
Schwarzlicht 1
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Gerhard Vormwald
Schwarzlicht 1 (Brot mit Kerze)
1996
s/w-Fotografie, 60 x 50 cm
Schenkung Gerhard Vormwald, 2005
Schwarzlicht 3 (Brotscheiben im Käfig
mit Kerze)
1996
s/w-Fotografie, 60 x 50 cm
erworben 2005
„Die Autonomie der Dinge“
1995
drei s/w-Fotografien, 24 x 30 cm
Schenkung Gerhard Vormwald, 2005
Zum Werk
Sobald sich der Mensch der diffusen Welt der Dinge annähert und danach
trachtet, sich in ihr zu behaupten, tut er dies, indem er Ordnung schafft.
In dem, was er dabei um sich gruppiert, sieht er primär das Spiegelbild
seiner selbst. Ja, er nimmt eine Vermenschlichung der Dinge vor, indem
er sie auf sich bezieht, indem er ihnen seinen Stempel aufdrückt
und sie hinsichtlich ihres Für-Ihn-Seins untersucht. Dabei erfasst
er weder das von ihm entfernte Wesen des Anderen oder Fremden noch das
Ding an sich, sondern immer nur die darin steckenden oder angelegten,
ihm dienenden oder helfenden Möglichkeiten.
Solange die Dinge ihm zur Hand sind, erscheinen sie ihm vertraut, und
weil das Unvertraute Angst oder Ekel einflößt, überführt
der Mensch die Dinge in seinen von Zwecken bestimmten Kosmos. Dort weist
er ihnen entweder einen Gebrauchs- oder einen Tauschwert zu. Sobald die
Dinge sich nach ihm zu richten scheinen und der Mensch diese nicht mehr
als etwas von ihm Losgelöstes und Unabhängiges erfährt,
glaubt er, über sie zu triumphieren und im Besitz der Macht zu sein.
Die Beziehungen, die er zu den Dingen aufnimmt, bestätigen ihn in
seiner Souveränität.
Was aber passiert, wenn die Dinge ihm entgleiten, sie nicht länger
mehr für ihn da sind, sondern sie sich von ihm abwenden oder vor
ihm fliehen, wenn das Subjekt-Objekt-Verhältnis gekündigt oder
hinfällig ist? Was ist mit den Dingen, wenn sie keinen Zweck mehr
erfüllen und wenn sie nur noch das sind, was sie von sich aus sind?
Diese dem Menschen entgehende Autonomie der Dinge ist es, die den Fotograf
und Künstler Gerhard Vormwald zu immer neuen Bildern und immer anderen
Inszenierungen treibt. Im Grunde ist er einer, der, mit den Dingen experimentierend,
schaut, wie sie sich unter immer neuen Bedingungen verhalten, was sie
über sich sagen. Deren andere Semantik ist Gegenstand seiner Betrachtung.
Dabei macht er nicht etwa Gebrauch von Gegenständen, denen etwas
Besonderes anhaftet. Im Gegenteil: Es ist das ganz und gar Banale, dem
er nachgeht und das er zu Zeichen erklärt, indem er, auf dieses verändernd
einwirkend, es in Zusammenhänge rückt, die den Dingen eine seltsame
Aura verleihen. Ob er einen Löffel so biegt, dass er zu einem Kartoffelständer
mutiert, und ob er ein Ei auf eine Gabel spießt, oder ob er Kartoffeln
um eine brennende Kerze so kreisen lässt, dass die Szene etwas Magisches
umweht. Ob er eine Kiste baut, durch dessen kreisrundes Fenster ein Lichtstrahl
auf einen Zigarettenkippenhaufen fällt, der wie eine Raumschräge
wirkt. Ob er Maschinen baut, um schnell bewegte Objekte, Flüssigkeiten
oder sonstige Materialien im Raum auf widersinnige, der Logik widersprechende
Weise schweben zu lassen. Ob er ein Stillleben mit Reis inszeniert, der
in seiner Turbogeschwindigkeit still gestellt ist. Ob er allerlei Gemüse
zu einem Flugkörper werden lässt, der einem Lichtloch entsteigt.
Ob er diverse Zigarettenpackungen zu einer bizarren Landschaft vor blauem
Himmel mit Schmetterlingen versammelt oder ob er Stühle zu Pyramiden
türmt, die Dinge entfalten nicht nur ein abstruses, ein magisches
oder sonderbares Eigenleben. Es kommt uns Betrachtern so vor, als beträten
wir eine Traumwelt fern der Menschheit. Hier scheinen alle Gesetze aufgehoben,
ein unkonventionelles Sehen ohne Ufer möglich zu sein. Angesichts
der unendlichen Metamorphosen der Dinge, die zu surreal anmutenden Symbol-
und Bedeutungsträgern geworden sind, stößt die instrumentelle
Vernunft an Grenzen, die vom Auge überschritten werden. Nicht der
Tod der Dinge wird hier erklärt, sondern deren Unheimlichkeit ausgerufen.
Dank der Zauberei eines aus den festgefahrenen Bahnen ausgebrochenen Künstlers
bekommt das Ding mehr Dichte.
Heinz-Norbert Jocks
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Stand: 5.11.2008 |
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