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Jacqueline Salmon
Lagerschuppen, Alexandria / Najib Machfus,
Schriftsteller, Kairo
Diptychon
1993
Exemplar Nr. 1 von 5, rückseitig signiert und nummeriert
Der Wunsch, diese Portraits zu machen, entstand nach dem
Tod von John Cage im Herbst 1992, kurz nachdem auch Satyajit Ray gestorben
war. Mir wurde klar, dass die künstlerischen Werke, die in meinem
Leben einen festen Platz hatten, von Menschen geschaffen worden waren
und dass diese Menschen zerbrechlich waren, dass sie verschwinden konnten.
Ich dachte, dass ich sie treffen, den Mut aufbringen müsste, mich
der Realität ihrer Präsenz und ihrer Stimmung stellen, dass
ich riskieren und akzeptieren müsste, eine Unbekannte zu sein, die
um ein Treffen bittet ... Die Fotografie bot mir diese Chance: mich mit
einem Unbekannten zu treffen und sein Gesicht aufmerksam und lange zu
betrachten. Ich fing an mir vorzustellen, dass das Projekt darin bestehen
könnte. Die Vorbereitung, die Reise, das Tagebuch, das Treffen, das
Foto. So wie die Serie heute ist, war sie als Bewerbung um den externen
Preis der Villa Medici gedacht. Ich hatte beschlossen, mein letztes, ehrgeizigstes
Projekt einzureichen, das, dessen Realisierung nahezu unmöglich erschien.
Ich habe angefangen, über eine Liste von Autoren, Plastikern, sehr
engen Freunden nachzudenken, die alle für mein Leben, für meine
Arbeit bestimmend waren. (...)
Die Idee, Portrait und Architektur zu verknüpfen, nahm
ganz langsam Gestalt an. Ohne dass es mir bewusst wurde, entwickelte sie
sich aus der Aufeinanderfolge verschiedener Projekte.
Eines Tages, als ich in Paris bei meiner Freundin Barbara Loyeri war und
nichts mehr zu lesen hatte, stieß ich in ihrer Bibliothek auf „La
Poétique de l'espace“. Ich erinnerte mich daran als an ein
wichtiges Buch, hatte es jedoch vergessen. Gaston Bachelard spricht darin
von dem geheimen Ort, den jeder in sich trägt, dem Speicher der Kindheit,
Ort der ersten Einsamkeit, einem realen oder imaginären Raum ...
So kam mir die Idee, diese inneren Räume, diese Orte des Unbewussten,
darzustellen. (...)
Jacqueline Salmon
Die Fotografin Jacqueline Salmon, die in Paris und Lyon
lebt und arbeitet, ist bekannt geworden durch ihre fotografischen Porträts
verlassener Orte.
Doch nicht Architektur oder Landschaften stehen im Zentrum ihrer Aufnahmen,
sondern Bilder, die für den Betrachter zu Metaphern der Abwesenheit
und zum Imaginationsraum werden können. Für Jacqueline Salmon
sind Architekturräume Orte verdichteter Zeit, in der sich die reale
Geschichte des Ortes mit der Imagination des Betrachters überlagert.
Ihre Arbeiten realisiert Jacqueline Salmon in der Regel als Werkgruppen
in einer intensiven Beschäftigung mit Thema und Objekt über
eine längere Zeit hinweg. Die Werkreihe „entre centre et absence“
(„Zwischen Zentrum und Abwesenheit“) verbindet Porträts
von Künstlern, Schriftstellern und Denkern mit Porträts von
Orten, so dass sich ein Ort für den Betrachter in einen Ort des geistigen
Werkes verwandelt. Es entspinnen sich „Wahlverwandtschaften“
zwischen Gesichtern und Orten.
Zu den Porträtierten gehören u.a. Claude Lévi-Strauss,
Pina Bausch, Jacques Derrida, Gerhard Richter, Merce Cunningham, Robert
Wilson, Jochen Gerz, Sarkis, Nagib Machfus und viele andere. Die meist
in Form von Diptychen präsentierten Schwarzweißfotografien
stehen für die Geschichte der Kunst und der Ideen unserer Zeit. Als
Ganzes gesehen sind die Diptychen dieser Reihe der Versuch einer Künstlerin,
auf das Echo dieser Ideen in der eigenen Identität zu achten, letztlich
ein Selbstporträt, das die Frage nach dem Selbstporträt des
Betrachters stellt.
Biografie
Geboren 1943 in Lyon. Lebt in Paris und auf dem Land im Beaujolais. Von
1953 bis 1966 studierte Jacqueline Salmon an der Sorbonne Geschichte,
Literatur und Philosophie. Ebenso studierte sie Architektur und Kunst
an der Académie Charpentier, an der ENSAD (Ecole Nationale Supérieure
des Arts Décoratifs), danach an der ENSAA (Ecole Nationale Supérieure
des Arts Appliqués). Während ihres Studiums arbeitete sie
als Tanzlehrerin. Erst 1979 konzentrierte sie sich ganz auf die Fotografie.
Seit 1981 basieren ihre Arbeiten auf der Reflexion der Beziehung zwischen
Philosophie, Kunstgeschichte und Architektur. 1984 gehörte sie zu
den Fotografen, die mit der Dokumentation des Nationalen Kulturerbes beauftragt
wurden (Auftrag der „Mission du Patrimoine Photographique“).
Ihre Arbeit über Le Corbusier wurde im Palais de Tokyo, Paris, zum
100. Geburtstag des Architekten ausgestellt.
1987 gründete sie mit Jean-Jacques Romagnoli die Vereinigung „Photographie
d'auteur“ (Autorenfotografie), für die sie als Kuratorin arbeitete.
Sie war u. a. Kuratorin von „Antagonisme, 30 Jahre Fotografie in
Österreich“, die 1996 im Centre National de la Photographie
in Paris gezeigt wurde. 1993 erhielt sie den Preis „hors-les-murs“
der Villa Medici für das Projekt „Entre centre et absence“,
von dem sie einen ersten Teil 1996 in der Galerie Michèle Chomette
in Paris ausstellte. 1994 war sie Gast des Banff Center for the Arts in
Alberta, Kanada.
Bibliografie (Auswahl)
Weimar. Michel Tournier (Demi-Cercle / Ministerium für Kultur/ D
A I, coll. Capitales oubliées, Paris, 1995
Entre centre et absence. Bernd Schulz, Christine Buci-Glucksmann, Gespräch
mit Jean-Christian Fleury (Marval, Paris, 2000, deutsche Ausgabe: Kehrer,
Heidelberg, 2000) in Verbindung mit der Ausstellung in der Städtischen
Galerie Erlangen 2000
Stand: 6.10.2005
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