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François Morellet
recto – verso
1972
Kassette mit acht Siebdrucken auf Offset extra-blanc
jeweils beidseitig signiert
jeweils 60 x 60 cm
Exemplar Nr. 43/100
Herausgeber: éditions média, Neuchâtel (Schweiz)
erworben 1982, Inv.-Nr. 1001034
Zum Werk
Obwohl François Morellet sich schon sehr früh von der figurativen
Malerei abgewandt hat, kann er ein großes Spektrum künstlerischer
Arbeitsformen vorweisen. Er begann im Bereich der kinetischen Kunst in
den 50er Jahren, fertigte also zunächst bewegte Objekte, und setzte
seine geometrischen Elemente später auch in Installationen ein, die
sich auf den Raum oder auch im Freien auf die Architektur beziehen. Charakteristisch
für seine Kunst sind die Basis einer strengen Systematik und die
Vielfalt der Variationen. Diese Systematik lässt sich auch in der
Graphikserie „recto–verso“ erkennen, die aus acht quadratischen
Blättern besteht. Morellet beschränkt sich hier auf Schwarz
und Weiß sowie die Lineatur des Bleistifts. Wie der Titel schon
verrät, nutzt er jeweils Vorder- und Rückseite eines Blattes,
doch kann nicht eindeutig ausgemacht werden, was Vorder- und was Rückseite
ist, da beide Seiten signiert sind.
Die erste Graphik zeigt auf der einen Seite zwei breite schwarze Linien,
die sich in der Mitte kreuzen und so das Blatt teilen. So entsteht je
nach Betrachtungsweise ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund oder
man erkennt vier weiße Quadrate auf schwarzem Grund. Auf der anderen
Seite können die Außenkanten der schwarzen Linien verfolgt
werden, die sich in der Mitte kreuzen und dort ein Quadrat ausbilden.
Hier verwendet Morellet Bleistift.
In der Entwicklung der Serie werden auf der schwarz-weißen Seite
die weißen Quadrate immer kleiner und zugleich immer mehr, da weitere
schwarze Linien hinzutreten und dabei immer enger nebeneinander zu liegen
kommen. Im Gegensinn gesehen, breitet sich der schwarze Grund zunehmend
aus, bis er in der letzten der acht Graphiken das gesamte Blatt beansprucht,
so dass kein weißes Quadrat mehr zu sehen ist. Die Struktur der
weißen Quadrate zwischen breiten schwarzen Linien verdichtet sich
also von Blatt zu Blatt.
Der imaginäre Prozess kann auch auf der anderen (Bleistift-)Seite
mitverfolgt werden, wo schon bei der ersten Graphik das Quadrat, das sich
in der Mitte beim Überschneiden der nachgezeichneten Kanten ausbildet,
angibt, welche Flächen auf der anderen Seite schwarz sind. Es ist
auch in den folgenden Blättern das Modul zur Markierung der Flächen,
die auf der anderen Seite schwarz sind.
Die übrigen Quadrate und Rechtecke, die sich aus den überschneidenden
Kanten ergeben, variieren in Größe und Proportion. In einem
dieser mit Bleistift gezeichneten Raster ergibt sich, wegen der gleichen
Breite von Linien und Quadraten auf der anderen Seite, eine gleichmäßig
Quadrierung, 15 x 15 Quadrate. Es erweckt den Eindruck eines karierten
Blockes und wird dergestalt im letzten Blatt, auf der Rückseite der
vollkommen schwarzen Seite, logischerweise noch einmal wiederholt.
Die Serie der acht Graphiken ist nach Ende von Morellets Mitgliedschaft
in der Künstlergruppe GRAV (Groupe de recherche d’art visuel,
1960–68) entstanden. Wie seine Künstlerfreunde hat auch er
versucht, mit einem Minimum an formaler Gestaltung eine größtmögliche
Irritation der optischen Wahrnehmung auszulösen – um den Betrachter
die Augen zu öffnen und sein Sehen zu schärfen.
aus: 100 Meisterwerke zeitgenössischer Druckgraphik aus der Sammlung
der Städtischen Galerie Erlangen, Berlin 2007
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Stand: 5.11.2008 |
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