spiel mit der Form, hinter dieser Verschiebung
der Aufmerksamkeit hin zur Typographie ist, das Wort von seiner bloß
repräsentativen, bezeichnenden Funktion zu befreien. Während
in der Literatur die Physikalität der Sprache, ihr graphischer Aspekt
etwa, normalerweise keine Rolle spielt und sogar als Unterminierung der
Autorität des Textes abgelehnt wird, wird in diesem Fall die visuelle
Seite des Wortes als zusätzliche Bedeutungsebene genutzt. Das Wort
repräsentiert nicht nur ein Objekt, es präsentiert auf der visuellen
Ebene. (...)
Die Aufmerksamkeit auf die visuelle Materialität der Sprache erhielt
einen neuen Schub nach 1910, als Futuristen wie Marinetti oder Dadaisten
wie Tristan Tzara oder Kurt Schwitters ihre typographischen Experimente
durchführten. Diese Experimente auf der physischen Ebene der Sprache
fanden ihr Ende im Surrealismus, der Sprache nur auf der linguistischen
Ebene einsetzte. Das typographische Experiment wurde erneuert in den 50er
und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, nun unter dem Titel Konkrete Poesie.
Das verbindende Element dieser einzigen weltweiten Literaturbewegung nach
dem Zweiten Weltkrieg war, dass man die Texte nicht vorlesen konnte. In
der Mündlichkeit wäre ihr Design verloren gegangen, es handelt
sich um Sehtexte bzw., wie Franz Mon, einer der Hauptvertreter der Konkreten
Poesie, in einem Essay titelt, um „Poesie der Fläche".
(...)
Genau dies ist der Sinn des Begriffs Konkrete Poesie: Konkret ist das
Anschauliche, im Gegensatz zur Abstraktion des Begriffs. Die Konkrete
Poesie handelt von der Beziehung zwischen sichtbarer Form und gedanklicher
Substanz des Begriffs, sie ist visuell, nicht weil sie Bilder einsetzt,
sondern weil sie die optische Gestik der Wörter ihrer phonetischen
und semantischen als Ergänzung, Erweiterung oder Negation hinzufügt.
Die Intermedialität besteht nicht im Medienwechsel, sondern im Wechsel
der medientypischen Rezeptionshandlung, in diesem Fall aus dem für
die Literatur typischen semiotischen System des Lesens in das für
die bildende Kunst typische System des Betrachtens.
zitiert nach Roberto Simanowski, in: Digitalität und Literalität.
Zur Zukunft der Literatur im Netzzeitalter. Hg. von Harro Segeberg und
Simone Winko. München: Fink, 2005
In der konkreten Poesie sind – wenn auch in Grenzen – Schrift
und Lautform eines Textes konvertibel, das heißt, ein Text kann
gelesen und gesprochen werden, da sein Material verbaler Natur ist. Auf
dem Weg in die extremen Textverfassungen geht diese Konvertibilität
verloren: Die Texte sind nur noch visuell oder nur noch akustisch wahrnehmbar.
Es erscheinen visuelle oder phonetische Texte, die sich nicht mehr ineinander
überführen lassen. Sie bezeichnen die Grenzpositionen der konkreten
Poesie, wo die intermedialen Zonen zur Musik oder zur bildenden Kunst
oder zur Architektur beginnen.
Franz Mon
„Für Franz Mon ist die Sprache ein offenes Gelände für
künstlerische Grenzüberschreitungen in alle Richtungen. Sein
Werk ist eines der konsequentesten, weiträumigsten und auf untergründige
Weise bis heute einflussreichsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur.
Die Poetologie von Franz Mon lässt Wörter aus Wörtern entspringen
und bringt wirklich alle Elemente der Sprache ins Spiel, jede flüchtige
Artikulation, jede winzige Schriftspur, jede verdeckte Bedeutungsnuance.
Dabei nimmt Mons Poetik die Sprache so ernst wie kaum eine andere: ‚Das
Realitätsschlamassel ist auch ein Sprachschlamassel.’ “
Klaus Ramm
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Stand: 5.11.2008 |
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