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Bernard Schultze

Hommage à Lautréamont

1963
Mappe mit 8 Radierungen
Exemplar Nr. 42 von 50 signierten und nummerierten Exemplaren
einer einmaligen Auflage
Fertigung der Kupferplatten: Lapanage, Paris
Druck: Kupferdruckerei A.W. Schulgen, Düsseldorf
Größe: 30 x 23,5 cm
Erworben 2001

Dieser Zyklus entstand Juni 1963 nach einem Aufenthalt in Paris.
Die Textstelle aus Lautréamonts „Gesänge des Maldoror“ befindet sich auf den Seiten 161 bis 164 der ersten deutschsprachigen Fassung des Gesamtwerkes, die von Ré Soupault 1954 im Wolfgang Rothe Verlag, Heidelberg, veröffentlicht wurde.

Mappentext in deutscher Übersetzung
Zwei Pfeiler, die für Affenbrotbäume zu halten, nicht schwierig und noch weniger unmöglich wäre, zeigten sich, größer als zwei Stecknadeln, im Tale. Es waren tatsächlich zwei ungeheure Türme. Und obgleich zwei Affenbrotbäume auf den ersten Blick nicht zwei Stecknadeln, nicht einmal zwei Türmen gleichen, so kann man doch, wenn man die Kniffe der Vorsicht geschickt handhabt, ohne Furcht, unrecht zu haben, behaupten (denn wenn diese Behauptung auch nur ein winziges Tüpfelchen Furcht enthielte, dann wäre es keine Behauptung mehr; obgleich derselbe Name zwei Phänomene der Seele bezeichnet, die zu abweichende Merkmale aufweisen, als daß sie leichtfertigerweise verwechselt werden könnten), ein Affenbrotbaum unterscheide sich nicht in solchem Maße von einem Pfeiler, daß der Vergleich zwischen diesen architektonischen ... oder geometrischen ... oder dem einen und dem anderen... oder weder dem einen noch dem anderen ... oder vielmehr zwischen diesen hohen und massiven Gebilden verboten sein könnte. Soeben habe ich, ich maße mir nicht an, das Gegenteil zu behaupten, die den Substantiven Pfeiler und Affenbrotbaum entsprechenden Epitheta gefunden; wisset wohl, es geschieht nicht ohne eine mit Stolz gemischte Freude, daß ich dies jenen gegenüber erwähne, die, nachdem sie ihre Augenlider aufgeschlagen haben, den sehr lobenswerten Entschluß faßten, diese Seite bei brennender Kerze, wenn es Nacht ist, beim Schein der Sonne, wenn es Tag ist, zu lesen. Und weiter, selbst wenn eine höhere Macht uns in Ausdrücken schärfster Klarheit befehlen würde, den gescheiten Vergleich, den gewiß jedermann ungestraft genossen hat, in die Schlünde des Chaos zurückzuwerfen, selbst dann, und ganz besonders dann, möge man dieses Hauptaxiom nicht aus den Augen verlieren, daß die Gewohnheiten, die man durch die Jahre, durch Bücher, durch Berührung mit seinesgleichen angenommen hat und der jedem innewohnende Charakter, der sich schnell zur Blüte entfaltet, dem menschlichen Geist das nicht wiedergutzumachende Stigma des Rückfalls durch die verbrecherische Anwendung (verbrecherisch in dem Sinne gemeint, daß man sich augenblicklich und spontan auf den Standpunkt der höheren Gewalt stellt) einer rhetorischen Figur aufzwingen würde, die von manch einem verachtet, aber von vielen beweihräuchert wird. Wenn der Leser diesen Satz zu lang findet, dann bitte ich ihn, mir zu verzeihen; Gesinnungslumperei aber darf er nicht von mir erwarten. Ich kann meine Schuld eingestehen; nicht aber sie durch Feigheit noch verschlimmern. Meine Vernunftschlüsse stoßen zuweilen an die Schellen des Wahnsinns und an den ernsthaften Anschein dessen, was im Grunde nur komisch ist (obwohl es nach der Meinung gewisser Philosophen ziemlich schwierig ist, den Narren vom Melancholiker zu unterscheiden, da das Leben selbst ein komisches Drama oder eine dramatische Komödie ist); indessen ist es jedermann gestattet, Fliegen oder sogar Nashörner zu töten, um sich von Zeit zu Zeit von einer zu halsbrecherischen Arbeit zu erholen. Hier die schnellste Art, Fliegen zu töten, wenn es auch nicht die beste ist: man zerdrückt sie zwischen den beiden ersten Fingern der Hand. Die meisten Schriftsteller, die dieses Thema gründlich behandelt haben, berechneten mit großer Wahrscheinlichkeit, daß es in manchen Fällen vorzuziehen sei, ihnen den Kopf abzuschneiden. Wenn mir jemand vorwirft, von Stecknadeln zu sprechen, als wäre es ein ganz und gar leichtfertiges Thema, dann muß er, wenn er unparteiisch ist, zugeben, daß die größten Wirkungen oft aus den kleinsten Ursachen entstanden sind. Und um mich nicht weiter aus dem Rahmen dieses Blattes Papier zu entfernen, sieht man denn nicht, daß das mühselige Stückchen Literatur, das ich seit Beginn dieser Strophe ausarbeite, vielleicht weniger gefallen würde, wenn es auf eine kitzlige Frage der Chemie oder der inneren Pathologie Bezug nähme? Übrigens gibt es jeden Geschmack in der Natur; und als ich zu Beginn die Pfähle so scharfblickend mit Stecknadeln verglich (gewiß, ich glaubte nicht, daß man es mir eines Tages vorwerfen würde), stützte ich mich auf die Gesetze der Optik, denen zufolge es feststeht, daß, je weiter der Sehradius von einem Gegen-stand entfernt ist, sich das Bild um so kleiner auf der Netzhaut des Auges widerspiegelt.

Biografie
Geboren 1915 in Schneidemühl/Westpreußen, gestorben 2005 in Köln. 1934–39 Besuch der Hochschule für Kunsterziehung in Berlin und der Kunstakademie in Düsseldorf. 1939–45 Kriegsdienst in Russland und Afrika. 1945 beim Angriff auf Berlin verbrennen alle bis dahin entstandenen Arbeiten. Im gleichen Jahr beginnt Schultze erste surrealistische Werke. 1947–68 in Frankfurt a. M. 1951 erste tachistische Bilder.1952 Gründungsmitglied der Gruppe Quadriga.1955 Heirat mit der Malerin Ursula Bluhm. 1968 Übersiedlung in die Stadt Köln, deren Kunstpreis er ein Jahr später erhält. 1986 Lovis-Corinth-Preis. 1972 wird er zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste in Berlin gewählt. 1981 erhält er eine Titularprofessur des Landes Nordrhein-Westfalen, und 1984 wird ihm der große Hessische Kulturpreis verliehen. Außerdem wird er im selben Jahr Mitglied der Freien Akademie Mannheim. 1992 tritt der als Vertreter des deutschen Informel geltende Künstler aus der Akademie der Künste in Berlin wieder aus.
Mit seiner gestisch-expressiven Malerei hat sich Schultze in den 50er Jahren einen ganz eigenen Stil im Feld von Tachismus, Lyrischer Abstraktion und Action Painting erarbeitet, wobei vor allem die
Malerei von Riopelle und Lanskoy anregend wirkten. Seine Bilder, wuchernde Landschaften mit reliefartigen Überlagerungen der Farbschichten, scheinen eine Fülle von narrativen Möglichkeiten in sich zu bergen. Tatsächlich emanzipierten sich im Laufe der 50er und 60er Jahre die Formen, Farbkörper eroberten den Raum, wurden zu selbständigen Skulpturen und großen Installationen (ab 1961 drei-dimensionale, wuchernde Collageplastiken: "Migof-Konstruktionen" und „Zungen Collagen“). In den 80er Jahren expandierten die Bilder zu riesigen Querformaten. Die vorher fein nuancierte, gebrochene Farbigkeit brach zu strahlenden Klängen auf; die abstrakt-surrealistische Formenwelt implodierte zu lichten, barock anmutenden Räumen. Das Sich-treiben-Lassen wird zu einem Grundprinzip für Schultzes Malerei. Brétons programmatischer Satz vom Diktat des Unbewussten und die im Surrealismus kaum eingelöste „écriture auto-matique“ bestimmen fortan seine Arbeit. Nicht das Kalkulierte, Vorbedachte soll zum Bild gerinnen, sondern der spontane Strich und seine sich daraus ableitenden vielfältigen Assoziationen. Der Automatismus, das heißt Ausschalten des Gesetzes zu Gunsten des Zufalls, soll ein neues, noch von keiner Eingrenzung definiertes Bildfeld freilegen. Doch die Entscheidung für den Zufall bedeutet nicht, sich dem Beliebigen zu überantworten.

Bibliografie / Ausstellungen (Auswahl)
Romain, L., Wedewer, R.: Bernard Schultze, München 1991
Roters, E., Schneegans, C. (Hg.): Bernard Schultze. Im Labyrinth. Werke von 1947–1990, Ausstellungskatalog, Gemäldegalerie Dresden 1991
Weis, E. (Hg.): Bernard Schultze. Das große Format. Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt, Ausstellungskatalog, Museum Ludwig Köln, München 1994
Melcher, R. (Hg.): „Bernard Schultze – Werke aus der Sammlung Rugo und aus dem Atelier des Künstlers“, Katalog, Saarland Museum, Saarbrücken 2005

Einzelausstellungen
Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden 1961/74 (Katalog)
Städtisches Museum, Leverkusen 1966 (Katalog)
Kunsthalle Hamburg 1980 (Katalog)
Städtische Kunsthalle, Düsseldorf 1980 (Katalog)
Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken 1981
Rheinisches Landesmuseum, Bonn 1984
Kunsthalle Nürnberg 1984
Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen 2004

Gruppenausstellungen
documenta 2/3/6, Kassel 1959/64/77

Stand: 8.10.2005

 
           
 
Ausstellungen der Städtischen Sammlung Erlangen:
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