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Thomas Ruff
Nachtphotos
1993
5 signierte Drucke auf Glanzkarton
Granolithographien
Exemplar 30 von 35
71,0 x 74,0 cm
erworben 1997
Zum Werk
Versuchsanordnungen über Photographie. Die
Nachtbilder und Stereoaufnahmen
von Thomas Ruff
„Die technische Seite der Photographie übt eine große
Faszination auf Thomas Ruff aus. Anders als etwa Thomas Struth oder Axel
Hütte begnügt er sich mittlerweile nur noch selten mit der Plattenkamera,
sondern bezieht sowohl antiquierte Apparaturen als auch Tüftler-
und Spezialkameras und neuerdings auch Bilder aus dem Internet in seine
Arbeit ein. Entsprechend häufig steht, wie bei den Nachtbildern von
1992 bis 1995 und den Stereophotographien aus den Jahren 1994 bis 1996,
die Wahl einer bestimmten Technik oder Einsatzform der Photographie am
Beginn einer neuen Werkgruppe. Dieses Vorgehen gerät jedoch nicht
zu einem beliebigen Experimentieren mit technischen Möglichkeiten,
weil es Ruff gerade über den Umweg der Gebrauchsformen gelingt, die
Photographie zu einer Reflexion über ihren eigenen medialen Status
einzusetzen.
Die Nachtbilder entstanden mit Hilfe einer Kombination von Kamera und
Nachtsichtgerät, das das Sehen bei starker Dunkelheit mittels Multiplikation
der für das menschliche Auge unzureichenden Restlichtelektronen ermöglicht.
Wenn Ruff dieses mit dem Einsatz im Golfkrieg bekannt gewordene Sehinstrument
verwendet, sind in der Erinnerung an die in der Berichterstattung gezeigten
grünen Bilder zugleich der militärische Kontext, das konkrete
zeitgeschichtliche Ereignis und die besonders diesem Krieg eigene mediale
Dimension aufgerufen. Mit den identischen Bildern am Computerbildschirm
der militärischen Entscheidungsträger und auf dem häuslichen
TV-Gerät fällt das Faktische mit der medialen Vermittlung zusammen:
Der Zuschauer sieht sich dem in der Darstellung vollzogenen Geschehen
selbst gegenüber und wird zum Voyeur. Indes zeigt Ruff keine Bilder
aus dem Golfkrieg selbst, sondern löst vordergründig die Technik
aus diesem Kontext, indem er das Nachtsichtgerät in der heimischen
Stadtszenerie anwendet. Doch bei diesem Transfer wirkt der ursprüngliche
Verwendungszusammenhang über die kontaminierte Technik in der neutralen
Umgebung latent fort. So erweist sich das Medium als Vehikel der Bedeutung.
Die Arbeiten von Thomas Ruff werden in mehrfacher Hinsicht zu Metaphotographien.
In den Nachtbildern gelingt es der Photographie, für die es ‚keine
Alternative zur Abbildung’ gibt, sich dennoch von der Aufzeichnung
des visuell Wahrnehmbaren zu lösen. Damit liegt sie jenseits des
Gegenstandbereichs des eigentlich photographisch Faßbaren ebenso
wie des natürlichen Sehens. Die Stereoskopie ihrerseits schafft nicht
nur die Angleichung der Darstellung an das räumliche Sehen, sondern
darüber hinaus ebenfalls eine eigene, künstliche Wahrnehmung.
Der Bildbegriff erfährt eine gesteigerte Fiktionalisierung, da der
Betrachter aus zwei Repräsentationen quasi eine potenzierte Repräsentation
generiert, ‚ein Trugbild’ ohne materielles Äquivalent.
Wenn Ruff mit Nachtsichtgerät und Stereoskopie neue Krücken
der Abbildung hinzuschaltet, ist dies auf die Photographie selbst und
ihre technische Prozeßhaftigkeit mit der bilddeterminierenden Konsequenz
rückzubeziehen, da er nur die Zahl der Determinanten erhöht.
Um der Mystifikation der Authentizität und Analogie zu entkommen,
greift er selbst zu überlegten Manipulationen zur Kompensation derjenigen,
die dem Apparat inhärent sind. Wegen dieses gemeinhin der Photographie
unterstellten Vermögens, eine der Wirklichkeit analoge Erfahrung
vermitteln zu können, wird sie in vielerlei Verwendungszusammmenhängen
instrumentalisiert. Der Zwang, dem die Photographie unterliegt, resultiert
weniger aus dem Medium als aus den auf ihm lastenden Gebrauchsformen und
Diskursen. Die primäre Entscheidung für diverse Techniken hat
also nicht nur einen experimentell-manipulativen Reiz, sondern thematisiert
vor allem die Eingebundenheit der Photographie in Nutzungskontexte.
Die in solchen Kontexten etablierten Erwartungen an das Medium realisiert
Ruff lediglich partiell, um durch gleichzeitige Affirmation und Negation
die Klischees auf sich selbst hinweisen zu lassen. Auf diese Art können
seine Photographien, gerade weil sie ihre Techniken aus massenmedialen
Diskursen entlehnen, sich einer Befragung ihrer Funktionalisierung stellen.
Der erzeugte Charakter ist nicht allein technisch durch die ins Bild gesetzten
Sichtgeräte, sondern auch an den Versatzstücken verschiedener
Motivgebiete und Genres ablesbar. Indem Ruff letztere in seinen Serien
jeweils aushöhlt, postuliert er „die Rolle des photographischen
Kontextes bei der Bildung von photographischer Bedeutung.’"
Auszüge aus dem Katalogbeitrag von Annette
Urban, in: Ansicht Aussicht Einsicht. Andreas Gursky, Candida Höfer,
Axel Hütte, Thomas Ruff, Thomas Struth. Architekturphotographie.
Herausgegeben von Monika Steinhauser in Zusammenarbeit mit Ludger Derenthal,
Kunstgeschichtliches Institut der Ruhr-Universität Bochum, anlässlich
der Ausstellung im Museum Bochum (29.1.–12.3.2000) und in der Galerie
für zeitgenössische Kunst Leipzig (2.4.–28.5.2000) mit
Unterstützung des Kunstfonds Bonn e.V. und des Vereins „Situation
Kunst – Haus Weitmar“, 2000
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Stand: 5.11.2008 |
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