
|
|
Walter Tafelmaier
Zielemp-Objekt-Mappe
1972
Objekt Kassette mit 4 Multiple-Collagen und Dokumentation
Exemplar Nr. 1 von 50 signierten, nummerierten und datierten Exemplaren
Text: Jürgen Weichardt
Edition Galerie im Zielemp, Olten
Größe: von ca. 18 x 15,5 cm bis 14,5 x 14,5 auf 40 x 40 cm
Schenkungswunsch
Mappentext
Der Einfall war so geschickt wie naheliegend – er basierte auf dem
eigenen grafischen und collagierten 'Werk und überwand es zugleich:
Das Handschuhhappening, das Fingerfest im Münchner Kunstverein. Erfolg:
Das Publikum verlor die Scheu – ein Handschuh-objet trouvé
kann kaum ein Kunstwerk sein! Anstelle von Fehde- jetzt Juxhandschuhe?
Für Walter Tafelmaier bedeutet das Münchner Handschuhspiel einen
Durchbruch mit möglichen Konsequenzen: Ein längerer, in den
Bildern schon angedeuteter Klärungsprozess, ein grösserer Rahmen
ist offensichtlich geworden: Akzeption und Objektivierung des Gegenständlichen
und zugleich seine Distanzierung vom Individuum Künstler; der Schritt
vom fertigen Kunstwerk zur freien Aktion, zur Wirklichkeit, in der Kunstübung
unmittelbar relevant wird. Hat Tafelmaier in den Grafiken früherer
Phasen bis etwa 1968 in einer exzellenten Technik ein Pandämonium
„böser" Figuren geschaffen –vom „König"
bis zur „Nonne", vom „Teufel" bis zu „Vögeln"
– so gelangt er in den jüngeren Blättern zum einfachen
Gegenstand. Die älteren Grafiken zeigen alle Merkmale eines ästhetischen
Kunstwerkes: Freies Linienspiel, das sich zu figurativen Formen konzentrieren
kann. Mehrfarbigkeit oder abgestufter Schwarz-Weiss-Gegensatz, handschriftliche
Ausdrucksweisen im Lineament und in der verdichteten Form und klar gegeneinander
abgesetzte Flächen. Zu diesen Bildelementen kommen noch sehr persönliche
Beigaben: Titel, sprachliche Kontraste, die inhaltlich über Assoziationen
nach Bestätigung verlangen: ein satirischer und manchmal gesellschaftskritischer
Zug, der in späteren Arbeiten seinen esoterischen Charakter verlieren
und allgemeinverständlicher wird.
Die Collagen von 1969 und 1970 dokumentieren einen Schritt voran und eine
schon leicht veränderte Auffassung des Begriffes Kunst. „Zahlenpilz"
zeigt übereinandergesetzte Flächen in Pilzform mit breitem Stamm,
schwarz auf schwarzem Grund, nur aufgelockert durch die haarähnlichen
Auswüchse aus einer Öffnung an der Spitze. Diese prototypische
Arbeit enthält die neuen Züge: Das Material, jetzt präfabriziertes
Papier, etwas manipuliert – Tafelmaier beginnt hier das Spiel mit
Objekten des Alltags: die Einschränkung der Farbigkeit: Schwarz in
verschiedenen Stufungen und die Belebung durch das Licht, das wechselnde
Schatten provoziert. Es wird zum Träger der Bewegung und kann von
aussen scheinbar Veränderungen im grafischen Bau der Collage hervorrufen.
Weiter die Kontrastierung von flächigen und plastischen Formen, von
Fläche und Haaren, was eine Durchbrechung gewohnter Bildvorstellungen
bedeutet. Hier zeigt Walter Tafelmaier Ansätze zu den späteren
Aktionen: Realfaktoren in Bildkompositionen reizen zum Spiel. Dennoch
darf, wie die Collage „Fingerlandschaft" beweist, nicht übersehen
werden, dass die Arbeiten von Tafelmaier auch noch andere, schwer beschreibbare
Dimensionen besitzen. Reale Formen aus gebrauchten Materialien werden
zeichnerisch zwar verdeutlicht, doch ergibt die Komposition kein Wirklichkeitsbild.
Die im Titel angesprochene Landschaft ist aus der Arbeit nur schwer herauszukristallisieren:
Sie bleibt begrifflich doppeldeutig: Landschaft = Struktur und Zeichnung
der Finger – oder Landschaft, in der dann die Finger Landschaftselemente
darstellen als Assoziationsergebnis. Diese Mehrdeutigkeit hat die Funktion
des Denkanstosses zur Beschäftigung mit dem Kunstprodukt. In ihr
subsumiert sich, was vorher literarische Zutat war: Eine nicht ohne satirische
Schärfe formulierte Poesie.
Die Offenheit eines der Realität diametral entgegengesetzten Landschaftsbegriffes
demonstriert auch die Collage „Handlandschaft", in der sich
eine Landschaftsvorstellung sehr schwer einstellen will. Anders dagegen
die beiden Arbeiten „Landschaft mit Gummifinger" und „Pilzlandschaft";
in der ersten sind Landschaftsformen zu erkennen, aus deren Mitte der
schräg aufragende Gummifinger herauswächst; im zweiten Falle
ist mit dem Begriff die Struktur der Oberfläche gemeint. Der Assoziationsbereich
in diesen Arbeiten wird noch erweitert: Die Finger und Pilzstämme
erinnern an Phallusformen, die selten recht eindeutig herausgestellt werden.
Tafelmaier wendet hier ein Prinzip an, das in allen Blättern dieser
Phase zu finden ist: Vielfalt und Doppeldeutigkeit der Formen, um Assoziationen
freizusetzen.
Das gilt auch für Kompositionen, in denen Tafelmaier den Inhalt auf
eine relativ kleine Endform konzentriert, z.B. „Gummifinger"
oder „Zahlenfinger". Doch wichtiger ist in der ersten Arbeit
die reine Volumenform der ineinander gesteckten Gummihüllen, die
von der Fläche fortstrebt, wodurch das Motiv reale und nicht mehr
illusionäre Räumlichkeit besitzt. Auch hier überschreitet
Tafelmaier die Grenzen der bisher für ihn charakteristischen Stilgebung.
Dieser Schritt ist lange vorbereitet worden – durch die Wahl der
Materialien, der Inhalte und Titel, durch das Streben nach einer leichter
fasslichen Gegenständlichkeit. Von hier ist mit zu den Handschuhen
kein weiter Weg mehr. Gleichzeitig aber tritt der Künstler selbst
immer mehr in den Hintergrund. Die letzten Arbeiten, auch die „Handschuh"-Grafiken,
besitzen eine viel grössere Anonymität als die früheren
Collagen. Tafelmaier hat offensichtlich erkannt, dass die autoritäre
Selbstdarstellung des Künstlers im einzelnen Kunstwerk auf ein breiteres
Publikum hemmend wirken kann – es ist weder geistig noch spielerisch
bereit, sich hier zu aktivieren. Will also der Künstler eine grössere
Relevanz erreichen, so muss er die betonte Haltung der Individualität
aufgeben. Es zeigt sich, das die Qualität darunter nicht zu leiden
braucht, ob nun das Motiv präzise beschreibbar und leichter verstehbar
geworden ist ohne handschriftliche Zugaben des Autors, oder ob das Emotionale
des Künstlers in einer spontanen Sensibilisierung der Flächen
und Formen stärker hervorgehoben wird. Tafelmaier hat in seiner konsequent
entwickelten Collagereihe sogar gezeigt, dass diese Sensibilität
auch durch die Verwendung von vorgeformten Materialien sichtbar zu machen
ist. Und selbst die heliografierten „Handschuhe" tragen Zeichen
dieser persönlichen Empfindungsweise. Sie sind die unmittelbaren
Vorläufer des Handschuhfestes, aufgezeichnete Fingerspiele, bei denen
der für Tafelmaier stets wesentliche literarische Aspekt in eine
fast theaterhafte Gestik verwandelt worden ist. Die Wahl des Handschuhs
als Motiv ist allerdings etwas anderes als die realistische oder pophafte
Wiedergabe eines Daumens oder einer Faust. Der Handschuh ist nicht originär
human, ist aber auch nicht verletzlich. Er ist Hilfsmittel, Schutz, Zutat
und schafft Distanz. Das Spiel mit ihm, ob grafisch oder real, enthält
jenen Schuss Ironie, sogar Satire, der für das Gesamtwerk von Walter
Tafelmaier typisch ist. Seine Blätter besitzen nicht die fragwürdige
tagesaktuelle Dimension des Agitierens, sie verzichten auch auf die heute
billig wirkende, aber ästhetisch perfekte Poppräsentation. Tafelmaier
hat einerseits gerade das Ästhetische in seinen Arbeiten zurückgedrängt
– und am weitesten gewiss in seinen Handschuhbildern, andrerseits
hat er viel früher als die Mode politische Arbeiten produziert, freilich
hintergründiger und spitzer als die Agitprop-Malerei prononciert
politischer Kunst.
Tafelmaier ist es gelungen, von der Grafik zur Aktion, von der Abstraktion
zur Realität, von der in sich gekehrten Form zum offenen Spiel vorzustossen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass er in Zukunft auf Grafik und Collage verzichten
muss. In ihnen vollzieht sich die Kontinuität, deren Höhepunkte
die freien Aktionen markieren. Tafelmaier hat somit eine Breite von Ausdrucksmöglichkeiten
gewonnen, die die Stille meditativer Betrachtung und die nach aussen gewandte
Zeichenhaftigkeit ebenso enthält wie die im Handschuhfest manifestierte
Erweiterung des – persönlichen – Kunstbegriffes: Kunst
für alle ist Befreiung von den musealen Zwängen der rein visuellen
Ästhetik, ist Aktivierung spontaner Kräfte zu – vorerst
– spielerischer Kreativität.
Jürgen Weichardt
Zur Biografie
zu den
Ausstellungen (Auswahl)
Zur Bibliografie
Stand: 8.10.2005 |