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Curt Stenvert
Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen
Künstlerzitat
„Große Kunst hatte immer Sinn: Ich werde hier an den Spruch
erinnert: ‚Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und
Gott war das Wort.’ Wort ist Sinn. Sinn ist Wort. Wort ist Geist.
Sinn ist Geist. Der Sinn hat also in meiner Kunst Vorrang. Nicht die künstlerische
Technik. Nicht das zu verarbeitende Material.“
Curt Stevert 1989
Zum Werk
Curt Stenvert ist einer der wichtigen österreichischen Künstler
der Gegenwart und einer der eigenwilligsten und experimentierfreudigsten
seiner Generation. Nach einem Studium der bildenden Kunst sowie der Film-
und Theaterwissenschaft brillierte er zunächst in den fünfziger
und frühen sechziger Jahren als Filmemacher unter dem Namen Kurt
Steinwendner. Stenvert drehte unter dem Titel „Der Rabe“ den
ersten österreichischen Avantgardefilm nach dem Krieg. Neben einigen
Spielfilmen, darunter 1952 der vielgerühmte Film „Wienerinnen
– Schrei nach Liebe“, entstanden weithin beachtete Porträts
über Alfred Kubin und Franz Schubert. Für seinen Experimentalfilm
„Venedig" wurde er 1962 in Berlin mit dem Silbernen Bären
ausgezeichnet. Die filmische Dokumentation über sein eigenes Schaffen
nannte er „Vorstoß ins Niemandsland". Zu Wort kommen
hier u.a. Arnulf Rainer, H.C. Artmann und Wieland Schmied.
Auch dem damals grassierenden Kitsch des sogenannten Heimatfilms setzte
Stenvert mit seinem Film „Wienerinnen“ Widerstand entgegen.
Statt Illusionen und Sentimentalität gab er hier eine neue Art des
filmischen Blicks, eine gewandelte Sicht auf die Wirklichkeit.
Über das Filmrequisit, dessen autonome künstlerische Ausdruckswerte
ihm bewusst wurden, fand Stenvert in den sechziger Jahren seinen Weg zum
Objektkünstler. Die verschiedenen Alltagsgegenstände, die er
zu künstlerischen Objekten kombinierte, können als „Bedeutungs-Akkumulationen“
betrachtet werden. Im Laufe der Zeit entstanden ganze Objektreihen, darunter
die „Menschlichen Situationen", die „Parallelsituationen"
und die „Menschlichen Zwangssituationen". Meist stellen die
Objekt-Inszenierungen Metaphern dar. Deshalb sind die manchmal sehr poetischen
Titel für die Entschlüsselung unbedingt notwendig. Auf der Biennale
in Venedig 1966 vertrat er mit diesen Arbeiten sein Land. Ausstellungen
in den großen Kunstzentren in ganz Europa folgten.
Die Objekt-Kunst und mit ihr die Objektkästen hatten in der Kunst
der sechziger Jahre in Reminiszenz an Dada und den Surrealismus Konjunktur.
Was Stenvert dabei von seinen Künstler-Kollegen unterschied, war
das vom Film herrührende szenische Element und die nahezu „wissenschaftliche"
Systematik, mit der er seine Ideen und seine Weltanschauung zur Sprache
brachte. Dabei folgte Stenvert weder der Poetik des Zufalls und der Schönheit
des Wunderbaren, die der Surrealismus für sich proklamiert hatte,
noch der Ästhetik der Warenwelt der Pop Art. So wurden seine Objektkästen
zu Bestandteilen einer persönlich geprägten „condition
humaine", wobei ihm bisweilen Aussagen gelangen, „die in ihrer
formalen Evidenz an Objekte der Zwanziger Jahre erinnern", wie es
Willy Rotzler in seiner umfassenden Übersicht über die Objektkunst
formulierte.
Auf dem Höhepunkt dieses Erfolges wandte sich Stenvert jedoch wieder
der Malerei zu. Darauf reagierte die Kunstszene zunächst mit Unverständnis.
Ausgehend von Futurismus, Konstruktivismus und Kubismus verfolgte er ab
1971 zielsicher und ohne Kompromisse die Formulierung und Findung einer
„Funktionellen Kunst des 21. Jahrhunderts" und die Manifestierung
einer „bio-kybernetischen Malerei". Dabei dachte er auch, vielleicht
ohne sich dessen bewusst zu sein, bildnerische Möglichkeiten der
heutigen digitalen Medien vorweg, wenn auch in der „analogen"
Sprache der Malerei.
Die „Raum-Perspektive" der Renaissance, so sah er es, sei durch
Impressionismus, Kubismus und Tachismus abgelöst worden. Lucio Fontana
habe das Bild mit Stichen und Schnitten „ermordet". Für
Stenvert war aber nicht das Tafelbild „tot", sondern nur die
Raumperspektive. Daher, so formulierte er, brauche unser „dynamisches
Zeitalter" eine neue, die „Prozess-Perspektive", die beispielsweise
auch Ursachen und Wirkungen von Lebensprozessen darstelle. Zum Instrumentarium
seiner bio-kybernetischen Malerei gehörten: Psychogramme, Sichtbarmachung
unsichtbarer Antriebe wie Gefühle und Vorstellungen und die Sichtbarmachung
äußerer Antriebe wie atmosphärische Erscheinungen (Regen
oder Sturm).
Stenvert wollte die „positive Macht des Bildes" zur „Existenzerhellung
über das Auge" nutzen, wie dies seit den Anfängen der Kunst
deren gesellschaftliche Funktion gewesen sei. „Schönheit"
verstand er nur als wichtigen und nützlichen „Wirkungsfaktor".
Mit seiner bio-kybernetischen Malerei kam Stenvert bewusst aus der Tradition
und dem Geist der Romantik. Die Inhalte seiner Bilder jedoch haben das
21. Jahrhundert im Visier.
Kunst war für Curt Stenvert in erster Linie ein geistiger Prozess.
Realitätsabbildung genügte ihm nicht. Er wollte bewerten, erörtern,
Zusammenhänge darlegen, wollte psychische und physische Entwicklungen
beleuchten und dadurch die Menschheit verändern. Ein wacher Blick
für Zeit-Phänomene, ein scharfer Intellekt, spitzzüngige
Kritik und ständig sich erneuernde Ideen-Impulse kennzeichneten ihn
und seine Arbeit.
Bei alldem, jenseits seiner durch seine Arbeit vermittelten ästhetischen
und philosophischen Programmatik, auch jenseits seines humanistischen
und politischen Engagements, ist er jedoch immer, auch nach seinem Umzug
1977 nach Deutschland, Wiener geblieben, mit der für diese Stadt
und ihre Menschen so typischen Vorliebe für das Thema Tod, in das
die Frauen und die Liebe unauflösbar verwoben sind. Stenvert verbindet
diese Themen in einer unnachahmlichen Mischung von Obsession,
Aggression und Witz, fern von jeder Sentimentalität.
Biografie
1920 wurde Kurt Steinwender in Wien geboren. Ab 1969 nannte er sich offiziell
Curt Stenvert. Von 1942 bis 1949 absolvierte er ein Studium der Malerei
an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Gleich darauf nahm
er ein weiteres Studium am Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität
Wien auf. 1950 erhielt er den österreichischen Staatspreis für
den Film „Die Kugel und der Mensch“. 1951 bekam er das Diplom
für den ersten österreichischen Experimentalfilm „Der
Rabe“ bei den
II. Internationalen Filmfestspielen in Venedig und bei den Filmfestspielen
in Edinburgh. Von 1951–52 arbeitete er als Herstellungsgruppenleiter,
Drehbuchautor, Regisseur bei der Hoela-Film, Wien. Ab 1953 wechselte er
zu der Firma Delta-Film, Wien wo er als Drehbuchautor und Regisseur arbeitete.
Dort kam es auch zu der ersten Arbeit mit österreichischen Komikern,
wie Rudolf Carl, die sich in späteren Filmen fortsetzte. Zudem erhielt
er ein Stipendium des Institut Français, Wien, für einen Studienaufenthalt
in Paris; dort „erfindet“ ein Graf Schönborn an einem
Caféhaustisch den Künstlernamen Curt Stenvert. Im Zeitraum
zwischen 1951–66 entstanden neben Spielfilmen auch Dokumentarfilme,
wie z.B. „Energie aus der Sonne“, „Rad und Schiene“,
„Freiheit für den Menschen“ und Experimentalfilme wie
„ Gigant und Mädchen“ so wie auch Kunstfilme wie „Alfred
Kubin – Abenteuer einer Zeichenfeder“.
1957 gründete er seine Firma mit dem Namen „Kurt Steinwendner
– Filmproduktion GmbH“. Im Laufe seiner Filmkarriere erhielt
er diverse Auszeichnungen wie 1959 den österreichischen Staatspreis
und 1962 den „Silbernen Bären der XII. Internationalen Filmfestspiele
Berlin“. Ab 1962 wendete er sich der Objektkunst zu. 1965 konzipierte
und verfasste er das „Manifest 1 der Funktionellen Kunst des 21.
Jahrhunderts“. 1967 erhielt er den Auftrag, eine von ihm angefertigte
funktionelle Signal- und Informationsplastik für die Expo anzufertigen.
1970 übernahm er eine Dozentur für Objektkunst an der Staatlichen
Akademie der bildenden Künste in Kassel; sowie von 1970–71
eine Dozentur für Objektkunst an der Staatlichen Akademie der bildenden
Künste Karlsruhe. 1971 entstand als Resultat und Zusammenfassung
aller bisherigen theoretischen Arbeiten das „Manifest 2“ der
bio-kybernetischen Malerei der Funktionellen Kunst des 21.Jahrhunderts.
1979 zog er nach Köln. Ab 1982 entwickelte Stenvert die „Prozess-Perspektive“,
welche die „Raum-Perspektive“ im Tafelbild ablösen sollte.
In Köln entstanden seine großformatigen Tafelbilder. 1992 starb
Curt Stenvert in Köln.
Ausstellungen (Auswahl)
Ausst. des Art-Clubs mit Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Erich Bauer, Friedrich
Hundertwasser, 1947
„Galerie d’Art Moderne“ mit Picasso und Calder, Basel
1948
Galerie Le Zodiaque, Brüssel 1966
XXXIII. Biennale, Venedig 1966
EXPO ’67 Exposition Universelle et Internationale Montreal 1967
Galleria d’Arte, Padua 1968/1984
Musée National d’Art Moderne, Padua 1968
Neue Darmstädter Secession, Darmstadt 1969
Galleria d’Arte Narciso, Turin 1969/1975/1978
Kunstforum und Galerie Buchholz, München 1971
Galleria d’Arte Borgognona, Rom 1971
ART 77 Washington International Art Fair, Washington 1977
Hessisches Landesmuseum, Darmstadt 1979
Leopold-Hoesch-Museum, Düren 1984
Rupertinum, Salzburg 1985
Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart 1986
Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg 1979
Galleria civica d’arte moderna, Ferrara 1969
Städtische Museen, Freiburg/Breisgau 1980
Kulturhaus, Graz 1984
Kunstverein, Gütersloh 1985
Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck 1982
Städtische Galerie Erlangen 1997
Cornelimünster, Aachen 2006
Unteres Belvedere, Wien 2008
Bibliografie (Auswahl)
Pinottini, M.: Curt Stenvert or of allegory, Torino 1975
Kölner Skizzen: Portrait Curt Stenvert, 3. Jahrgang Heft 4/1981
Eimert, D.: Curt Stenvert, Recklinghausen 1986
Mißelbeck, R. (Hg.): Curt Stenvert, Frauen-Liebe-Tod, Ausstellungskatalog,
Städtische Galerie Erlangen 1997
Stand: 5.11.2008
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