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Richard Tuttle

Plastic History

1991
Mappe mit 3 Siebdrucken auf handgeschöpftem Papier mit pigmentierter Gelatine
Texte von Descartes, Spinoza und Beuys in Garamond auf handgeschöpftem Papier aus braunem Cordsamt und weißen
Lumpen mit Mikapapier (Watson Paper Company, Albuquerque, New Mexico)
Exemplar Nr. 17 von 50 signierten und nummerierten Exemplaren
Druck: United Arts, Albuquerque, New Mexico, USA
Verlag: Edition Waßermann, München, 1991
Größe: 65,5 x 48,0 cm
Erworben 1996

Text im Mappendeckel
Flying back from Europe, I wondered why not have this airplane be the apex in history? Underneath would be a flow of history as smooth as an air current that I trusted, but was only time.

Als ich von Europe aus wieder nach Hause flog, fragte ich mich, warum nicht dieses Flugzeug zum Scheitelpunkt der Geschichte machen? Darunter wäre ein Strom von Geschichte, so sanft wie ein Luftstrom, dem ich vertraue, aber nur Zeit war.
Richard Tuttle
1990

First page:
René Descartes Discourse on Method
Discourse Number Five, Penguin Books, 1969, page 72

Second page:
Baruch Spinoza The Ethics
Citadel Press, 1957, page 80

Third page:
Joseph Beuys Joseph Beuys: Life and Work
Adriani, Konnerts, Thomas, Barron’s N.Y., 1979, page 274

Biografie
Geboren 1941 in Rahway, New Jersey. Lebt und arbeitet in Santa Fe, New Mexico und New York. 1962 Besuch der Pratt School of Design in Brooklyn, New York. Ein Jahr später wechselt er an das Trinity College in Hartford, Connecticut. 1963–64 Besuch der Cooper Union School of Art and Architecture, New York. Ab 1963 erste Papierkonstruktionen, bemalte Sperrholzreliefs und Untersuchungen der Beziehungen zwischen dem Kunstwerk und seiner Umgebung. 1967 beginnt er monochrom eingefärbte vieleckige Leintücher herzustellen, die man beliebig drehen, hängen und legen kann. 1968 Reise nach Japan, dort Beschäftigung mit fernöstlicher Kultur und Philosophie, die seine „Metaphysik des Einfachen“ prägte. Mit seinem minimalen Materialaufwand lotet er die Beziehungen und Grenzen zwischen Malerei und Skulptur aus. In diesen gattungsübergreifenden Werken fließen Positionen von Hard-Edge, Minimal und Pop Art zusammen, er wird aber unverändert dem Postminimalismus zugeordnet. Die assemblageartige Kombination vorgefundener Trivial-Gegenstände (z. B. Styroporver-packungen, Kabelreste, Nägel, Notizblöcke) wirkt unprätentiös und zufällig. Minimale Eingriffe in das Material heben es über die Grenze zwischen Kunstobjekt und Alltagsmaterial. Die Arbeiten wirken fragil und ephemer. Im Verlauf des Werkprozesses ist die Tendenz zur Entmaterialisierung feststellbar. Bei der Einrichtung von Ausstellungen handelt Tuttle situativ, weist den Beziehungen zwischen dem Werk und seiner Umgebung große Bedeutung zu. Der entschiedene Einzelgänger sieht seine Arbeit „als Suche nach einer Schönheit, die das Ich ausschließt ... einem Ausdruck jenseits der Sprache“. Tuttles Fragmente sind von romantischem Transzendentalwollen gesättigt und von fixen Bezüglichkeiten befreit zugleich. Das macht einen Gutteil der Poesie aus, die dem Werk immer wieder attestiert wird. Es prägt aber auch Tuttles Begriff von Zeichnung, den er für sein gesamtes Werk reklamiert. Gleich in welchem Material und welcher Gestalt die einzelnen Arbeiten ausgeführt sind, sie sind
„drawing“ im Sinne von „to draw“ als dem Herausziehen eines Sachverhalts aus einer unsichtbaren in die sinnlich zugängliche Welt. Zeichnung wird zum Zentralbegriff des Werkes aber auch durch die Vielfalt der Verfahren, die Tuttle diesem in den Sechzigern und Siebzigern so hoch geschätzten Genre hinzugewonnen, mit denen er es zum Bewusstseinsseismografen gemacht und dennoch sinnlicher Erfahrung geöffnet hat. Gleich ob er Farbspuren zu Raumgebilden schichtet, linear Flächen vermisst oder mit skulpturalen Montagen in den Raum zeichnet, immer ist die Spannweite zwischen Idealität und Werkgestalt des alten Disegno zu spüren, wenn auch der humanistische Optimismus längst gebrochen ist. Auch hier gilt Novalis’ Postulat, nach dem „alles Sichtbare am Unsichtbaren haftet“.

Bibliografie / Ausstellungen (Auswahl)
Stemmler, D. u. a. (Hg.): Richard Tuttle. Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1985 (Ausstellungskatalog)
Elger, D. (Hg.): Richard Tuttle. Sprengel Museum, Hannover 1990 (Ausstellungskatalog)
Poetter, J. (Hg.): Richard Tuttle. Chaos, die Form/The Form. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Stuttgart 1993 (Ausstellungskatalog)
Haldemann, M. (Hg.): Richard Tuttle: Replace the Abstract Picture Plane, Zug/Schweiz 2001

Einzelausstellungen
Museum of Modern Art, New York 1972
Kunsthalle Basel 1977 (Katalog)
Stedelijk Museum, Amsterdam 1979 (Katalog)
Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1985 (Katalog)
Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris 1986 (Katalog)
Richard Tuttle: Perceived Obstacles (1990/91) – wahrgenommene Hindernisse (1991/91),
Westfälisches Landesmuseum, Münster 2001

Gruppenausstellungen
documenta 5/6/7, Kassel 1972/77/82
Biennale Venedig 1976

Stand: 8.10.2005

 
           
 
Ausstellungen der Städtischen Sammlung Erlangen:
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