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Face Code 2096


Face Code 2110


Face Code 2138

 

 

Andreas Müller-Pohle

Face Codes
(2096/2110/2138)

1998/1999
drei aus einer Serie von zehn Iris-Giclée Prints
jeweils 80 x 60 cm
Exemplar Nr. 4/8
Druck: Artificial Image, Berlin
erworben 2007

Zum Werk
„Face Codes“ nennt der Fotograf und Medienkünstler Andreas Müller-Pohle seine zehnteilige Bilderserie aus Porträts von Japanerinnen und Japanern aus Tokyo und Kyoto, die 1998–1999 entstanden ist. Die drei hier beschriebenen Arbeiten wurden 1998 in Kyoto aufgenommen.
Zu sehen sind formatfüllende Gesichter junger Menschen. Sie sind frontal, in zurückhaltenden weichen Farben wiedergegeben, die Augen auf einen unbestimmten Punkt nach vorne gerichtet, ohne Kontakt zum Betrachter. Auf jedem Foto verläuft parallel zum unteren Bildrand, in Kinnhöhe der Gesichter, eine Textzeile aus Kanji-Zeichen (japanische Schriftzeichen). In ihrer Farbigkeit korrespondiert sie mit der Farbe der Lippen, verdichtet zu einem reinen Magenta. Die Gesichter sind partiell unscharf dargestellt, ihre Plastizität erscheint mit Ausnahme der Augen und Haare reduziert.
Es handelt sich hier nicht um Fotografien im üblichen Sinn, sondern um Bilder von digitalen Videos, die Müller-Pohle in einem studioähnlichen Setting auf der Straße von Passanten anfertigte. Ausgewählt wurde jeweils ein Einzelbild (Frame), das er anschließend – mit Ausnahme der Augen und Haare – digital glättete, was die Gesichter weicher, flacher und schematischer erscheinen lässt. Die typisierende Angleichung der Porträts geschieht aber auch durch die einheitliche Ausrichtung der Frames, so dass Gesicht, Augen, Mund und Kinn exakt die gleiche Position im Bild einnehmen. Durch die Vereinheitlichung verlieren die Personen einen Teil ihrer Individualität, sie scheinen sich zu ähneln.
Es entstehen Bilder von Menschen, die das Ergebnis eines Übersetzungsprozesses von Zeitlichkeit in Zeitlosigkeit sind. Die Porträts sind ein Hinweis auf die Fotografie an der Schwelle von ihrer analogen Anmutung zu ihrer neuen digitalen Daseinsform. Bei den „Face Codes“ stellt Müller-Pohle die Frage nach der Rolle der hinter den digitalen Bildern verborgenen Codes: unsichtbare Zeichenketten und Programme, die unsere Wahrnehmung längst zu normieren begonnen haben. Die Kanji-Zeichen sind entstanden durch die Transformation des Bildes in seinen digitalen (alphanumerischen) ASCII-Code. Ein acht Doppelbyte großer Ausschnitt daraus wurde stellvertretend für den Gesamtcode mittels eines Übersetzungsprogramms von westlichen in japanische Schriftzeichen übertragen. „Es handelt sich um den genetischen Code des Bildes, um sein unlesbares Metonym; es ist das Bild geklont als Text.“
Während Müller-Pohle in seiner Arbeit „Digitale Partituren“ von 1995–1998 das älteste erhaltene Foto (Nicéphore Nièpce, 1826) als reinen digitalen Code darstellte, den nur ein Computer lesen und wieder zum Bild rückbilden kann, geht er hier einen Schritt weiter. Er vereint analoge und digitale Bildinformationen auf einer Ebene. Das Abbild wird der Zeit und der Wirklichkeit entrückt, die zunehmend von geheimnisvollen digitalen Zeichen beherrscht wird. Der Computer muss sie erst entschlüsseln, der Mensch gibt sein ureigenstes Instrument der Wahrnehmung ein Stück weit auf und kann zum Opfer der manipulierten Bilder werden. Es entstehen Bilder, die keine Abbilder mehr sind.
„Andreas Müller-Pohle hat Bild und Theorie nie trennen wollen, er begreift Kunst als selbstverständliche Möglichkeit der Kulturphilosophie und gestaltet seine Bilder als ästhetische, visuelle Diskurse, als starke und präzise Hypothesen. Nicht in Manifesten und programmatischen Aufrufen, sondern in Fotografien und Videos macht er die zentralen Überlegungen zur Funktion visueller Kommunikation anschaulich. So entstehen Bilder vom Nachdenken über Bilder, voll von Eleganz und intellektueller Ehrlichkeit, wie es Vilém Flusser formuliert hat.“

aus: 100 Meisterwerke zeitgenössischer Druckgraphik aus der Sammlung der Städtischen Galerie Erlangen, Berlin 2007

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Stand: 5.11.2008